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Warum gibt es in Australien Kamele?

Dr. Mario Ludwig erklärt, was Dromedare auf dem fünften Kontinent zu suchen haben

Dromedare im australischen Outback

Dromedare im australischen Outback

Foto: dpa Picture-Alliance / McPHOTO / picture alliance / blickwinkel/M

Wer an Australiens außergewöhnliche Fauna denkt, dem kommen Kängurus, Koalas und Schnabeltiere in den Sinn. Was jedoch die wenigstens Menschen wissen, ist, dass im Landesinneren auch hunderttausende wilder Dromedare leben. Wie aber sind sie nach Australien gekommen? Biologisch vorgebildete Leser wissen ja, dass Dromedare eigentlich in Nordafrika, auf der Arabischen Halbinsel und in Vorderasien zu Hause sind.

Bei den wildlebenden Wüstenschiffen im australischen Outback handelt es sich um die Nachkommen von gezähmten Tieren, die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Australien eingeführt wurden, um den ersten Siedlern als Lasttiere bei der Durchquerung der in "down under" reichlich vorhandenen Wüsten zu dienen. Allein zwischen 1860 und 1907 wurden 12.000 Dromedare vor allem aus Nordafrika, Pakistan, und Indien importiert. Aber im Laufe der Zeit und vor allem nach Erfindung des Autos lösten Lastwagen und Güterzüge die Wüstenschiffe als Transportmittel ab. Die Meister des Entbehrens waren selbst entbehrlich geworden und wurden von ihren Besitzern in die Wildnis entlassen.

Mittlerweile sind sie eine Plage

Die Tiere fanden sich dort ausgesprochen gut zurecht und vermehrten sich rasant, denn Raubtiere, die groß genug sind, um ein ausgewachsenes Kamel zu erbeuten, existieren auf dem fünften Kontinent nicht. Nach Schätzungen von Experten verdoppelt sich die Herde alle sieben Jahre. Heute schätzt man, dass rund 300.000 wildlebende Kamele das Outback bevölkern. Allerdings sind die Nachkommen der einst so braven Lastentiere wegen ihrer gewaltigen Stückzahl mittlerweile zu einer Plage mutiert. Sie fressen den heimischen Tieren die Nahrung weg, zertrampeln die Felder der Farmer, verschmutzen Wasserstellen und zerstören ab und an auch noch die heiligen Orte der Aborigines.

Richtig für Furore sorgten die Kamele im Herbst 2009, als eine Herde von rund 6000 Tieren wegen anhaltender Trockenheit im Outback kein Wasser mehr fand und deshalb in mehrere Ortschaften einfiel, um dort die Wasservorräte zu plündern. In ihrer Verzweiflung drangen die Wüstenschiffe sogar in Häuser ein, öffneten dort die Wasserhähne und machten sich über die Ablaufrinnen der Klimaanlagen her. Besonders schwer heimgesucht wurde die etwa 670 Kilometer südwestlich von Alice Springs gelegene 350-Seelen-Gemeinde Docker River. Hier legte die Kamelhorde auch den kleinen Flughafen lahm. Die insgesamt in Australien durch wilde Kamele verursachten Schäden lagen 2009 bei über 14 Mio. Australischen Dollar.

Wilde Hetzjagd

Als sich die Menschen aus Furcht, niedergetrampelt zu werden, nicht mehr aus ihren Häusern trauten, griff die australische Regierung ein und gab den Befehl zum Abschuss der Tiere. Zunächst wurden die Kamele mit Hilfe von Hubschraubern rund 15 Kilometer weit aus den Dörfern getrieben, wo dann Tausende von Tieren von Jägern und Scharfschützen getötet wurden.

Die Kadaver blieben dem Vernehmen nach zumindest zum Teil in der Wüste liegen und verrotteten. Bilder vom Kamelmassaker existieren nicht. Die Behörden hatten Filmaufnahmen bei Strafandrohung untersagt. Insgesamt wurden bis Ende 2013 160.000 Kamele abgeschossen, weitere 100.000 Dromedare sollen in dieser Zeit einer Dürreperiode zum Opfer gefallen sein. Natürlich kritisierten Tierschützer in aller Welt die drakonische Maßnahme und riefen Touristen zum Boykott Australiens auf. Vielen Australiern dagegen reicht diese Massentötung bei weitem noch nicht aus.

Es geht aber – wenn auch im Kleinen - anders: Bereits vor über zehn Jahren haben Geschäftsleute und Farmer begonnen, aus der Not eine profitable Tugend zu machen, und bieten Dromedarsafaris durchs Outback an, die mittlerweile zu einem echten Renner der Tourismusbranche geworden sind.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.

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