Flugzeug-Unglück

Germanwings-Absturz: Ein Vater kämpft um die Wahrheit

| Lesedauer: 5 Minuten
Rolf Hansmann
Klaus Radner mit einem Foto seiner verunglückten Familie. Der 61-Jährige sucht nach Antworten auf die Frage, warum Andreas L. die Germanwings-Maschine fliegen durfte, die er zum Absturz brachte.

Klaus Radner mit einem Foto seiner verunglückten Familie. Der 61-Jährige sucht nach Antworten auf die Frage, warum Andreas L. die Germanwings-Maschine fliegen durfte, die er zum Absturz brachte.

Foto: Lars Heidrich

Klaus Radner verlor beim Absturz der Germanwings-Maschine im März 2015 seine Tochter und seinen Enkel. Jetzt hat er Anzeige erstattet.

Düsseldorf/Hagen.  Die junge Mutter trägt ihren kleinen Sohn auf dem Arm. Die beiden strahlen. Das Handyfoto, entstanden am Hafen von Barcelona, transportiert pures Familienglück. „Das letzte Bild von Maria und Felix“, sagt Klaus Radner (61), Kaufmann aus Düsseldorf. Wenige Stunden, nachdem Opernsängerin Maria Radner ihrem Vater das Bild schickt, ist sie tot. Sie war mit ihrem Lebensgefährten Sascha und dem eineinhalb Jahre alten Felix in die Germanwings-Maschine nach Düsseldorf gestiegen. Flug 4U9525 zerschellte am 24. März 2015 in den französischen Alpen. Der Kopilot hatte sein Leben beendet und 149 weitere Menschen mit in den Tod genommen.

In Klaus Radners Büro steht in einem Regal ein gutes Dutzend Familienfotos. Maria als Fünfjährige, mit ihrer Mutter, die vor 13 Jahren an Krebs starb, mit ihrer eigenen kleinen Familie. Daneben hängen zwei Bilder von ihrem Grab. Radner und Ehefrau Karen fahren zweimal pro Woche zu dem Friedhof, wo „unsere Kinder“ begraben sind. „Maria und ich standen uns sehr nahe“, sagt er, „wir waren Seelenverwandte.“

Seit dem Absturz der Germanwings-Maschine ist nichts mehr wie vorher. „Die Katastrophe hat mein Leben auf den Kopf gestellt“, sagt der 61-Jährige, „es ist ein Riesenverlust an Lebensqualität.“ In der ersten Zeit habe er sich im Schockzustand befunden, habe Schmerzen ertragen müssen, die kaum auszuhalten waren. Mittlerweile seien die körperlichen Schmerzen fort, sagt er und wiederholt: „Die körperlichen“.

Dreizeiler vom Staatsanwalt

Radner befindet sich in psychotherapeutischer Behandlung. Zwei Tage nach dem Unglück ist er an die Absturzstelle geflogen, seitdem hat er sich in „die Recherche“ gestürzt. Tausende Seiten von Ermittlungsakten hat er zusammen mit Anwalt Klaus Brodbeck akribisch durchforstet, ist auf Ungereimtheiten gestoßen und hat Strafanzeigen erstattet: gegen Fliegerärzte der Lufthansa, gegen Verantwortliche des Luftfahrtbundesamtes, gegen die Hausärztin sowie die Eltern und die Freundin des Todespiloten Andreas L. Einem Vernehmungsprotokoll hat er entnommen, dass die drei Angehörigen den seit Jahren mit psychischen Pro­blemen kämpfenden Lufthansa-Piloten nach dem Barcelona-Flug in seiner Düsseldorfer Wohnung empfangen wollten. „An einem normalen Werktag“, sagt Radner. „Der Vater ist sogar von seinem Arbeitsplatz in der Schweiz angereist. Warum?“ Und warum hat Andreas L. am Tag vor der Katastrophe eine Patientenverfügung unterschrieben („mit 27 Jahren!“), und seine Freundin am Absturztag Krankenakten und Medikamente in eine Tasche gepackt und aus der Wohnung geschafft?

Die Polizei habe keine Antworten auf diese Fragen gesucht, sagt Radner in ruhigem Ton, bevor sich seine Stimme hebt und dokumentiert, wie rasend ihn die aus seiner Sicht „Untätigkeit und fehlende Kommunikation“ der Ermittlungsbehörden macht. „Mit den Anzeigen will ich erreichen, dass endlich vernünftig ermittelt wird.“

Radner: „Ich will nur Aufklärung“

Radner will sich nicht mit der Erklärung für das Unvorstellbare zufrieden geben, dass der Copilot Selbstmord begangen hat. „Ich möchte, dass die Umstände aufgeklärt werden.“ Hätte das Unglück womöglich verhindert werden können, wenn angesichts der psychischen Labilität von Andreas L. Ärzte und Angehörige Alarm geschlagen hätten? „Wenn jeder Betroffene nachweisen kann, dass er nichts falsch gemacht hat, habe ich kein Problem damit.“

Die meiste Zeit des Gesprächs sitzt Radner ruhig auf seinem Bürostuhl. Dass ihn die Sache nach wie vor aufbringt, zeigt sich, wenn er sich über den Schreibtisch beugt und mit den Armen rudert. Radner will sich nicht dem Vorwurf aussetzen, die Anzeigen stammten von einem verbitterten Vater in blinder Wut. „Ich habe nicht die Hasskappe auf“, sagt er, „es geht mir nicht darum, die Schuldfrage zu klären – das ist Sache der Gerichte. Ich will nur Aufklärung.“ Für Radner ist es ein verzweifelter „Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit“. Er kann nicht verstehen, dass die Mühlen der Justiz bisweilen langsam mahlen. „Von der Staatsanwaltschaft bekomme ich nur Dreizeiler, dass man die Anzeige verfolgen wird.“ Und dann höre er nichts mehr.

Was ist in den letzten Minuten an Bord des Airbus’ passiert? Auch eine Frage, die Radner quält. Die Passagierhandys seien für eine Verwertung unbrauchbar gewesen, heißt es. Radner zuckt mit den Schultern. „Ich habe Marias Geldbörse mit Pass und Kreditkarte bekommen. Fast unbeschädigt.“ Er will seinen Kampf weiterführen. Das sei er seiner Tochter schuldig. „Was soll ich denn machen?“

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