Thailand

Bomben verwandeln Hua Hin zur Stadt im Belagerungszustand

Die Behörden hatten schon Entwarnung gegeben, da ging noch eine Bombe hoch. Nun geht es um die Deutung der Anschläge auf Touristenziele.

Bei Bombenanschlägen in Thailand sind vier Menschen gestorben, Dutzende wurden verletzt.

Bei Bombenanschlägen in Thailand sind vier Menschen gestorben, Dutzende wurden verletzt.

Foto: Rungroj Yongrit / dpa

Bangkok.  Eine solche Welle des Terrors hatte das Königreich Thailand seit der Silvesternacht von 2006 nicht mehr erlebt. Während das Land aus Anlass des 84. Geburtstags von Königin Sirikit einen Feiertag samt langem Wochenende genoss, tötete eine beispiellose Serie von acht Bomben- und einem halben Dutzend Brandanschlägen südlich von Bangkok vier Menschen. Die Toten sind Thailänder. Es gab mindestens 35 Verletzte – darunter sind drei Touristen aus Deutschland. Auch Italiener und Niederländer wurden verletzt. Am schlimmsten betroffen von der rund zwölfstündigen koordinierten Anschlagserie war der rund 250 Kilometer südlich von Bangkok gelegene und von älteren Europäern bevorzugte Badeort Hua Hin.

In den Nachtstunden töteten zwei Bomben in einem belebten Kneipenviertel eine thailändische Straßenverkäuferin und verletzten rund 20 Menschen. Die erste Explosion hatte noch keine Opfer gefordert. Erst der zweite Sprengsatz, der einige Minuten später entzündet wurde, richtete das Blutbad unter den Schaulustigen an. Die Polizei schloss alle Lokale und verkündete: „Die Lage ist unter Kontrolle.“

Ein Sprengsatz wurde von Sicherheitskräften nicht gefunden

Aber am Freitagvormittag entpuppte sich die beruhigende Auskunft der Polizei als beunruhigender Trugschluss. Kurz nach neun Uhr detonierte eine weitere Bombe mitten im Stadtzentrum von Hua Hin nahe eines Turms mit einer großen Uhr. Der beliebte Treffpunkt liegt gleich neben einem populären Café. Bewohner der Stadt verstehen nicht, wieso der Sprengsatz nicht von den Sicherheitskräften entdeckt wurde. Schließlich suchten sie nach der ersten Bombe in der Nacht das komplette Zentrum von Hua Hin nach weiteren Bomben ab. Es gab erneut Verletzte.

Danach verwandelte sich Hua Hin, dessen Palast bis vor einigen Jahren zu den bevorzugten Wohnstätten von König Bhumibol gehörte, in eine Stadt im Belagerungszustand. Menschenleere Strassen ließen den Ort, der während der vergangenen zehn Jahre einen massiven Bauboom erlebte, wie im Kriegszustand erscheinen. Die Polizei scheuchte die wenigen Ausländer, die sich zunächst noch auf die Straßen wagten, zurück in ihre Hotels. Selbst die beiden Einkaufscenter wurden kurzerhand geschlossen. Auch die Thailänder suchten Schutz in ihren Häusern.

Bomben per Mobiltelefon ausgelöst

Die Schrapnellbomben wurden per Mobiltelefon ausgelöst und waren teilweise in Blumentöpfen versteckt. Auf der Ferieninsel Phuket explodierte mindestens ein Sprengsatz im Vergnügungsviertel Patong wenige Meter vom Strand entfernt. In der Hafenstadt Surat Thani, von der viele Ferienreisende auf die beliebte Insel Koh Samui übersetzen, wurde eine Polizeiwache angegriffen. Über der Stadt Nakhon Si Thammarat standen nach einem Brandanschlag Hunderte Meter hohe Rauchwolken.

Die Attentate müssen wochenlang vorbereitet gewesen sein. Sie sorgten für ein unsanftes Erwachen bei Militärdiktator Prayuth Chan-ocha. Am Sonntag hatte er noch eine Volksabstimmung über eine im Auftrag der Generäle ausgearbeitete Verfassung gewonnen. Er würde bis zu den Wahlen Ende 2017 mit totaler Machtfülle im Amt bleiben. Sichtlich irritiert über die Attentate erklärte der Junta-Chef: „Warum passiert das jetzt zu einem Zeitpunkt, an dem das Land auf dem Weg zur Stabilität, zu einer besseren Wirtschaft und mehr Tourismus ist?“ Später rief er das Volk zur Einigkeit auf. „Wir müssen uns zusammentun, um das Böse aus unserer Gesellschaft zu tilgen“, sagte er in einer Ansprache.

An einigen Stellen im Süden qualmten noch die Feuer von Brandsätzen, manche Bomben sollten am frühen Vormittag erst noch explodieren, als Piyapan Pingmuang, der Vizesprecher der Polizei, bereits die offizielle Lesart verkündete: „Das sind keine Terrorattacken. Das ist lediglich lokale Sabotage, die sich auf bestimmte Provinzen beschränkt.“

Neue Verfassung bevorzugt den Buddhismus

Thailand will um jeden Preis den Eindruck vermeiden, auf seinem Territorium gebe es internationalen Terrorismus. So ähnlich hatten die Behörden auch nach dem Anschlag auf den Erawan-Schrein in Bangkok vor fast genau einem Jahr argumentiert, der 20 Tote forderte. China ist dagegen überzeugt, dass es sich um ein Attentat der Uiguren-Gruppe Etim handelte. Dabei spielt es für die Opfer keine Rolle, ob es sich bei ihnen um Schrapnelle einer Bombe der Terrororganisation „Islamischer Staat“ oder lokaler thailändischer Rebellen handelt. Und wenn der Anschlag auf den Erawan-Schein auch auf das Konto einer Uiguren-Gruppe ging, so deuten viele Indizien diesmal auf einheimische islamische Rebellen.

Ein Kenner des Landes glaubt: „Es handelt sich um das typische Vorgehen der Rebellengruppe BRN (Barisan Revolusi Nasional oder Nationale Revolutionäre Front) aus Thailands Süden. Die islamischen Rebellen sind frustriert, weil Bangkok seit dem vergangenen Jahr jede ernsthafte Verhandlung verweigert.“ Außerdem enthält Thailands neue Verfassung erstmals in der Geschichte des Landes eine deutliche Bevorzugung des Buddhismus gegenüber anderen Religionen.

Tourismus bringt Thailand wichtige Einnahmen

Sollten die malayischen Rebellen des Südens tatsächlich hinter den Attacken stecken, hätten sie mit ihrer ersten Attacke auf Thailands Tourismus die Achillesferse des Militärregimes getroffen. Mit rund 27 Millionen Besuchern im vergangenen Jahr bringt der Fremdenverkehr dem Königreich etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Anschläge kamen zwar in der regnerischen Nebensaison. Aber die Hotels von Hua Hin waren dank europäischer Ferien voll besetzt.

Die Anschläge zum Geburtstag der Königin erinnern an eine Bombenserie in Bangkok des Jahres 2006 im Touristenzentrum. Damals starben drei Menschen und 36 wurden verletzt – darunter auch Touristen. Die Attentate wurden nie aufgeklärt.