Erpressung

Paar aus Gelsenkirchen erpresst Lidl mit Bombendrohung

Um sich den Traum von einem Haus in Spanien zu erfüllen, erpresste das Paar den Discounter. Es soll auch eine Rohrbombe gezündet haben.

Eine Million Euro wollte das Paar aus Gelsenkirchen von dem Discounter erpressen. Um ihre Drohung zu untermauern, sollen sie vor einem Markt in Herten eine Rohrbombe gezündet haben.

Eine Million Euro wollte das Paar aus Gelsenkirchen von dem Discounter erpressen. Um ihre Drohung zu untermauern, sollen sie vor einem Markt in Herten eine Rohrbombe gezündet haben.

Foto: imago stock&people / imago/Christian Ohde

Herten/Gelsenkirchen.  Das Rätsel um die Explosion einer Rohrbombe in einem Lidl-Markt im nordrhein-westfälischen Herten ist gelöst. Das Amtsgericht Bochum erließ am Dienstag Haftbefehl gegen ein Pärchen aus Gelsenkirchen, das den Konzern aus Neckarsulm um eine Million Euro erpresst haben soll. Als der Sprengsatz am 15. April 2016 um neun Uhr morgens in einem Papierkorb an der Leergutannahme in dem Markt am Rande der Hertener Innenstadt detonierte, war eine Mitarbeiterin durch herumfliegende Metallteile leicht verletzt worden.

Der Traum von einem Haus in Spanien soll das Motiv des geständigen Pärchens gewesen sein. Mit dem erpressten Geld hatten sie ihre Wohnung in Gelsenkirchen-Erle, die einige der Ermittler als vermüllte Messi-Wohnung einstuften, spätestens im September verlassen wollen.

Haftbefehl gegen Lidl-Erpresser lautet auf versuchten Mord

Dafür hätten sie auch über Leichen gehen wollen, ist sich die Polizei sicher. Denn als Rüdiger D. (48) und Liana D. (54) die mit Schwarzpulver gefüllte Rohrbombe während der Geschäftszeit zündeten, hatten sie keinen Blickkontakt zum Papierkorb neben der Pfandrückgabe. Sie wussten also nicht, ob in diesem Moment ein Mensch direkt neben der Bombe stand. Weil sie verheerende Folgen billigend in Kauf genommen haben sollen, lautet der Haftbefehl gegen sie nicht nur auf schwere räuberische Erpressung, sondern auch auf versuchten Mord. Gleich vier Mordmerkmale haben sie laut Haftbefehl des Bochumer Amtsgerichtes erfüllt: Heimtücke, Habgier, Tötungsversuch mit gemeingefährlichen Mitteln und zur Ermöglichung einer Straftat.

Denn die Explosion war der Auftakt zur Erpressung. Professionell hatten sie die Rohrbombe über ein Handy gezündet. Drei Tage später, am 18.April, schickten sie Lidl, Abteilung „Dienstleistung”, eine E-Mail, in der sie die Verantwortung für den Anschlag übernahmen. Falls das Unternehmen nicht binnen eines Monates eine Million Euro zahle, explodierten weitere Sprengsätze, drohten sie. Falls Lidl nicht zustimme, erhöhe sich die Summe auf zwei Millionen Euro.

Ermittler observierten die Erpresser schon längere Zeit

Für die Geldübergabe wählte das Pärchen einen ungewöhnlichen Weg, eine Art Erpressung am Geldautomaten. Unter falschen Personalien hatten die beiden Gelsenkirchener drei Prepaid-Kreditkarten der Firma money2go erworben. Diese Karten geben nur das Geld frei, das vorher auf das Konto eingezahlt wurde. Allerdings lassen sich so mit jeder Karte nur jeweils bis zu 320 Euro täglich an Geldautomaten weltweit abholen. Ein mühsamer Weg, bis die Million in die eigene Tasche gewandert ist.

Lidl sollte aber auch nicht sofort die komplette Summe überweisen, sondern monatlich jeweils 3000 Euro auf die drei Konten der Kreditkarten. Der Konzern ging zum Schein auf die Forderung ein und zahlte. Im Hintergrund ermittelten aber schon das Landeskriminalamt NRW und die Kripo Recklinghausen. Schnell kamen die Behörden den Erpressern auf die Spur, observierten sie und filmten ihre Auftritte an Geldautomaten in Bochum, Herne und Gelsenkirchen, wo sie insgesamt 1200 Euro abhoben, bevor sie festgenommen wurden. Als am 2. Juni das Konto noch nicht freigeschaltet war, drohten sie sofort in einer E-Mail eine weitere Explosion an.

Möglicherweise bereits zweite Lidl-Erpressung

Mit Ermittlungen der Polizei hatten sie offenbar gerechnet. Den E-Mail-Verkehr führten sie nur unter konspirativ angemeldeten E-Mail-Adressen durch, an den Geldautomaten tarnten sie sich mit Hut, Sonnenbrille und Gesichtsmaske – Gegenstände, die bei der Hausdurchsuchung ebenso gefunden wurden wie die drei money2go-Geldkarten.

Jetzt sitzen sie in U-Haft, haben Geständnisse abgelegt. Volker Schröder, Verteidiger von Liana D., auf Anfrage der WAZ: „Meine Mandantin war sich der Schwere dieser Tat nicht bewusst, glaube ich.” Die Mindeststrafe allein für eine schwere räuberische Erpressung liegt bei fünf Jahren Haft. Hinweise gibt es, dass das Pärchen bereits 2012 und 2013 den Lidl-Konzern erpresst hatte. Schröder: „Dazu hat sie sich zunächst nicht geäußert.”

Dieser Text erschien zuerst auf www.derwesten.de.