Tierfreund

Haben Tiere so etwas wie ein Taktgefühl?

Dr. Mario Ludwig über das musikalische Taktgefühl unserer tierischen Verwandten und höchst ausgeklügelte Experimente in der Wissenschaft

Gestatten: Snowball, der tanzende Kakadu

Gestatten: Snowball, der tanzende Kakadu

Foto: Birdloversonly.org

Ganz Brasilien ist sich sicher: Um Samba tanzen zu können, muss man den Rhythmus im Blut haben. Und recht haben sie, die Brasilianer: Folgt man neueren Untersuchungen der Universität York, dann müssen wir Menschen nicht groß lernen, uns zu Musik im Rhythmus zu bewegen. Diese Fähigkeit ist höchstwahrscheinlich angeboren. Aber wie steht es darum im Tierreich?

Überraschenderweise sieht es bei unseren langarmigen Verwandten da nicht sonderlich gut aus. Während bei uns Menschen schon kleine Kinder problemlos bei einem Lied den Takt mitklatschen können und oft sogar unbewusst mit dem Fuß einen Rhythmus stampfen, fehlt Affen diese Eigenschaft vollständig. Man war sich lange Zeit nicht darüber im Klaren, ob die Affen einfach nicht den Grundschlag des Rhythmus wahrnehmen oder ob sie nichtfähig sind, die Musik in Bewegung umzusetzen.

Diesem Geheimnis ist jedoch vor kurzem ein niederländisch-mexikanisches Forscherteam mit Hilfe von Tests an Rhesusaffen auf die Spur gekommen. Gehirnstrommessungen zeigten, dass Affen offensichtlich nicht in der Lage sind, den Grundschlag einer rhythmischen Tonfolge zu erfassen. Die Wissenschaftler folgerten daraus, dass nur die Tiere einem Takt folgen, die auch Laute mit ihrer Stimme nachahmen können. Bei Affen ist diese Fähigkeit bekanntermaßen nicht vorhanden.

Er ist ein Star bei Youtube

Das bringt uns automatisch zu Papageien, bei denen es sich ja in vielen Fällen um begnadete Stimmimitatoren handelt. Und in der Tat verfügt zumindest ein Papagei über ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl. Und zwar kein geringerer als der berühmte Kakadu „Snowball“, der schon Millionen Zuschauer bei Youtube erfreut hat. Snowball, der in Chicago lebt, schwingt auf diesen Videos – meist auf einer Sessellehne sitzend – das Tanzbein und bewegt sich, begleitet von einem gelegentlichem Headbanging, schön rhythmisch im Takt von Pophits. Klar, dass so ein Vogel das Interesse der Wissenschaft weckt.Und zwar in diesem Fall von Wissenschaftlern des Instituts für Neurowissenschaften in La Jolla in Kalifornien.

Sie untersuchten, ob Snowball tatsächlich einen Rhythmus wahrnehmen und sich zeitgleich passend dazu zu bewegen kann oder ob der Vogel nur einen Menschen imitiert, der ihm hinter der Kamera etwas vortanzt. Also spielten die Forscher Snowballs Lieblingsmusik ab, veränderten aber dabei die Tempi, um zu sehen, ob Snowball seine Bewegungen dem veränderten Rhythmus anpasst. Und siehe da, bei langsamer Musik vollführte Snowball auch sehr häufig langsame Bewegungen, bei schnellerer Musik führte der Vogel diese langsamen Bewegungen nicht aus. Der Musikgeschmack von Snowball ist übrigens weitgefächert. Der Kakadu tanzt gerne zu den Backstreet Boys, aber auch auf Hits von Queen und an Weihnachten gern und oft zu Weihnachtsliedern.

Man muss aber als Tier offensichtlich nicht unbedingt Laute mit seiner Stimme nachahmen können, um einem Takt folgen zu können. Vor kurzem hat eine dreijährige kalifornische Seelöwin namens Ronan die Wissenschaft eines Besseren belehrt. Ronan kann sich rhythmisch im Takt der Musik bewegen, obwohl sie weder selbst musikalische Laute von sich geben noch Laute imitieren kann. Wissenschaftler der University of California haben ein Experiment gemacht: Sie brachten Ronan zunächst bei, sich im Takt zu einem Handsignal zu bewegen. Dann ersetzten sie dieses Signal durch einfache und dann immer kompliziertere Musikstücke. Mit Erfolg: Bereits beim ersten Hören der Musik wippte Ronan im Takt mit Kopf und Rumpf auf und ab. Um zu überprüfen, ob Ronan tatsächlich dem Rhythmus der Musik folgt, variierten die Forscher das Tempo und die Art der rhythmischen Klänge. Ronan blieb stets im Takt. Ronan hat übrigens eine musikalische Gemeinsamkeit mit Snowball: Sie steht auch auf die Musik der Backstreet Boys.

Dr. Mario Ludwig ist einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Hier schreibt er über Phänomene in der Tierwelt.