Bergsteigen

Japaner mit nur einem Finger versucht es wieder auf Everest

Auf die Sauerstoffmaske will Nobukazu Kuriki beim Aufstieg auf den Mount Everest verzichten. Ihm fehlt aber noch mehr bei seiner Mission.

Kuriki Nobukazu 2015 bei einem Interview in Kathmandu. Wenig später musste er den Versuch aufgeben, auf den Mount Everest zu steigen. Nun plant er einen neuen Anlauf.

Kuriki Nobukazu 2015 bei einem Interview in Kathmandu. Wenig später musste er den Versuch aufgeben, auf den Mount Everest zu steigen. Nun plant er einen neuen Anlauf.

Foto: Navesh Chitrakar/Reuters

Tokio.  Noch sitzt Nobukazu Kuriki entspannt an einem Kaffeetisch in einer Tokioter Bürowohnung. Ein paar Wochen habe er ja noch, sagt er und nippt an einer Wasserflasche. Aber ja, seine Nervosität steige von Tag zu Tag. Beim inzwischen sechsten Versuch sogar deutlich mehr, gibt er zu und fasst sich in seine stylisch zerzausten Haare. Schließlich sei er ja nicht lebensmüde.

Bald ist es wieder so weit. Dann will es der 34-jährige Japaner ein weiteres Mal wissen. Gelingt es ihm, den Mount Everest zu besteigen, den mit 8848 Metern höchsten Berg der Welt? Das haben Zehntausende vor ihm zwar auch schon geschafft. Doch er will ohne künstlichen Sauerstoff auskommen. „Das ist die reinste Form des Bergsteigens“, sagt er. Und: Kuriki hat nur noch seinen rechten Daumen. Alle anderen neun Finger mussten ihm 2012 amputiert werden, nachdem sie am Everest erfroren waren. Nur einem war eine Besteigung unter ähnlich schweren Bedingungen gelungen: Reinhold Messner. 1980 war das. Messner hatte zuvor drei Fingerkuppen verloren.

Kuriki war im vergangenen Jahr der große Hoffnungsträger von Nepals angeschlagener Tourismusindustrie. Im April 2015 hatte gleich zu Beginn der Frühjahrssaison ein Erdbeben der Stärke 7,8 den Himalaya erschüttert. Mehr als 9000 Menschen kamen ums Leben. Die chinesischen Behörden ließen ihren Teil des Berges komplett absperren. Auf der nepalesischen Seite riss im Zuge des Bebens eine Lawine große Teile des Basislagers fort, 18 Menschen starben. Auch hier mussten sämtliche Expeditionen abgesagt werden.

Die nepalesische Regierung beauftragte Kuriki vergangenen Herbst, als Erster nach dem Beben den Everest wieder zu besteigen. Mit dieser spektakulären Werbeaktion – ohne Sauerstoffflasche und mit nur einem Daumen – sollte er den Bergtourismus wieder ankurbeln. Er ist wichtigste Einnahmequelle des armen Landes.

Doch Kuriki scheiterte. Bei etwa 8150 Höhenmetern sah er sich zum Abbruch gezwungen. Sein Körper war völlig erledigt, ihm war übel und er hatte Schwindelgefühle. „Ich bewege mich wie ein alter Mann“, postete er auf seiner Seite. Nun will er sich derselben Qual erneut aussetzen. Ist er leichtsinnig? Besessen? Vielleicht doch lebensmüde? Ein Kamikaze gar?

Kuriki hält sich an Vorbild Messner

„Nein“, antwortet er. Das Leben sei ihm sogar sehr wichtig. Daher bereite er sich intensiv auf den Aufstieg vor, trainiere hart. Er begebe sich rechtzeitig ins Basecamp und mache Probeaufstiege, um sich an die dünne Luft zu gewöhnen. Und ja, sicherlich kalkuliere er ein, nicht heil oder gar nicht mehr zurückzukehren. Doch das wolle er um jeden Preis vermeiden. Er halte sich an sein Vorbild Reinhold Messner, der immer wieder beschwor, dass das Scheitern fest eingeplant werden müsse, sonst drohe der Tod. „Erst die Fähigkeit zur Umkehr selbst kurz vor dem Gipfel sichert das Leben“, sagt Kuriki. Das unterscheide Profibergsteiger von Amateuren.

Das Jahr 2015 ging vorbei, ohne dass es ein Mensch auf den 8848 Meter hohen Berg schaffte. Das gab es seit mehr als 40 Jahren nicht. Doch schon die kurze Frühjahrssaison 2016 zog wieder Tausende zur Everest-Basisstation. Und mehr als 450 Bergsteiger schafften bis Ende Mai den Aufstieg auch. Mindestens fünf Menschen ließen aber ihr Leben, darunter die Australierin Maria Strydom. Sie hatte zusammen mit ihrem Mann beweisen wollen, dass sie auch als Veganer diese Expedition schaffen würden. Sie hatte den Gipfel bereits erreicht, erlag aber während des Abstiegs der Höhenkrankheit.

Was Nobukazu Kuriki von solchen Vorhaben hält? „Ich finde es gut, wenn Menschen konkrete Ziele haben und ihnen nachgehen“, antwortet er. Dazu gehöre auch das Erklimmen des Everest.

Wer in diesem Jahr noch auf den Mount Everest will, hat dazu nicht mehr viel Zeit. Die kurze Herbstsaison endet im Oktober und ist wegen der kürzeren Tage und der heftigen Winde gefährlicher als die im Mai. Statistisch gibt es einen Toten auf 25 erfolgreiche Besteigungen.