Tierfreund

Gibt es wirklich eine Ratte mit giftigen Haaren?

| Lesedauer: 4 Minuten
Mario Ludwig
Mähnenratten können ganz schön giftig werden

Mähnenratten können ganz schön giftig werden

Foto: Margaret F. Kinnaird / picture alliance / dpa

Dr. Mario Ludwig über die harmlos wirkende Mähnenratte, die ein tödlich wirkendes Gift produzieren kann

Auf den ersten Blick scheint eine Mähnenratte ein leichtes Opfer zu sein. Dem etwa kaninchengroße Tier, das in den Wäldern Ostafrikas lebt und an eine Kreuzung aus einem Meerschweinchen und einem Stinktier erinnert, stehen nämlich weder scharfe Krallen noch ein wirkungsvolles Gebiss zur Verteidigung zur Verfügung. Und lange Beine zum schnellen Weglaufen hat die Mähnenratte auch nicht.

Eigentlich eine ideale Beute für Löwen, Hyänen, Schakale und andere afrikanische Raubtiere. Aber die meiden Mähnenratten wie der Teufel das Weihwasser. Die kleinen Säuger haben nämlich eine im Tierreich nahezu einzigartige Defensivstrategie entwickelt: Sie präparieren ihre Haare mit einem hochwirksamen Gift. Einem Gift, das sich die Nager von einer giftigen Strauchpflanze mit wissenschaftlichem Namen Acokanthera schimperi besorgen.

Dazu nagen die Mähnenratten an den Wurzeln und der Rinde dieser Pflanze. Dann kauen sie das abgenagte Pflanzenmaterial gut durch und belecken mit dem derart produzierten Speichel-Pflanzengemisch ihre seitlichen kurzen Haare, die sich gut versteckt unter ihrer langen Mähne befinden. Beim Leih-Gift handelt es sich um ein Gift namens g-Strophanthin, das das Herz angreift und bei entsprechender Dosierung einen Menschen binnen 20 Minuten töten kann. Dies ist auch der Grund, warum dieses Gift von einigen indigenen Völkern als Pfeilgift bei der Jagd eingesetzt wird.

Ungelöstes Rätsel

Die Mähnenratten selbst scheinen gegen die Wirkung von g-Strophantin immun zu sein. Wie sonst wäre es zu erklären, dass sich die Tiere beim Kauen und Lecken nicht vergiften. Auf welche Weise sie diese Immunität erworben haben, hat die Wissenschaft noch nicht herausgefunden.

Was sie allerdings herausgefunden hat, ist, dass für die Defensivstrategie der Mähnenratte der Aufbau der oben erwähnten „Gifthaare“ verantwortlich ist. Das wird deutlich, wenn man sich die Haare unter dem Elektronenmikroskop genauer betrachtet. Die Haare besitzen einen doppelten Schaft. Und jeder dieser Schäfte ist von einem stabilen, mit vielen Löchern versehenen Zylinder umgeben. Bestreicht die Mähnenratte jetzt ihr Fell mit dem Speichel-Gift-Gemisch, dann saugen diese durchlöcherten Zylinder die Giftflüssigkeit wie ein Schwamm auf.

Attackiert jetzt ein Raubtier eine Mähnenratte, stellt die zunächst mal ihre Mähne auf. Dadurch werden auch die kurzen Gifthaare freigelegt, so dass ein Fressfeind, der zubeißt, automatisch mit den Gifthaaren Bekanntschaft macht. Wie das Gift die Haut seiner Opfer durchdringt, ist noch nicht erforscht. Möglicherweise enthält der Speichel der Mähnenratte Substanzen, die die Passage durch die Haut bzw. die Schleimhaut des Opfers erleichtern.

Vorsichtiger Probebiss

Aber offensichtlich haben Gepard, Löwe, Schakal und Co. schnell begriffen, dass es für die eigene Gesundheit zuträglicher ist, wenn man die Pfoten von einer Mähnenratte lässt. Denn noch nie wurden im Kot dieser großen Prädatoren die Haare von Mähnenratten gefunden. Und selbst wenn ein Löwe doch mal zubeißt, muss das noch lange nicht den Tod der Mähnenratte bedeuten. Der checkt bei einem unbekannten Beutetier nämlich erst mal durch einen vorsichtigen Probebiss, wen oder was er da vor der Schnauze sitzen hat. Bei diesem Probebiss bekommt der König der Tiere sofort die Wirkung des Gifts zu spüren und lässt dann natürlich die Pfoten von seinem giftigen Opfer.

Es gibt noch eine weitere Säugetierart, die ihre Haare bzw. ihre Stacheln mit Gift präpariert: den Igel. Nicht alle, aber einige. In den 1970er Jahren konnten Wissenschaftler beobachten, dass einige Igel die Hautdrüsen von Erdkröten regelrecht gemolken haben, um so an die giftigen Hautsekrete der Lurche heranzukommen. Und diese Sekrete verteilten die Igel anschließend über ihr Stachelkleid, um möglichen Fressfeinden den Appetit kräftig zu verderben.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.

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