Lebensretter

So erlebte der Rettungsassistent den Anruf des Neunjährigen

| Lesedauer: 3 Minuten
Christine Holthoff
Rettungsassistent Michael Seebold half einem Neunjährigen bei der Wiederbelebung seines kleinen Bruders.

Rettungsassistent Michael Seebold half einem Neunjährigen bei der Wiederbelebung seines kleinen Bruders.

Foto: Andreas Arnold / dpa

Am Telefon erklärte Michael Seebold einem Neunjährigen, wie er seinen Bruder reanimiert. Er will jeden zu Erster Hilfe ermutigen.

Berlin.  Die Nachricht beeindruckte die Republik: Ein neunjähriger Junge hat seinen bewusstlosen kleinen Bruder reanimiert, nachdem dieser in einen Swimmingpool gefallen war. Hilfe bekam er dabei per Telefon von Michael Seebold (41), Rettungsassistent der Leitstelle Waldeck-Frankenberg. Im Gespräch mit unserer Redaktion schildert er, wie er den Anruf des Jungen erlebt hat, welche einfachen Maßnahmen das Leben des Bruders retteten und warum niemand Angst vor Erster Hilfe haben sollte.

„Zunächst war es ein Anruf wie jeder andere“, erinnert sich Seebold. „Ein verweinter Junge am Telefon, den ich erst mal beruhigen musste.“ So weit, so normal. Dann wurde jedoch klar, was passiert war. „Ich konnte schnell rausbekommen, dass der Bruder in den Pool gefallen war und Hilfe brauchte.“

Einfache Erklärungen für schnelle Hilfe

Also erklärte der Rettungsassistent dem Neunjährigen die nächsten Schritte. Gemeinsam mit seiner Großmutter, die nur schlecht Deutsch spricht und daher den Notruf nicht selbst absetzte, zog der Junge seinen Bruder aus dem Pool. Die Kollegen in der Leitstelle schickten parallel ein Rettungsteam.

„Kinder denken in solchen Momenten sehr rational, die sind ganz in der Situation. Das macht es unter Umständen sogar einfacher, ihnen etwas zu erklären“, sagt Seebold. Trotzdem: Mit Begriffen wie „stabiler Seitenlage“ kann ein Neunjähriger nichts anfangen. Deshalb hielt es Seebold möglichst einfach: „Ich habe ihm gesagt, dass er seinen Bruder auf die Seite drehen soll, damit das Wasser ablaufen kann.“

Kinder werden anders reanimiert

Anschließend folgte die Beatmung: „Nase zuhalten, ein paar mal pusten. Man konnte am Telefon hören, das es funktioniert hat.“ Seebold blieb dran und beruhigte den Jungen, bis die Rettungskräfte eintrafen. Eine Herzdruckmassage sei in diesem Fall nicht nötig gewesen.

Generell würden Reanimation von Kindern anders ablaufen als bei Erwachsenen, so Seebold. „Bei Säuglingen reicht es, wenn man sie zur Beatmung flach auf einen Tisch legt, der Kopf braucht nicht überstreckt zu werden, da die Atemwege auf dem Rücken bereits so frei werden.“ Außerdem dürfe man nicht sein volles Lungenvolumen nutzen, sondern den Mundrauminhalt in drei Stößen in den Mund des Kindes pusten.

Nur nicht zu helfen wäre falsch

Ist eine Herzdruckmassage nötig, geschieht das mit ein bis vier Fingern oder dem Ballen von einer Hand, wohingegen bei Erwachsenen beide Hände zur Hilfe genommen werden, um in der Mitte des Brustkorbs – auf einer Linie zwischen den Brustwarzen – Druck auszuüben. Drei bis fünf Zentimeter sollte der Brustkorb von Erwachsenen mindestens eingedrückt werden, bei Kindern lautet die Faustregel ein Drittel des Brustkorbdurchmessers.

Doch viele Menschen scheuen sich davor, überhaupt einzugreifen, wenn Erste Hilfe nötig wäre. Nur etwa jeder fünfte Deutsche beginnt laut dem Deutschen Rat für Wiederbelebung bei einem Kreislaufstillstand mit der Reanimation – oft aus Angst, etwas falsch zu machen. „Das Einzige, was man falsch machen kann, ist, dass man nichts macht“, sagt Seebold. Er empfiehlt zudem, den Erste-Hilfe-Kurs regelmäßig aufzufrischen.

Emotionaler Anruf auch für Seebold

Seinen kleinen Helden hat er übrigens noch mal persönlich besucht. „Es lag mir am Herzen, ihm die Angst zu nehmen. Es ist schließlich nicht einfach, so was zu verarbeiten.“ Auch Seebold selbst wird der Fall wohl noch lange im Gedächtnis bleiben. „Am Telefon hat man sich im Zaum, weil man Ruhe ausstrahlen muss, aber hinterher merkt man schon, wie das einen mitnimmt.“

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