Berlin

Lehrer dürfen längst nicht alles

| Lesedauer: 6 Minuten
Petra Koruhn und Jonas Erlenkämper

Zwei Schüler und ein Rechtsanwalt haben einen Leitfaden herausgegeben – zur Gegenwehr im Schulalltag

Berlin.  Schüler dürfen nichts. Lehrer dürfen alles. Zwei junge Männer haben das Grundgefühl vieler Jugendlicher aufgegriffen und ein Buch daraus gemacht: „Was Lehrer nicht dürfen!“ (Ullstein), so der Titel, der sich schon in den ersten Tagen tausendfach verkauft hat. „Wir haben mehr als 230.000 Facebook-Freund“, sagt Dallan Sam (20). Und sein Ko-Autor Fernando Rode spricht schon jetzt von einer Marktlücke. Das Duo hat sich Rechtsanwalt Rolf Tarneden als Experten dazu geholt, der davon überzeugt ist, dass die meisten Schüler ihre Rechte gar nicht kennen.

Die Frage, die Schüler mit am meisten bewege, ist laut Tarneden diese: „Darf der Lehrer mein Smartphone einkassieren?“ Tarneden hat größtes Verständnis für die Lehrer, deren Interesse konzentriertes Arbeiten. Dennoch darf der Pädagoge das Handy nicht unbegrenzt wegschließen. „Er sollte es so schnell wie möglich zurückgeben.“ Ein dehnbarer Begriff. „Ja, deshalb gilt hier die Faustformel: Nach Ende der Stunde oder spätestens am Endes des Schultages.“

Gut zu wissen, meint Dallan Sam, der weiß, dass es in der Schule nicht immer harmonisch abläuft. „Jeder, den ich kenne, hat schon schlechte Erfahrungen mit Lehrern gesammelt.“ Er selbst natürlich auch. „Einmal hatte ich meine Hausaufgaben vergessen, und der Lehrer hat mich in der Pause im Klassenraum eingesperrt, damit ich die Aufgaben nachhole.“

Das geht nicht. Das ist Freiheitsberaubung nach Paragraf 239 Strafgesetzbuch, so Anwalt Tarneden. Am Amtsgericht Neuss wird derzeit einem Musiklehrer der Prozess gemacht, weil er Schüler am Verlassen des Raumes gehindert und zudem einem Jungen in den Bauch geschlagen haben soll.

Sam, der erst auf einer Hauptschule, dann auf einer Realschule und nun auf einem Wirtschaftsgymnasium ist, sagt: „Auf der Hauptschule waren die Probleme mit Lehrern am schlimmsten. Manche Lehrer fühlten sich dort in einer Machtposition.“

„Darf mich meinen Lehrer anschreien?“, , „Darf mein Lehrer mir das Trinken verbieten?“ - das sind nur drie der 50 Fragen. Und Tarneden äußert sich so:

Rolf Tarneden (42) aus Hannover. Der Jurist ist überzeugt davon, dass die meisten Schüler ihre Rechte gar nicht kennen. „Viele Fragen aus dem Buch werden massenhaft in Internet-Foren diskutiert. Aber kaum einer weiß die richtige Antwort“, sagt Tarneden, selbst Vater von vier Kindern. „Das war für uns ein wichtiger Anreiz, das Buch zu schreiben.“

Rechtsanwalt

„Viele Schüler kennen ihre Rechte gar. Bevor ich mich mit dem Thema befasst habe, wusste ich auch nicht, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss.“

Es soll ein Aufklärungsbuch sein, keine Kampfansage: „Was Lehrer nicht dürfen!“, heißt das Buch, mit dem zwei junge Männer und ein Rechtsanwalt einigen Wirbel ausgelöst haben. 2015 erschien es zunächst im Selbstverlag, jetzt bringt Ullstein eine Neuausgabe heraus. „Vor einem Jahr verkauften wir gleich in der ersten Woche über 1000 Exemplare, ohne Werbung. Jetzt haben wir mehr als 230 000 Facebook-Freunde“, sagt Initiator Dallan Sam (20), ein Schüler aus Celle. „Es ist eine Marktlücke, die wir gefüllt haben“, sagt sein Geschäftspartner Fernando Rode, der sich nach Abschluss der Schule in Sankt Augustin am Rhein selbstständig gemacht hat.

Die beiden sind Facebook-Kumpel und teilen schlechte Erfahrungen mit Lehrern. Sam kennt drei Schulformen von innen. „Was auf der Hauptschule abging, war oft nicht in Ordnung“, sagt der 20-Jährige, der jetzt sein Abitur am Wirtschaftsgymnasium machen möchte. „Aber ich dachte immer, Lehrer ist Lehrer. Was er sagt, ist Gesetz.“

A

Der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, betont aber: „Die meisten Streitigkeiten werden friedlich, kooperativ und schulintern geregelt - durch den Einsatz pädagogischer Mittel unter Beteiligung von Schülern, Eltern und Lehrern.“

Auch der Chef des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, beobachtet: „Die große Mehrheit der Eltern versucht nach wie vor Konfliktfälle nicht gerichtlich, sondern im Austausch mit der Schule zu klären.“ Es gebe jedoch eine Elternklientel, die versuche, Druck aufzubauen und sich etwa bei einer Nichtversetzung das vermeintlich schwächste Glied, also den unerfahrenen Junglehrer, heraussuche. In solchen Fällen müsse die Schule standhaft bleiben.

Für Schüler, die ihre Rechte gerichtlich durchsetzen wollen, gibt es aus der Sicht von Anwalt Tarneden zu hohe Hürden. Der Rechtsschutz im Schulrecht sei reformbedürftig, sagt der Buchautor. So seien Verfahren für Jugendliche beispielsweise im Bafög-Recht und vielen Jugendstrafverfahren gerichtskostenfrei. Bei einer Klage gegen ein Zeugnis müsse ein Schüler dagegen sofort mehr als 400 Euro an Gerichtskosten überweisen. Zudem könne etwa die Hälfte aller Zeugnisse gar nicht gerichtlich überprüft werden.

Schulrecht ist Ländersache. Die Kultusministerkonferenz will zu dem Thema nicht Stellung beziehen, weil es nach Auskunft eines Sprechers kein einheitliches Meinungsbild gibt. Aber selbst aus Lehrersicht gibt es Reformbedarf. „Aufgrund des bundesweiten Lehrermangels wird die Mobilität der Lehrkräfte immer wichtiger“, sagt VBE-Chef Beckmann. „Das Schulrecht unterscheidet sich jedoch von Bundesland zu Bundesland teilweise gravierend. Hier muss angesetzt werden.“

# Notizblock

## Internet - [“Was Lehrer nicht dürfen!“ bei Ullstein](http://dpaq.de/gK3oS)

## Orte - [Rechtsanwaltskanzlei Tarneden & Inherstn](Köbelingerstraße 1, 30159 Hannover, Deutschland) - [Ullstein Buchverlage](Friedrichstraße 126, 10117 Berlin, Deutschland)

## Service - Dallan Sam, Fernando Rode, Rolf Tarneden: „Was Lehrer nicht dürfen!“, Ullstein, 112 Seiten, ISBN-13 9783548376684, 9,99 Euro.

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