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Journalistin begleitet Vater bei Geschlechtsumwandlung

Maaike Sips hat ihren Vater nach 40 Jahren neu kennengelernt. Auf einmal hat ihr Vater ein anderes Geschlecht und einen neuen Namen.

Maaike Sips auf dem Schoss ihres Vaters, der nun Monica heißt.

Maaike Sips auf dem Schoss ihres Vaters, der nun Monica heißt.

Foto: privat

Berlin.  „Normal“ ist das Wort, das Maaike Sips häufig benutzt, wenn sie von ihrem Vater spricht. Sie sagt dann, alles sei „total normal“: die Familie, die Kleider, die Frisur, die Gespräche. Schwierig wird es, das gibt sie dann doch zu, wenn jemand Neues auf ihren Vater trifft. Wenn sie ihren Vater vorstellt, sagt sie: „Das ist Monica.“ Das Wort „Vater“ benutzt sie dann nicht. Es soll nicht gleich am Anfang allen klar sein, dass „etwas mit ihr ist“. Außerdem kommen dann immer die Fragen: Warum ist dein Vater eine Frau? Ist sie überhaupt „wirklich“ eine Frau? Warum erst mit fast 70 Jahren? Muss ich von ihm als „sie“ sprechen? Und die wohl wichtigste Frage: Kann Monica der Vater bleiben?

Die 44-jährige Niederländerin kann auch heute noch nicht all diese Fragen beantworten, und vielleicht kann das nicht einmal ihr Vater. Aber zum Glück kommen diese Nachfragen immer seltener, denn ihr Vater, inzwischen 71 Jahre alt, sieht ein Jahr nach der Geschlechtsumwandlung mit jedem Monat mehr wie eine Frau aus.

Die Tochter lernte einen neuen Menschen kennen

Doch damit verliert Maaike Sips auch äußerlich immer mehr den Mann, den sie ihr ganzes Leben kannte: Cees, so der alte Name des Vaters, war ein Macho, ein notorischer Frauenheld, ein Trinker und trotzdem auch ein Familienmensch, der seine Töchter liebte.

Begonnen hat es damit, dass ihr Vater Cees sich bei seinen Töchtern meldete und ihnen eröffnete: „Ich möchte als Frau leben.“ Maaike weiß noch, wie sie fragte: Wie lange weißt du das schon? Er sagte: „Schon mein ganzes Leben lang.“ Damit gab sich die Tochter nicht zufrieden und ging auf die Suche nach der Vergangenheit des Vaters: in intensiven Gesprächen, auch mit Verwandten und Lehrern, in Schulakten. Sie begleitete ihren Vater in den drei Jahren zwischen der Entscheidung und der finalen Operation.

Tochter schrieb Buch über Erfahrungen

Über diese intensiven drei Jahre hat sie jetzt ein Buch geschrieben: „Papa Monica“ (Knaur, 336 Seiten, 19,99 Euro). Maaike Sips sagt, dass es für sie auch eine Form der Verarbeitung all dieser Informationen war, die durch die neuen Umstände auf sie einprasselten. „Ich war am Anfang schon sehr überrascht und auch traurig“, sagt die Journalistin, „es hat sich fast angefühlt, als werde mein Vater sterben und ich muss plötzlich einen neuen Menschen kennenlernen, diese Monica.“

Ihr Vater habe ihr aber beteuert, dass doch „nur die Hülle“ anders sei. Doch veränderte sich auch das Wesen der Person, die Maaike Sips 40 Jahre kannte. „Das führte bei mir zu einer großen Erleichterung“, sagt Sips, „all die Probleme, die ich mit ihm hatte, lagen daran, dass er eine Rolle spielte.“ Cees habe überkompensiert und trat sehr machohaft auf, hatte Affären. Heute sagt Monica: „Ich wollte nicht mit den Frauen schlafen, ich wollte so sein wie sie.“

Als Tochter kam sie an ihre Grenzen

Es sind Sätze wie diese, die die Beschäftigung mit dem Thema Geschlechtsidentität so interessant machen, aber die mitunter auch verwirren. Es ist eine freundliche Annäherung an ein komplexes Thema, neutral ist sie als Tochter nicht. Sips erfährt auf dieser Reise in die Vergangenheit des Vaters auch mehr über ihn, als sie vielleicht wissen wollte – etwa über seine SM-Vorlieben. Und wer hört schon ein Elternteil gern den Satz sagen: „Ich kann jetzt nach der Operation sogar wieder einen Orgasmus haben.“

Maaike Sips kam so auch an die Grenzen ihrer eigenen Liberalität. „Ich wollte das nicht alles so genau wissen“, sagt sie heute. „Aber es hat mich meinem Vater auch viel näher gebracht.“ Monica bleibt weiter ihr Vater. Aber nicht alle haben positiv reagiert auf die Veränderung. Der beste Freund von Cees kann bis heute mit Monica nichts anfangen. Die Grundlage ihrer Freundschaft waren Grillabende, Männerdinge eben. Mit Monica geht das nicht.

Und Monicas Ehe? Meintje, Maaikes Stiefmutter, blieb bei Monica. Ihre Ehe wurde offiziell eine Homo-Ehe, obwohl Meintje nicht lesbisch ist. Am Anfang des Buches sagt sie: „Cees hat es geschafft, dass ich mich in ihn verliebe. Das muss jetzt Monica auch hinkriegen.“ Sie hätte auch sagen können: Niemand ist perfekt.