Marketing

AOK lud Rollstuhl-Aktivist Raul Krauthausen zum Laufen ein

| Lesedauer: 3 Minuten
Lars Wienand
Raul Krauthausen im Mai bei einer Demonstration gegen das Teilhabegesetz. Er würde nie sagen, dass er an den Rollstuhl „gefesselt“ ist. Mit ihren Laufangeboten war die Krankenkasse aber bei ihm an der falschen Adresse.

Raul Krauthausen im Mai bei einer Demonstration gegen das Teilhabegesetz. Er würde nie sagen, dass er an den Rollstuhl „gefesselt“ ist. Mit ihren Laufangeboten war die Krankenkasse aber bei ihm an der falschen Adresse.

Foto: imago stock&people / imago/Markus Heine

Die AOK lädt einen der bekanntesten deutschen Rollstuhlfahrer zum Laufseminar. Es ist eine Geschichte, in der Empörung nicht vorkommt.

Berlin.  Auf der Internetseite des Berliners Raul Krauthausen findet sich unter der Rubrik „Behindertenwitze“ die Anekdote vom Mantafahrer, der einen Rollstuhlfahrer nach dessen Höchstgeschwindigkeit fragt. „6 km/h?? Dann kannste ja gleich laufen.“ Das kann Raul Krauthausen wegen seiner Glasknochen nicht, aber er kann darüber lachen. Der 36-Jährige hat deshalb auch eine auf den ersten Blick sehr unsensible Einladung seiner Krankenkasse mit Humor genommen. Die AOK Nordost warb bei ihm für das Jogging-Programm „Laufend in Form“. In einem massenhaft versendeten Brief schwärmte die Kasse auch dem Inklusions-Aktivisten von den vielfältigen Effekten des Laufens vor. Krauthausen twitterte trocken mit einem Foto des Briefes, er nehme dann das Laufeinsteigerprogramm.

Bei der AOK dürfte die Erleichterung groß sein, dass der Fall ohne große Reibungen abläuft. „Wir freuen uns, dass er das Schreiben auch mit einem Augenzwinkern kommentiert hat“, erklärte AOK-Sprecher Matthias Gabriel unserer Redaktion. In den Kommentaren zu Kraulhausens Tweet finden sich vergleichbare Erfahrungen: „Erleben wir Gehörlose täglich, wenn man uns in Briefen auffordert, für ,ein unverbindliches Gespräch’ doch mal anzurufen.“ Das andere Extrem findet sich in der Rückmeldung: „Mein Vater hat sich über den Brief auch lustig gemacht, der läuft bald seinen 200. Marathon...“

Kein Merkmal zu Handicap in Daten für Marketing

Die Krankenkasse räumt ein, dass der Brief sehr unglücklich wirken könne. Man arbeite ständig daran, Briefe oder auch E-Mails für die rund 1,75 Millionen Versicherten „optimal und adressatengerecht zu gestalten“. Die AOK meldete sich bei Krauthausen. „Amüsiert“ sei er, schrieb der 36-Jährige. Mit einer Seite leidmedien.de versucht er auch, Klischees in der Berichterstattung über Menschen mit Behinderung auszuräumen.

Als Reaktion auf den Brief an Krauthausen loben Nutzer, dass die Kasse ihre gesundheitsbezogene Daten offenbar nicht im Marketing einsetze. Die AOK Nordost habe sich bewusst aus „gesellschaftspolitischen Gründen“ entschieden, darauf zu verzichten, erläutert Sprecher Gabriel. Eine gesetzliche Regelung, ein Merkmal für eine Behinderung nicht vermerken zu dürfen, sei ihm dagegen nicht bekannt. Mögliche Beeinträchtigungen seien aber auch so vielfältig, dass sie sich nicht sinnvoll individualisiert im Marketing berücksichtigen ließen. Menschen mit Handicap könnten zudem oft ebenso viele Sportarten betreiben wie andere Menschen.

Eine konkrete Idee für die nächsten Lauf-Werbung gibt es aber schon von Krauthausen, der für die „Aktion Mensch“ aktiv ist, die „Sozialhelden“ gegründet und das Buch „Dachdecker wollte ich nicht werden“ geschrieben hat: „Man könnte ein Angebot für Rollstuhlfahrer parallel mitbewerben“. Angebote im Bereich des Behindertensports fördert die Kasse wie im Sozialgesetzbuch vorgeschrieben ohnehin. Verbesserungsvorschläge in der Kundenkommunikation prüfe man fortlaufend, heißt es dazu von der AOK Nordost.

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos