Rio 2016

So geht es in Brasilien nach den Olympischen Spielen weiter

| Lesedauer: 5 Minuten
Klaus Ehringfeld
Das Feuerwerk über dem Maracana-Stadion bei der Abschlusszeremonie. Spiele vorbei – und nun?

Das Feuerwerk über dem Maracana-Stadion bei der Abschlusszeremonie. Spiele vorbei – und nun?

Foto: Mario Tama / Getty Images

Die Olympischen Spiele 2016 in Rio sind im Großen und Ganzen gut über die Bühne gegangen. In Brasilien kehrt nun wieder Alltag ein.

Rio de Janeiro.  Am Sonntag ist es vorbei. Die Olympischen Spiele in Rio sind Geschichte und die gute Nachricht ist: Das Spektakel ist gut über die Bühne gegangen. Das Horrorszenario eines Terroranschlags hat sich nicht erfüllt. Und die Zika-Mücken haben die Olympiatouristen nicht in Scharen vertrieben.

Es waren die ersten Spiele überhaupt in Südamerika und dass sie nicht optimal waren, bestreitet niemand. Aber Lateinamerika ist nicht Europa oder Asien. Die dort herrschende Perfektion gibt es nicht in einer Region, in der Armut, Korruption und soziale Ungleichheit fast so groß sind wie nirgends sonst auf der Welt. Gemessen an diesen Maßstäben lief Olympia sehr gut.

Dass die Brasilianer die Spiele im Großen und Ganzen hinbekommen haben, ist dem „Jeitinho“ zu verdanken, dem Talent, Herausforderungen doch irgendwie zu meistern. Oft gelingt das auf den letzten Drücker und das auch nur wegen der brasilianischen Gelassenheit, genau darauf zu vertrauen.

Mit Kater aus dem olympischen Rausch erwachen

Und doch werden die Brasilianer in den kommenden Tagen mit einem Kater aus dem olympischen Rausch erwachen. Das größte Land Lateinamerikas hatte gehofft, dass ihm das Sportfest endgültig den Weg in den Kreis der ganz großen Nationen ebnen würde. Brasilien ist zwar fast so groß wie ein eigener Kontinent, aber sein Selbstbewusstsein ist abhängig von der Meinung anderer. Olympia sollte ein Schaufenster sein, um das Land als modern und aufstrebend zu präsentieren.

Aber die Spiele und ihre Wahrnehmung in der Welt, die den Brasilianern so wichtig ist, haben das Gegenteil bewirkt und das Selbstbewusstsein der Nation eher gemindert als gesteigert.

Als das Land 2009 den Zuschlag bekam, schien der südamerikanische Gigant gerade auf dem Weg, zu den Industrienationen aufzuschließen. Der damalige Präsident Lula da Silva jubelte: „Endlich sind wir nicht mehr zweitklassig, sondern erstklassig“. Das aber sollte sich als vorschnell erweisen. Sieben Jahre später bestehen daran ernsthafte Zweifel. Das Land versinkt im politischen Chaos und steckt in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Der Bundesstaat Rio de Janeiro ist nahezu zahlungsunfähig. Hinzu kommt die wieder aufflammende Gewalt in den Metropolen.

Nach Olympia entscheidet sich das Schicksal der Präsidentin

In wenigen Tagen schon werden die Brasilianer die Themen wieder beschäftigen, die ihnen in den vergangenen Jahren schon ihre Lebensfreunde genommen haben: die Korruptionsaffären, die Arbeitslosigkeit von elf Prozent und der chronische Mangel an Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen. Den Menschen in den Randbezirken von Rio und in den armen Gebieten des Landes wird von den Spielen kaum etwas bleiben – einmal abgesehen von einer neuen U-Bahn-Linie und einem Schnellbussystem. Das alles hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

Vor allem aber wird in diesen Tagen das Verfahren weitergehen, in dem Präsidentin Dilma Rousseff gerade ihres Amtes enthoben wird. Das Parlament wird darüber debattieren und darüber abstimmen. Bis zum 2. September könnte die Entscheidung über die politische Zukunft der Präsidentin dann gefallen sein. Offenbar hat Interimspräsident Michel Temer Druck auf das Oberhaus des Parlaments ausgeübt, damit das Verfahren früher beginnt. Er möchte am 4. und 5. September am G-20-Gipfel im chinesischen Hangzhou nicht als Übergangspräsident, sondern als fest installierter Staatschef für die kommenden zwei Jahre teilnehmen. Der 75-Jährige war Anfang Mai nach Rousseffs Suspendierung in der Abgeordnetenkammer zunächst für 180 Tage an die Spitze des Staates aufgestiegen. Nun wird er das Krisenland wahrscheinlich bis 2018 regieren müssen. Eine der größten Herausforderungen für die Übergangsregierung ist das hohe Haushaltsdefizit, das auf rund zehn Prozent gestiegen ist. Es gibt sicher spaßigere Aufgaben.

Brasilianer ließen sich von Olympia-Fieber anstecken

Immerhin: Bevor die Spiele begannen, gab es zahlreiche Berichte darüber, dass die Brasilianer im Allgemeinen und die „Cariocas“, die Einwohner Rios, im Besonderen auf das sportliche Spektakel keine Lust hätten. Zwei von drei Brasilianern waren der Ansicht, die Spiele würden ihnen eher Nach- als Vorteile bringen. Aber als Olympia erst einmal eröffnet war, strömten die Menschen doch in die Stadien und zu den Veranstaltungen rund um die Hauptereignisse. Je länger das Sportfest dauerte, desto mehr Lust bekamen die Einwohner Rios und die Brasilianer darauf.

Freude am Frankfurter Römer
Freude am Frankfurter Römer

Der Chauvinismus allerdings, den die Brasilianer eben auch pflegen, Buhrufe und Pfiffe gegen ausländische Sportler – das war die hässliche Seite der Spiele, hinzu kam die Kriminalität, von der ein halbes Dutzend Athleten und Funktionäre betroffen waren. Es gab Querschläger oder Schüsse auf Journalistenbusse und den tragischen Tod des in einen Autounfall verwickelten deutschen Kanu-Trainers Stefan Henze. All das war, man muss es so sagen, einer Olympiastadt und einem Gastgeberland nicht würdig.

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