Kirche

Weltjugendtag in Krakau – Zwischen Selfies und Seelenheil

| Lesedauer: 5 Minuten
Sören Kittel
Der Vertreter Gottes in Selfie-Laune: Papst Franziskus lässt sich mit Jugendlichen bei einem offiziellen Mittagessen in Krakau fotografieren.

Der Vertreter Gottes in Selfie-Laune: Papst Franziskus lässt sich mit Jugendlichen bei einem offiziellen Mittagessen in Krakau fotografieren.

Foto: Osservatore Romano / Handout / dpa

Beim Weltjugendtag in Krakau suchen junge Menschen den Glauben und verschenken Pandas. Wir haben uns unter die Feiernden gemischt.

Krakau.  Als Martial Merlin sieben Jahre alt war, hatte er eine Offenbarung. „Es war eine Art Erscheinung, und ich wusste plötzlich, dass ich Priester werden will.“ Die Erinnerung an die „Offenbarung“ verblasste, aber der Wunsch wurde stärker. Jetzt ist er 23 Jahre alt und läuft mit Hipsterbart und traditionellem Gewand eines Seminaristen durch Krakau. Er sagt Sätze, die nur wenig zu tun haben mit dem, was andere in seinem Alter im Sommer in den Mittelpunkt stellen: „Pokemon Go“, die neue „Game of Thrones“-Staffel oder Techno-Festivals in verlassenen Brandenburger Flughäfen. Martial Merlin sagt zum Beispiel: „Ich will einfach für Gott da sein und seine frohe Botschaft in die Welt tragen – damit noch mehr ihren Nächsten lieben.“

Hier in Krakau sind die Wörter Nächstenliebe und Barmherzigkeit derzeit oft zu hören. Zwischen 500.000 und einer Million katholische Jugendliche aus der ganzen Welt sind zusammengekommen. In 330 überfüllten Kirchen im Großraum Krakau fanden eine Woche lang Katechesen in 30 Sprachen statt — dieses Jahr erstmals auch auf Aramäisch, der Sprache von Jesus Christus. Die Idee geht auf Papst Johannes II. zurück, der vor genau 30 Jahren zum ersten Weltjugendtag in Rom eingeladen hatte. Krakau als Jubiläumsort hätte ihm gefallen, er hat die Stadt immer als seine Heimat bezeichnet.

Am meisten fallen in den Straßen wohl die Flaggen auf. Die werden derart oft geschwenkt, dass man für einen Moment Public-Viewing-Bildschirme erwartet. Passend dazu singen Gruppen ein „Huh“-Rufkonzert, wie die berühmten isländischen EM-Fans. Wenn mehrere Christengruppen einander begegnen, ist das Abklatschen an der flachen Hand zur Pflicht geworden, wie sonst im Cross-Fit-Studio. Wenn dann noch bei einem Regenguss alle ihre grellroten, -blauen oder -gelben Regenumhänge anziehen, erinnert das Fest an eine Art Woodstock für Geistliche.

Viele Jugendliche gehen laut Papst geistig in Pension

Jemille West aus Sydney zumindest hat nicht viel geschlafen in den vergangenen Wochen. „Klar, haben wir bis nachts mit anderen zusammengesessen und dabei nicht nur gebetet“, sagt sie. Sie ist gerade 21 Jahre alt und habe Verständnis dafür, dass einige in Krakau polnisches Bier trinken und Spaß haben wollen. „Aber ich bin vor allem hier, weil ich mich meinem Glauben rückversichern will.“ Dann sagt sie mehrere Sätze mit dem Wort „Barmherzigkeit“, weil es die zentrale Botschaft des Weltjugendtages ist. „Als der Papst sagte, dass viele von uns jungen Menschen schon geistig in Pension gehen würden – habe ich mich selbst auch darin erkannt.“ Das andere große Thema Flüchtlinge wühlt die Katholiken noch mehr auf, besonders die polnischen. Radostov B. und Dominik B. aus Bialystok im Norden von Polen. Ihre Nachnamen wollen die beiden 25-Jährigen lieber nicht sagen, weil sie als Priesteranwärter dem Papst letztlich nicht widersprechen wollen. „Aber ich glaube, mit den Flüchtlingen liegt er falsch.“ Sie wollen nicht, dass ihr Land mehr Flüchtlinge aufnimmt. „Man hat ja gesehen, wohin das in Deutschland führt.“

Als sie das sagen, stehen sie mit ihren schwarzen Talaren vor einem Panzerfahrzeug des Militärs. Es kann kein Zufall sein, dass ausgerechnet in dieser Woche das Verteidigungsministerium mehrere Stände mitten in der Altstadt aufgebaut hat und „über neue Waffentechnik“ informiert. Fallschirme werden aufgefaltet und einzeln erklärt und Panzer und Geschütze ebenfalls. Die Stadt ist in Alarmbereitschaft, wie bei allen großen internationalen Ereignissen in dieser Zeit. Rund 25.000 Sicherheitskräfte beschützen das Fest.

Am Freitagabend ist er dann da, der Moment, für den Jemille West aus Australien 20 Stunden im Flugzeug gesessen hat. Noch eben hatte eine Band aus dem Irak das „Vaterunser“ gesungen. Jetzt spricht der Papst.

Ein Leben für die frohe Botschaft, das wollen viele

Sie sitzt weit hinten, im Abschnitt D8. Sie sieht ihn auf der Leinwand, als Papst Franziskus laut fragt: „Wo ist Gott?“ Gerade in Zeiten von Terror und dem Tod von Unschuldigen stelle sich diese Frage. Er antwortet: „Gott ist in ihnen, in den Opfern, er identifiziert sich mit jedem einzelnen, ganz intensiv.“ Der Papst spricht die Jugendlichen direkt an: „Wie wollt ihr euch heute Abend selbst begegnen, wenn ihr in eure Unterkunft kommt?“ Er spricht sich noch einmal für die Syrer aus. „Ihr müsst den Ausgegrenzten dienen.“

Für einen Augenblick ist es ganz verständlich, dass es hier viele gibt, die sich dem verschreiben wollen, wie Martial Merlin. Ein Leben für die ganz großen Sätze und einen Moment, in dem aus fast einer Million Münder (inklusive dem Papst) gleichzeitig ein schönes Wort kommt. Es bedeutet ungefähr „sich verankern“, und alle sagen: „Amen.“