Faktencheck

So realistisch war der „Tatort: Feierstunde“ aus Münster

| Lesedauer: 6 Minuten
Jana Hannemann
Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch) kümmert sich um Professor Boerne (Jan Josef Liefers), der lebensbedrohlich vergiftet wurde.

Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch) kümmert sich um Professor Boerne (Jan Josef Liefers), der lebensbedrohlich vergiftet wurde.

Foto: Wolfgang Ennenbach / WDR

Im Münsteraner „Tatort“ bringt ein Amokläufer Professor Boerne in Lebensgefahr. Doch wie realistisch ist der Fall? Der Faktencheck.

Berlin.  Ein Amokläufer mit Rachegelüsten, eine Psychologin auf Abwegen und ein lebensbedrohlich erkrankter Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers). Im „Tatort: Feierstunde“ bunkert Professor Harald Götz (Peter Jordan) ein Waffenarsenal, kündigt seiner Psychologin Dr. Corinna Adam (Oda Thormeyer) seinen Amoklauf an und nimmt daraufhin unzählige Wissenschaftler als Geiseln.

In nur 90 Minuten wird nur so mit Krankheiten um sich geschmissen – von ALS über Tollwut bis hin zu Botulismus. Und zwischendurch wollen die Kollegen auch noch Boerne mit Insulin töten. Da konnte der Zuschauer schnell den Überblick verlieren. Wir machen den Faktencheck.

• Waffenkauf im Darknet

Pumpgun, Gewehr, Munition: Harald Götz bestellt illegal im Internet 20 Waffen und lässt sich alles bequem mit der Post nach Hause schicken. Ist der Waffenkauf im Darknet wirklich so einfach?

Das Darknet ist wie ein Eisberg – von oben sieht der Berg klein aus, aber erst unter der Oberfläche offenbart sich seine wahre Größe. Auch das Internet geht endlos in die Tiefe. Google und Co. sind nur die sichtbare Spitze, darunter aber liegt ein verborgener Berg an Informationen. Genaue Zahlen, wie groß der versteckte Teil ist, gibt es nicht. Aber hier gibt es eigentlich alles zu kaufen – auch Waffen. Bezahlt wird mit digitalen Bitcoins.

So kam der Münchner Amokläufer David S. über das Darknet an Pistole und Munition. Dafür hat er laut Polizei 4350 Euro gezahlt. Verschickt wird das Bestellte in mehreren Sendungen. Dass der Amokläufer im „Tatort“ also eine komplette Pumpgun in einem Paket erhält, ist eher unwahrscheinlich. Im echten Leben werden sowohl die Waffen als auch die Munition zerlegt. Polizei und Zoll haben aber ein Auge auf den Handel. Postsendungen werden abgefangen, Kreditkartentransaktionen zurückverfolgt. Im Darknet geben sich Fahnder als potenzielle Käufer aus und decken so illegale Waffendeals auf. So nahmen Ermittler auch den Lieferanten fest, der die Waffe an David S. verkauft hatte.

• Ärztliche Schweigepflicht

Kommissar Thiel (Axel Prahl) fordert im „Tatort“ die Psychologin auf, die Krankenakte von Harald Götz herauszugeben. Ihre Schweigepflicht ende, wenn ein Patient eine potenzielle Gefährdung darstelle. Stimmt das?

Die ärztliche Schweigepflicht gehört zur Berufsethik. Sie gilt auch über den Tod des Patienten hinaus. Wer sie verletzt, dem droht nach Paragraf 203 StGB eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr. Im „Tatort“ schildert Harald Götz seiner Psychologin immer wieder lebhaft, wie er Professor Boerne erschießen möchte. Sie weiß auch von seinem Waffenarsenal. In diesem Fall würde ihre Schweigepflicht erlöschen.

Denn erfährt ein Psychologe von seinem Patienten, dass dieser eine schwere Straftat wie Mord, Totschlag, erpresserischen Menschenraub oder eine Geiselnahme plant, muss er dies nach Paragraf 139 StGB anzeigen.

• ALS

Martina Götz, Ehefrau des Amokläufers, hat im „Tatort“ Amyotrophe Lateralsklerose – kurz ALS. Harald Götz forscht an einem Heilmittel. Gibt es wirklich keine Heilung von ALS?

ALS ist eine chronische und fortschreitende Erkrankung des zentralen Nervensystems, für die es bisher keine Heilung gibt. Die motorischen Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark sind geschädigt, so dass die Krankheit zur Lähmung des Körpers, zu Schluckstörungen und einer Beeinträchtigung der Atemfunktion führt, die der Körper irgendwann nicht mehr selbst übernehmen kann. Viele der Erkrankten sterben innerhalb von drei bis fünf, die meisten ersticken.

• Tollwut

Im „Tatort“ wird Professor Boerne vergiftet, er schwitzt, hat Atemprobleme und kann kaum noch sprechen. Der Professor hat Tollwut, wird vermutet. Das ist tödlich. Infiziert hat er sich nur durch den Verzehr eines Häppchens. Für Mediziner Bernhard Fleischer vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin ein „sehr, sehr konstruierter“ Fall. Die Infektion wäre nur möglich, wenn man das Organ, am ehesten das Gehirn, eines tollwütigen Tieres essen und sich über die eigene Schleimhaut im Mund infizieren würde. Eine solche Infektion sei „extrem unwahrscheinlich“, so der Mediziner. Der normale Infektionsweg sei der Biss.

• Botulismus

Bei den Ermittlungen stellt sich heraus, dass Boerne an Botulismus leidet. Er überlebt die lebensbedrohliche Vergiftung und steht wenige Tage später wieder im weißen Kittel in der Pathologie. Geht das?

Bei Botulismus ist die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln blockiert. Wie Boerne im „Tatort“, sieht der Erkrankte verschwommen, die Pupillen sind geweitet. Es kommt zu Sprech- und Schluckstörungen. Wenn sich die Lähmung weiter ausbreitet, kommt es am Ende zur Lähmung der Herz- und Atemmuskulatur. Der Erkrankte erstickt oder erleidet einen Herzinfarkt.

Professor Boerne erhält im „Tatort“ ein Gegengift. Das wendet auch im realen Leben den Tod ab. Allerdings verschwinden die Lähmungserscheinungen sehr langsam, oft erst nach Monaten. Dass Professor Boerne also nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt wieder fit und gesund auf der Arbeit erscheint, ist eher ungewöhnlich.

Manche Menschen lassen sich das Gift sogar absichtlich spritzen. Botulinumtoxin – im alltäglichen Sprachgebrauch Botox genannt – wird gerne für zur kosmetischen Behandlung und Glättung der Falten benutzt.

•Insulin

Die Kollegen wollen Professor Boerne eine Überdosis Insulin spritzen und ihn so töten. Der perfekte Mord?

Professor Boerne ist bekanntlich nicht zuckerkrank. Hätten seine Kollegen ihm also grundlos eine Überdosis vom Diabetes-Medikament Insulin gespritzt, wäre es zu einer Unterzuckerung des Körpers gekommen. Das hätte zu einem Sauerstoffmangel im Gehirn geführt – und damit zum Tod. Und ohne einen Verdacht, ist der Insulinmord schwer nachweisbar.