Knöllchenstreit

Frau die Nase gebrochen – Gericht spricht Polizisten frei

| Lesedauer: 6 Minuten
Walter Bau
Knöllchen bekommt keiner gern. Doch die Reaktionen von Autofahrern auf Strafzettel können höchst unterschiedlich ausfallen.

Knöllchen bekommt keiner gern. Doch die Reaktionen von Autofahrern auf Strafzettel können höchst unterschiedlich ausfallen.

Foto: Thomas Frey / imago stock&people

Der Streit um ein Knöllchen artete aus, ein Polizist schlug zu. Dies ist nicht der einzige skurrile Fall, wenn es um Strafzettel geht.

Berlin/Düsseldorf.  Das Amtsgericht Düsseldorf hat einen Motorradpolizisten vom Vorwurf der Körperverletzung im Amt freigesprochen. Der 55-jährige, altgediente Polizist habe in Notwehr gehandelt, als er einer hysterisch gewordenen Frau ins Gesicht geschlagen habe, urteilte das Gericht am Dienstag. Bei dem Schlag brach die Nase der Frau. Der Polizist hatte die 41-Jährige zuvor erwischt, als sie gegen eine Einbahnstraße fuhr. Daraus entwickelte sich ein minutenlanger Streit, weil die Autofahrerin ein Verwarngeld bekommen sollte. „Die war völlig von Sinnen“, sagte ein Zeuge.

Der Polizist war gerade auf seine 250 Kilogramm schwere Maschine aufgestiegen und wollte wegfahren, als die Frau ihn von hinten an der Schulter packte. Er habe Angst gehabt mit dem Motorrad umzustürzen, erklärte der Beamte. Deshalb habe er der Frau einen „Schockschlag“ mit der flachen Hand versetzt. Dabei erlitt die Frau einen Haarriss an der Nase. Schmerzensgeld bekomme sie nicht, entschied das Amtsgericht.

Strafzettel führte zum „verlorenen“ Auto

Knöllchen sind immer wieder Anlass für rabiate, aber auch ungewöhnliche Reaktion von Autofahrern. So auch in diesem Fall: Als dem Münchner Rentner ein Strafzettel ins Haus flatterte, konnte der 83-Jährige sein Glück kaum fassen. Das Verwarnungsgeld, das er zahlen sollte, interessierte den Mann wenig – dafür umso mehr der Standort seines VW Sharan. Das Fahrzeug hatte er nämlich eineinhalb Jahre zuvor als verloren gemeldet: Er habe seinen Wagen abgestellt und könne ihn nicht mehr finden, so der Rentner damals.

Dafür fiel der Van der Polizei im Sommer 2015 auf – weil die TÜV-Plakette abgelaufen war. Der erfreute Pkw-Besitzer erzählte der Polizei, nach drei Monaten Sucherei habe er damals seinen VW verloren gegeben. Umso dankbarer war er nun für das Knöllchen, das ihm sein Auto zurückbrachte.

„Knöllchen-Horst“ gab keine Ruhe

Manchmal verbergen sich hinter Verwarnungsgeldern ziemlich skurrile Geschichten – wie die von „Knöllchen-Horst“. Diesen Beinamen verdiente sich ein Rentner aus dem Harz dadurch, dass er in seiner offenbar reich bemessenen Freizeit Falschparker aufspürte und ihre Daten den Behörden übergab. An einem Sommertag 2008 zog der Mann wieder einmal durch die Stadt und notierte und fotografierte Autofahrer, die wegen kleinerer und größerer Verstöße nicht in sein Bild von Recht und Ordnung passten. Diesmal jedoch protokollierte er ein besonderes Verkehrsmittel: einen Rettungshubschrauber im Einsatz, der „behindernd“ im Parkverbot gelandet sei, so „Knöllchen-Horst“. Er zeigte den Piloten an. Die zuständige Amtsstelle wies seine Eingabe ab.

Ungewöhnlich war auch das Gefährt, das Ende vorigen Jahres im Berliner Stadtteil Charlottenburg das Ordnungsamt tätig werden ließ. Dort parkte nämlich ein ramponiertes Kettcar auf einem Grünstreifen. Als eine Anwohnerin sich beschwerte, das Tretauto stehe dort seit Monaten herum, stellte das Ordnungsamt fest, dass das Kettcar ausgerechnet auf einer Baumscheibe parkte – aus Baumschützgründen ein untragbarer Zustand, fand die Behörde. Deshalb klebte man dem unbekannten Besitzer ein Knöllchen ans Lenkrad. Allerdings: Die Halterfrage blieb letztlich ungeklärt.

Strafzettel für offenes Seitenfenster

Dass nicht nur falsches Parken zu einem Strafzettel führen kann, musste ein Autobesitzer aus Stadthagen im vorigen Mai erfahren. Als er zu seinem – korrekt abgestellten – Wagen in der Innenstadt zurückkehrte, fand er hinterm Scheibenwischer ein Knöllchen über 15 Euro. Grund: Er hatte das Seitenfenster seines Pkw offen gelassen. Als sich der Besitzer beim Ordnungsamt über die „Abzocke“ beschwerte, hielten ihm die Beamten den Paragrafen 14 der Straßenverkehrsordnung entgegen. Dort steht: „Wer ein Fahrzeug führt, muss die nötigen Maßnahmen treffen, um Unfälle oder Verkehrsstörungen zu vermeiden, wenn das Fahrzeug verlassen wird. Kraftfahrzeuge sind auch gegen unbefugte Benutzung zu sichern.“ Wer das Seitenfenster komplett offen lasse, riskiere aber, dass Unbefugte das Fahrzeug benutzten. Die 15 Euro waren fällig.

Für viele Autofahrer gilt nicht korrektes Parken offenbar als Kavaliersdelikt. Wie eine Forsa-Umfrage im Auftrag von CosmosDirekt im Juni 2016 zeigte, haben 44 Prozent der deutschen Autofahrer bereits einmal geparkt, ohne vorschriftsmäßig zu bezahlen. Auch andere Parksünden erlauben sie sich oft: Gut jeder Fünfte (22 Prozent) hat bereits in der zweiten Reihe gehalten. 11 Prozent haben ihr Fahrzeug sogar schon einmal verbotswidrig auf einem Behindertenparkplatz abgestellt.

Oft geht es aber nicht skurril, sondern rabiat oder gar gewalttätig zu, wenn Knöllchen verteilt werden. In Duisburg wurde 2012 eine Politesse von zwei Falschparkern krankenhausreif geprügelt, als die Frau sich die Personalien der Männer notieren wollte. In Ulm fuhr ein 69-jähriger Rentner mit seinem Wagen eine Politesse absichtlich an, weil sie ihm ein Knöllchen wegen Falschparkens verpasst hatte. Für viele ihrer Kolleginnen und Kollegen gehören Beleidigungen zum Alltag.

Knöllchen für Falschparker löst SEK-Einsatz aus

Als besonders heißes Pflaster für Ordnungsamts-Mitarbeiter gilt Berlin. Und wohl selten ist die Verteilung eines eigentlich simplen Strafzettels derart aus dem Ruder gelaufen wie im Januar 2016 in der Hauptstadt. Als der Polizist in der berüchtigten Rigaer Straße, nahe dem Haus Nummer 94, wo Linksextreme ein „alternatives Wohnprojekt“ eingerichtet haben, ein Knöllchen wegen Falschparkens verteilte, wurde er von mehreren Personen angegriffen und geschlagen. Die Täter flüchteten ins Haus Nummer 94. Am Abend rückte dann die Polizei mit 500 Beamten an, unter ihnen das auf Festnahmen trainierte Spezialeinsatzkommando (SEK). „Wir dulden keine Rückzugsräume für Gewalttäter“, rechtfertigte die Polizei den Einsatz.

Die Rigaer Straße ist heute ein Berliner Brennpunkt, immer wieder kommt es dort zu Krawallen und Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Gewalttätern. Was aus dem Knöllchen für den Falschparker wurde, ist nicht überliefert. (mit dpa)

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