Amatrice

„Häuser mit mehr Sand als Zement gebaut“

Italiens Politiker fordern nach Erdbeben Regeln für Wiederaufbau

Amatrice. Nach der Erdbebenkatastrophe mit mindestens 290 Toten bereitet sich Italien auf den milliardenschweren Wiederaufbau vor. Dabei dürften die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden, mahnten Spitzenpolitiker am Sonntag. Mit einem Staatsbegräbnis hatte das Land am Wochenende Abschied von den Opfern genommen. Papst Franziskus will demnächst die Erdbebenregion besuchen.

Nach Angaben von Forschern muss in Mittelitalien im Schnitt alle zehn Jahre mit einem Erdbeben der Stärke 6 und mehr gerechnet werden. Mehr als 50 Prozent der Privatwohnungen in Italien entsprechen nach Berechnungen des Nationalen Ingenieurrats nicht den Sicherheitsbestimmungen. Allein die Erdbebensicherung von Wohngebäuden in den am meisten gefährdeten Gegenden könnte demnach bis zu 36 Milliarden Euro kosten.

In den erdbebengefährdeten Regionen sei „ohne Vernunft und Voraussicht“ gebaut worden, kritisierte der frühere italienische Regierungschef und EU-Kommissionspräsident Romano Prodi in einem Beitrag für die Zeitung „Il Messaggero“. Er forderte einen 30-Jahre-Plan für sein Land, konkrete Regeln für Programme und Finanzmittel und klare Zuständigkeiten von Staat, Regionen und Kommunen.

Die Regierung in Rom forderte von der EU eine Lockerung der Stabilitätskriterien. So könnte zusätzliches Geld in die Erdbebensicherung von Gebäuden fließen, hieß es. Die Staatsanwaltschaft in den verwüsteten Regionen leitete Ermittlungen wegen möglicher Schlamperei am Bau ein. „Was da passiert ist, kann nicht nur als Unglück gesehen werden“, zitierte die Zeitung „La Repubblica“ Staatsanwalt Giuseppe Saieva. Bei einigen der zerstörten Häuser sei „mit mehr Sand als Zement“ gebaut worden. Vor allem der Einsturz einer erst kürzlich renovierten Grundschule in Amatrice hatte Unverständnis und Empörung ausgelöst.