Studie

Warum wir nur glauben, dass wir viele Freunde haben

| Lesedauer: 4 Minuten
Caroline Rosales
Als man jünger war, hatte man mehr Freunde. Im Alter werden die Freundschaften dafür intensiver.

Als man jünger war, hatte man mehr Freunde. Im Alter werden die Freundschaften dafür intensiver.

Foto: imago/Westend61

Studien zeigen: Je älter wir werden, desto weniger Wegbegleiter haben wir. Die bestehenden Freundschaften werden dafür aber tiefer.

Berlin.  Für Annie und Sylvia war es immer wie ein unausgesprochenes Versprechen. Als sie sechzehn waren schwärmten sie für dieselben Typen, lagen nachmittags zusammen im Bett und lachten, planten ihre Hochzeiten in spe. Ihre Freundschaft war für die Ewigkeit gemacht, da sollte nichts mehr dazwischen kommen. Heute wohnen sie in verschiedenen Städten und könnten unterschiedlicher nicht sein. Annie hat zwei Kinder, zog aufs Land in einen Vierseitenhof, Sylvia ist eine erfolgreiche Anwältin mit wechselnden Bekanntschaften. Ihre Telefonate sind selten geworden.

Und selten – das entspricht der Norm. Laut einer Studie der finnischen Alto-Universität haben Forscher anhand des Handynutzungsverhalten von 3,2 Millionen Menschen herausgefunden, dass der Durchschnitt von Männern und Frauen mit 25 Jahren den größten Freundeskreis haben – danach geht es nur noch abwärts. Ab 39 Jahren haben Frauen dann zu 15 Menschen regelmäßigen Kontakt, Männern nur zu 12.

Psychologe: „Freunde sind wichtig“

Was zwischendurch passiert, ist die sogenannte Rushhour des Lebens. Die Jahre zwischen 27 und 35 Jahren, in denen alles passieren muss: Eine Karriere starten, Kinder bekommen, ein Haus bauen. So erklären Forscher, dass die gemeinsamen Erlebnisse mit der Clique häufig nur noch Zeitdokumente im Fotoalbum sind.

„Freunde sind wichtig“, sagt Psychologe Wolfgang Krüger unserer Redaktion. Der Wissenschaftler und Autor des Buches „Freundschaft: beginnen, verbessern, gestalten“ ist überzeugt, dass Freundschaften eine der unverzichtbaren Grundlagen für das Lebensglück sind. Aber nicht nur Freunde sind laut Krüger wichtig, sondern auch Freundeskreise.

Herzfreundschaften sind selten

„Das Gefühl dadurch in einem sozialen Dorf zu leben, gibt einem das Gefühl eines Aufgehobenseins.“ Der 68-Jährige selbst pflege seinen Freundeskreis, indem er zum Beispiel jeden Monat per Rundmail einen Kinoabend organisiert. Bereits Aristoteles, so Krüger, habe zwischen drei Arten von Freundschaft unterschieden – die Zweckfreundschaften, die losen Freundschaften, mit denen man seine Freizeit aufwertet und die echten Herzfreundschaften mit Menschen, die man richtig kennenlernen und verstehen möchte. Solche Freundschaften habe man im Leben vielleicht fünfmal. „Sie sind so selten wie ein echter Diamant“, sagt Krüger.

Doch diese Menschen zu sehen und richtig einzuordnen, fällt vielen im Zeitalter der Selbstoptimierung und Ich-Bezogenheit offenbar schwer. So fand ein Forscherteam von der Universität Tel Aviv jüngst heraus, dass wir extrem schlecht darin sind, unsere Beziehungen zu anderen Menschen einzuschätzen. Sprich: Über die Hälfte der Menschen, die man für seine Freunde hält, sind es gar nicht. Das tragische Ergebnis der Studie: Jede zweite Freundschaft, die als solche von der einen Seite wahrgenommen wurde, wurde von der anderen Seite nicht erwidert. Im Wege stehe laut der Studie uns dabei unser Selbstbewusstsein, dass unterbewusst verhindern will, dass wir uns hinterfragen, ob uns die Menschen, die uns umgeben, wirklich mögen.

Wissen, wer die Freunde sind

Im Fall Annie und Sylvia wurde die Frage wie eng die Freundschaft noch ist, nie gestellt. Doch ihre Telefonate wurden weniger, der Alltag schien mit der anderen nicht mehr besprechenswert. Neue Freunde, mit denen man das Jetztleben teilte, wurden wichtiger. Und so wussten die beiden Ex-Klassenkameradinnen irgendwann nicht mehr, ob sie noch Freunde sind. Seinen besten Freund zu verlieren, kann sich wie Liebeskummer anfühlen – Psychologe Krüger empfiehlt zur Pflege der Freundschaft feste Rituale. „Alle 14 Tage eine Stunde Kaffee- oder Biertrinken – offen miteinander reden – das ist die Basis der Freundschaft“, so der Wissenschaftler.

Annie erreichte Sylvia nach monatelanger Pause mal wieder am Telefon. Annie hatte sich von ihrem Mann getrennt, wollte mit den Kindern vom Land zurück in die Stadt ziehen. „Ist es dafür zu spät?“, fragte sie die ewig alleinstehende Sylvia am Telefon. „Zu spät ist relativ“, antwortete Sylvia trocken. Annie lachte sofort. Weil sie diese trockene Art vermisst hatte. Wie ihre Freundin.

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