Kopenhagen

Baby-Boom in Dänemark

| Lesedauer: 4 Minuten

Firmen, Kommunen und TV-Sender werben mit „Tu es“-Videos fürs Kinderkriegen. Der Erfolg ist messbar

Kopenhagen. In diesem Sommer dürften deutlich mehr Kinderwagen durch das Königreich Dänemark rollen, das an einer Überalterung seiner Gesellschaft leidet. Das 5,7-Millionen-Einwohner-Land erwartet bis Ende August 1200 Neuzugänge mehr als im vergangenen Sommer. Zum ersten Mal seit Jahren könnte 2016 die Marke von 60.000 Geburten geknackt werden. Mitverantwortlich dafür sollen mehrere vor gut neun Monaten und schon davor durchgeführte Werbekampagnen sein.

Den Stein ins Rollen brachte schon 2014 die Reiseagentur Spies Travel. In Werbefilmen und auf Plakaten zeigte sie attraktive Männer und Frauen um die Dreißig beim Urlauben. Mit dem Spruch „Tue es für Dänemark!“ wollte die Agentur Dänen motivieren, eben diesen Urlaub für die Familienplanung zu nutzen. Das Unternehmen bot Paaren dafür sogar eigens einen „Eisprungrabatt“ an.

Kinderkriegen gewinnt wieder an Prestige

Vor gut neun Monaten kam dann eine verbesserte Neuauflage der Kampagne. Dieses Mal zielte sie auf die unter vielen kinderlosen Dänen über 30 verbreiteten Schuldgefühle. Die potenzielle Großmutter wurde ins Feld geführt: „Tu’ es für Mutti!“, heißt es im Urlaubswerbefilm. Das Video wurde rund acht Millionen Mal angeschaut. Kurz darauf sprangen auch dänische Kommunen auf den Zug auf. Die Hauptstadt Kopenhagen setzte gleich auf eine Angstkampagne. Unter dem Tenor, „Fruchtbarkeit hält nicht für immer“, wurden etwa Spermazellen gezeigt und die hinterhältige Frage gestellt: „Schwimmen sie nicht schon etwas zu langsam?“ An Frauen gerichtet, erklärt die Kampagne, dass jede Frau in ihrem Leben nur eine begrenzte, sich stetig vermindernde Anzahl Eizellen hat.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk berieselte sein Publikum mit dem Satireprogramm „Knald for Danmark“ (etwa: „Tu’ es für Dänemark“). Auf witzige Weise mahnte die Sendung, dass der „richtige Zeitpunkt nie kommt“ – oder dass Frauen nur rund 30 Jahre lang Kinder kriegen können. Satiriker mimen Paare um die 30. Da sind die lockeren Kinderfantasten, die gleich zehn Kinder haben wollen und sich schon vor der Kamera fast gegenseitig verschlingen. Auch die unterkühlten Karrieristen, die nicht einfach „ein ganzes Jahr aus ihrem Terminkalender streichen können“, kommen zu Wort.

„Ich war überrascht davon, dass plötzlich so viele Kampagnen dazu in so kurzer Zeit liefen“, sagte Kopenhagens Gesundheitsstadträtin Ninna Thomsen. Man könne nicht beweisen, dass sie wirklich zum Geburtenanstieg in diesem Sommer beigetragen hätten, aber zumindest hätten sie wohl positiven Einfluss gehabt. Ulla Kobberø aus Kopenhagen, die gerade Mutter von Zwillingen geworden ist, hat die Kampagne jedenfalls erreicht. „Als dazu aufgefordert wurde, dass wir mehr Kinder bekommen sollen, habe ich gedacht: Das könnte ich doch eigentlich wirklich“, sagt sie. „Es hat wieder mehr Prestige bekommen, ein Baby zu kriegen. Viele legen Wert darauf, eine Familie zu haben.“

Auch im Sexualkundeunterricht an den Schulen hat ein Umdenken stattgefunden. Dort lag der Fokus lange vor allem auf der Verhütung. Zu früh Kinder zu bekommen, sei eine Armutsfalle, so der Unterton, der einst vor allem Schwangerschaften bei Jugendlichen verhindern sollte. Die gibt es in Dänemark aber kaum noch. Im Unterricht wird nun wiederum die Aussicht, mit Anfang oder Mitte 20 Eltern zu werden, in ein besseres Licht gerückt.

Gleichzeitig tut Dänemark viel für junge Familien – mit Elterngeld, ausreichend Kindergartenplätzen und der Möglichkeit für Väter, sich für die Kinder eine Auszeit zu nehmen. Trotz des kleinen Booms: Die Geburtenrate von 1,7 Kindern reicht noch nicht, um den teuren Sozialstaat in dieser Form auf Dauer aufrechtzuerhalten.

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