Tierfreund

Was ist eigentlich ein Ameisenlöwe?

| Lesedauer: 4 Minuten
Mario Ludwig
Klein und wenig bekannt: der Ameisenlöwe

Klein und wenig bekannt: der Ameisenlöwe

Foto: dpa Picture-Alliance / D. Mahlke / picture alliance / blickwinkel/D

Dr. Mario Ludwig über ein höchst interessantes Tierchen mit einem raffinierten Beutetrick

„Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ Dieses Sprichwort, das aus der Bibel stammt, mag für uns Menschen zutreffen, sicherlich nicht jedoch für einen Ameisenlöwen. Dessen Lebensaufgabe ist es nämlich, ständig Gruben zu graben, in die andere gleich reihenweise hineinfallen.

Aber wer oder was ist eigentlich ein Ameisenlöwe? Zunächst einmal ist es wichtig festzuhalten, dass es sich beim Ameisenlöwen nicht etwa um ein fertiges Insekt, sondern um eine Larve handelt. Nämlich die Larve eines kleinen, räuberischen Fluginsekts, der Ameisenjungfer. Ameisenjungfern, die auf den ersten Blick an eine Libelle erinnern, gehören zur Insektenordnung der sogenannten Netzflügler und ernähren sich von kleinen Nachtfaltern. Weltweit gibt es rund 2500 Arten dieser höchstinteressanten Tiere.

Bevorzugter Lebensraum der Ameisenlöwen sind trockene sandige Böden, wie man sie in Wüsten, Halbwüsten und Dünenlandschaften, aber auch in sandigen Nadelwäldern findet. Nur in einem so beschaffenen Untergrund können die kleinen Insektenlarven ihre berühmt-berüchtigten Fangtrichter anlegen.

Mächtige, sichelförmige Kieferzangen

Ameisenlöwen erreichen je nach Art eine Größe von ein bis zwei Zentimetern. Der Hinterleib der Tiere ist relativ breit, während Kopf und Vorderbrust eher schmal geschnitten sind. An der Brust sitzen drei Beinpaare, die kräftige Borsten tragen. Auffälligstes Merkmal sind jedoch zwei mächtige, sichelförmige Kieferzangen, die mit kleinen, spitzen Greifdornen versehen sind.

Der Bau der Gruben oder, präziser formuliert, Fangtrichter folgt immer dem gleichen Schema: Zu Beginn der Bauarbeiten zieht der Ameisenlöwe durch ständige Rückwärtsbewegungen eine kreisrunde Furche in den Sand. Als „Sandpflug“ dient ihm seine leicht nach unten gekrümmte Hinterleibsspitze. Ist die erste Furche, die einen Durchmesser von bis zu acht Zentimeter haben kann, fertiggestellt, gräbt sich der Ameisenlöwe in enger werdenden Spiralen immer tiefer in den Boden ein, bis letztendlich ein kleiner, kreisrunder Trichter mit einer Tiefe von bis zu drei Zentimetern entstanden ist.

Das anfallende Aushubmaterial entfernt der Ameisenlöwe mit Hilfe seines Kopfes und seiner beiden Kieferzangen, die dank ihrer kräftigen Beborstung als höchst effiziente „Wurfschaufel“ dienen. Bei der Anlage des Trichters achtet der kleine Baumeister peinlich genau darauf, dass der Trichter gerade so steil angelegt ist, dass der Sand nicht von sich aus ins Rutschen gerät, aber immer noch so steil ist, dass ein Tier, das auf den Trichterrand tritt, dieses fragile System sofort aus dem Gleichgewicht bringt und dadurch ein Abrutschen des Sandes bewirkt. Und schon rutscht auch das Beutetier unweigerlich in den Abgrund.

Er lauert geduldig

Hat der Ameisenlöwe seinen Trichter fertiggestellt, ein Vorgang, der üblicherweise in einer Viertelstunde bewerkstelligt wird, gräbt er sich im Sand ein und lauert geduldig auf seine Beute. Betritt jetzt eine Ameise oder ein anderes Beutetier die Trichterböschung, kommt sie ins Rutschen und gleitet unaufhaltsam in Richtung Trichtermitte. Dort wird das Opfer bereits vom hungrigen Ameisenlöwen erwartet.

Der beißt dann mit seinen zangenartigen Mundwerkzeugen zu. Und diese Zangen haben es in sich: Sie sind nicht nur groß und kräftig, sondern auch noch giftig. Mit Hilfe von längs durch die Zangen laufenden Kanälen kann der Ameisenlöwe seinem Opfer ein hochtoxisches und daher auch sehr schnell wirkendes Gift injizieren. Und für den seltenen Fall, dass der Ameisenlöwe mit seinen Zangen einmal danebengreift und das Beutetier fliehen kann, hat der kleine Jäger immer noch einen weiteren Pfeil im Köcher: Er schleudert dem Flüchtling einfach mit Hilfe der bereits beschriebenen Kopfbewegung ganz gezielt Sandkörnchen hinterher, die das flüchtende Tier sofort wieder in die Tiefe reißen.

Dr. Mario Ludwig ist einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.

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