Trend

Vinyl, Polaroid, Hipster – Was uns an Retro so fasziniert

Mode, Lebensstil, Individualität. Wer auf Retro-Stil setzt, kann viele Gründe haben. Auch die Auflehnung gegen die Eltern gehört dazu.

Der Hipster kommt gern gediegen daher. Doch den Retro-Stil haben die Jungs mit den schicken Klamotten und den markanten Bärten nicht für sich allein gepachtet.

Der Hipster kommt gern gediegen daher. Doch den Retro-Stil haben die Jungs mit den schicken Klamotten und den markanten Bärten nicht für sich allein gepachtet.

Foto: Westend61 / imago

Berlin.  Er ist Anfang 21, studiert mit mäßiger Begeisterung BWL und wohnt zeitweise immer noch bei seinen Eltern. Er ist mit Computer, Spielekonsole und mp3 aufgewachsen. Er steht auf Fußball und Musik. Einer wie viele. Wir nennen ihn an dieser Stelle einfach Jan. Von Schallplatten hatte Jan lange Zeit nur gehört, aber noch nie eine in der Hand gehabt. Seit einiger nun steht in seinem Zimmer neben dem CD-Player ein gebrauchter Plattenspieler, daneben ein Stapel LPs, die er sich auf dem Flohmarkt besorgt hat. „Ich hab die Nase voll von dem elektronisch-hochgerüsteten Kram und von dem Wahn, immer das Neuste haben zu müssen“, sagt Jan.

Genau diese Mentalität, das Lechzen nach dem neuesten Hightech-Schnickschnack, ist es auch, die Jan an seinem Vater nervt. Der habe vor ein paar Monaten seinen Mittelklassewagen „zur rollenden Kommandozentrale aufgerüstet“, lästert Jan und verdreht die Augen. „Bluetooth, USB-Anschluss, Sprachsteuerung, WLAN-Hotspot, E-Mails – das volle Programm.“ Jan findet den Tick seines Vaters albern: „Das ist affig und peinlich, wie der einen auf hip machen will.“ Jan überlegt seinerseits gerade, ob er sich ein gebrauchtes Tapedeck zulegen soll, von einer Plattenbörse hat er kürzlich ein Köfferchen mit Audio-Kassetten mit nach Hause gebracht: „Mein Vater hat nur gelacht.“

„Vintage wird zum Protest gegen das Elternhaus“

Uralt-Technik als Form der Auflehnung gegen die Eltern? Füllen angestaubte Langspielplatten und leiernde Band-Kassetten heute die Rolle aus, die in den Siebzigern lange Haare, zerschlissene Jeans und der Peace-Sticker am Parka hatten? Retro als Revolution? Der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann hält das für möglich. „Die Väter laufen in Sportklamotten herum und machen einen auf jung, da wird Vintage zum Protest der Söhne gegen das Elternhaus.“ Wer sich dem Trend zum immer Neuen widersetzt, wendet sich gegen die Norm. Und löchrige Jeans schocken heute keinen Vater mehr – er trägt sie ja selbst.

Jan ist mit seinem Plattenspieler kein Einzelfall. Seit Jahren rollt die Retro-Welle, und es ist kein Ende in Sicht. Es sind längst nicht nur die alten Vinylscheiben, die wieder nach oben gespült werden. Sofortbildkameras, Singlespeed-Räder, Gameboys erleben ihre Wiedergeburt. Handys stecken in altmodisch-gediegenen Lederetuis, man verschickt wieder Ansichtskarten aus dem Urlaub. Sportartikelhersteller machen satte Geschäfte mit Trainingsjacken und Sporttaschen aus den Siebzigern. Die Nationalmannschaft läuft im Fritz-Walter-Gedächtnistrikot aus den Fünfzigern auf. Auf neu getrimmte Oldtimer-Marken wie Fiat 500 und Mini sind Verkaufsschlager. Und erst diese Hipster mit ihrem inszenierten Jute-Beutel-Look! Retro – das ist mehr als eine Mode. Es ist ein Statement.

Die Sehnsucht nach Entschleunigung

Dabei taugt Retro als Folie für verschiedene Lebensgefühle: als wertige Alternative gegen die Wegwerfgesellschaft, in der technische Produkte geradezu programmiert werden, nach zwei, drei Jahren den Dienst zu versagen; als Befriedigung einer Sehnsucht nach Entschleunigung der vom eigenen Tempo überforderten „Nie-mehr-offline“-Generation; als Ausdruck einer betonten Individualität gegen den alles überragenden Massentrend. Und: als tiefes Bedürfnis, die Dinge nicht nur zu benutzen, sondern mit ihnen zu leben.

Etwas zu begehren, dann zu kaufen, zu benutzen, zu pflegen, es reparieren zulassen, erneut zu benutzen – all das macht es für viele Menschen wertiger, wertvoller. Der Gebrauchsgegenstand wird zum Teil der eigenen Biografie. Man kann einen alten Plattenspieler, ein verkratztes Fahrrad, eine abgegriffene Ledertasche wertschätzen, aber das braucht Zeit. Lebenszeit. Das wertvollste, was wir haben.

Die „Schwarzwaldklinik“ aus den Achtzigern lässt grüßen

Natürlich bedient der Retro-Markt auch ein diffuses Nostalgie-Gefühl der „Früher-war-alles-besser“-Fraktion. Gerade erst zeigte eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov: Die Deutschen blicken sehnsüchtiger in die Vergangenheit als noch vor einem Jahr. Während 2015 noch jeder Vierte (26 Prozent) der Aussage „Früher war alles besser“ zustimmte, ist es inzwischen jeder Zweite bis jeder Dritte (41 Prozent). „Früher war alles schlechter“, glauben dagegen nur vier Prozent der befragten Deutschen. Als besonders verlockend bewerten die Befragten die Achtziger: Boris Becker und „Schwarzwaldklinik“ lassen grüßen.

Die Industrie hat das wachsende Bedürfnis nach Retro schon lange erkannt – und ein Geschäft draus gemacht. Nicht nur Adidas und Puma mit ihren Sportklamotten. Das Neue muss nicht mehr neu sein. Kleidung, Elektronik, Mobilität – kaum ein Produkt, von dem es keine Vintage-Version gibt. Eines der ersten Unternehmen, das diesen lukrativen Markt erkannt hatte, war Manufactum („Es gibt sie noch, die guten Dinge“). Dort gibt es das schwarze Telefon mit Wählscheibe im 50er-Jahre-Look für 249 Euro und den Bleistiftanspitzer aus Stahl für 128 Euro. Retro für Besserverdiener.

Die mp3-Version wird gelöscht

Jan, der Schallplatten-Wiederentdecker, hat sich kürzlich ein Album von David Bowie als Vinyl-Scheibe gekauft. Die mp3-Version, die es kostenlos und automatisch dazu gab, hat er sofort wieder gelöscht. „Das kommt mir nicht ins Haus“, sagte Jan.

Den Satz kenne ich. Hat mein Vater früher gern gesagt.