Berlin

„Ich kann alles außer Fensterputzen“

Janis McDavid wurde ohne Arme und Beine geboren. Inzwischen ist er Motivationstrainer für Unternehmen

Berlin.  Janis McDavid war 14 Jahre und in einem Supermarkt einkaufen. Er stand am Regal bei den Schokoladen und kam nicht an die Tafeln heran. Eine Frau, so um die 40 Jahre alt, lief an ihm vorbei und er bat sie, ob sie ihm kurz etwas aus dem Regal in seinen Einkaufskorb legen könnte. Sie schüttelte den Kopf, lief weiter und murmelte nur: „Nein, keine Zeit.“ Später sah Janis McDavid, wie genau diese Frau seelenruhig weiter durch das Geschäft lief.

Sein wichtigster Körperteil sei sein Kopf

Wenn Janis McDavid Hände hätte, würde er abwinken: „So schlimm ist das nicht“, sagt er, „sowas passiert schon mal.“ Er hat immer wieder erlebt, dass Menschen mit seiner Behinderung nicht umgehen können, dass sie plötzlich unsicher werden und nicht wissen, wie sie ihm die Hand geben sollen oder sogar die Straßenseite wechseln, wenn er mit dem Rollstuhl auf sie zukommt. Aber er weiß, dass er eben auch sehr ungewöhnlich aussieht. Er wurde vor fast 25 Jahren ohne Arme und Beine geboren. Als der Bochumer davon erzählt, sagt er, dass er nur ein Wort nicht gern höre: „mehrfach schwerstbehindert“. „Was heißt das schon?“, fragte er. „Ich kann schließlich die meisten Dinge selbst machen, außer ...“, er überlegt, „Fensterputzen zum Beispiel.“ Gleichzeitig wolle er auch nichts schönreden, oder, wie er es nennt, „keinen Dreckhaufen mit Zuckerguss übergießen“. Aber er beschwert sich auch nicht über seine Situation, sondern sagt: „Ich muss eben einfach viel mehr organisieren als jemand mit Armen und Beinen.“ Das war es dann schon. Sein wichtigster Körperteil sei sein Kopf. Als er diese Haltung vor drei Jahren bei einem Vortrag in einem Autohaus beschrieb, waren die Zuhörer so begeistert, dass er mittlerweile von Unternehmen wie BASF oder Daimler deutschlandweit gebucht wird. Das Thema: Wie gehe ich mit Misserfolgen um und meistere größere Herausforderungen. Sein Vorteil: Selbst bekannte Sinnsprüche wie „Freiheit beginnt im Kopf“ oder „Geht nicht, gibt’s nicht“ klingen einfach anders, wenn Janis McDavid sie einbettet in die Geschichten aus seinem Alltag.

Zusammengefasst hat er all diese Geschichten in seinem Buch, das in diesem Jahr erschienen ist und einen sehr positiven Titel trägt: „Dein bestes Leben.“ Auch im Gespräch mit ihm vergeht kaum ein Moment, in dem er nicht eine Herausforderung beschreibt – schließlich erscheinen viele Dinge, die er erlebt hat, auf den ersten Blick unmöglich: Wildwasserfahren im Kanu in Brasilien, ein Auslandssemester in London oder eben Schokolade im Supermarkt kaufen. „Natürlich bin ich oft auf die Hilfe anderer angewiesen“, sagt Janis McDavid, „aber das ist meistens kein Problem.“

Da ist es wieder, dieses „kein
Problem“, das er immer wieder sagt. Natürlich helfen dabei die vielen technischen Errungenschaften der letzten Jahre: die Spracherkennung beim Mobiltelefon, der modernste Rollstuhl – und ein Auto, das extra für ihn passend umgebaut wurde.

Dieses positive Selbstbild will er jetzt nicht nur durch Vorträge nach außen tragen. „Ich möchte einen Verein für Führungskräfte mit Behinderung gründen“, sagt er. Das Wort „Behinderung“ sei zwar
nicht schön, aber es gibt kein besseres. „Es weist auf etwas Negatives hin“, sagt er. „Dabei gibt es viel, was Behinderte auch können.“ Das ist etwas, dass er auf seinen Reisen in Afrika und Asien gelernt hat: Dass es dann doch immer irgendwie geht. Selbst dann, wenn er komplett allein war in fremder Umgebung. „Dann verständige ich mich mit Händen und Füßen – das geht auch ohne Hände und Füße, glauben Sie mir.“