Gerichtsprozess

Mutter handelte bei Babymorden aus „sexuellem Egoismus“

Eine Mutter steht wegen achtfachen Kindermordes vor Gericht und gesteht. Die Aussage der Stieftochter bewegt alle im Gerichtssaal.

Im November 2015 holte ein Bestattungsunternehmen die Leichen mehrerer Babys in Wallenfels ab. Nun stand die Mutter vor Gericht.

Im November 2015 holte ein Bestattungsunternehmen die Leichen mehrerer Babys in Wallenfels ab. Nun stand die Mutter vor Gericht.

Foto: Fricke / dpa

Coburg.  Gegen 11.20 Uhr, der Prozess dauert schon mehr als zwei Stunden, treten alle Beteiligten vor Richter Christoph Gillot. 13 Menschen in Roben und Anzügen – Anwälte, Staatsanwalt, Sachverständige. Sie reden leise über die Wohnräume in Wallenfels, in denen im November 2015 acht Babyleichen gefunden wurden. Aus der Menschentraube dringen nur einzelne Wörter in den Zuschauerraum. „Sauna“. „Handtücher“. „Mülltüten“. Nur wer ganz genau hinhört, kann auch „Haare“ und „Knochen“ und „Schädelteile“ hören. Die beiden Angeklagten sind die Einzigen im vorderen Teil des Gerichtssaals, die nicht stehen. Andrea und Johann G. sitzen zwei Meter entfernt voneinander, starren vor sich hin.

Die 45-jährige Angeklagte legt über ihren Anwalt ein Geständnis ab: Sie habe die acht Neugeborenen in Handtücher gewickelt und versteckt – egal, ob sie Lebenszeichen gezeigt hätten oder nicht, sagt ihr Verteidiger am Dienstag zum Prozessauftakt am Landgericht Coburg. Die Geburten hätten sie nach verdrängten Schwangerschaften jedes Mal überrascht. Mindestens vier der Kinder, die sie zwischen 2003 und 2013 geboren hat, sollen lebensfähig gewesen sein. Andrea G. selbst weiß es nicht mehr genau. Bei vier weiteren der Babyleichen konnte medizinisch nicht geklärt werden, ob sie lebensfähig waren, sie sind nicht Teil der Anklage.

Mann bestärkte Mutter in ihrem Tun

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Andrea G. aus „sexuellem Egoismus, Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit“ handelte. Der heute 55-jährige Johann G. „bestärkte“ demnach außerdem durch seine Untätigkeit die Frau in ihrem Tun.

Das Gericht versucht zunächst zu ergründen, in welchen Umständen diese Patchwork-Familie in Wallenfels lebte: beide Eltern geschieden, jeweils zwei eigene Kinder und drei weitere gemeinsam. Alle leben unter einem Dach. Johann G. nennt seine Frau in seiner Aussage eine „normale“ Mutter, nicht übermäßig reinlich, aber geputzt habe sie schon. Der Richter will es genauer wissen: Wo liegen die sauberen Handtücher? Wo wird die Schmutzwäsche abgelegt? Wer durfte in die Sauna gehen, die als Abstellkammer genutzt wurde, wem war das verboten? Durch diese Fragen nähert sich der Richter dem eigentlichen Thema an: den toten Neugeborenen. Gefunden hat sie schließlich die Tochter Nina, 31 Jahre, die Johann G. mit in die Ehe brachte.

Erschütternde Aussage der erwachsenen Stieftochter

Ihre Aussage ist wohl der erschütterndste Moment des ersten Prozesstages. Sie erzählt zunächst, wie sie Andrea G. aus dem Haus warf, nachdem sie sie in einer Kneipe mit einem anderen Mann gesehen hatte. Wie sie dann jahrealte, von Andrea G. versteckte Briefe im Haus fand – Rechnungen, Mahnungen. „Mein Vater sagte, er habe Angst, da sei noch mehr.“ Auf Nachfragen habe er erzählt, Andrea sei schwanger gewesen. Nina G. beginnt im Gerichtssaal zu weinen. Sie erzählt, wie sie mit einer Freundin die Kiste in der Sauna öffnete und einen blutigen Babykopf sah. „Dann haben wir die Polizei geholt.“

Das war im November 2015. Kurz darauf, so erzählen die Polizisten im Prozess, fanden sie mehr Babyleichen. Im ersten Polizeibericht stand anfangs die Zahl „Zwei“, sie wurde durchgestrichen und noch am ersten Tag mit einer „Fünf“ ersetzt. Tage später wird klar: Es sind acht. Zu dem Zeitpunkt war Andrea G. zur Fahndung ausgeschrieben. Polizisten traten schließlich in einer Pension in der Nähe eine Tür ein. Ein scheinbar leerer Raum, doch hinter einem Vorhang schauten zwei Schuhe hervor. Sie hatte sich versteckt.

Täterin erlebte alles wie in einem Film

Ihr Anwalt sagt draußen vor dem Gerichtssaal: „Andrea G. war froh, dass es jetzt vorbei war, dass sie sich jetzt mit ihren Taten auseinandersetzen kann.“ Sie habe die Taten erlebt, „als wenn man einen Film anschaut, aber mit den handelnden Personen nichts zu tun hat“. Sie habe jedes Mal gleich gehandelt. Und sie habe es geschafft, die Gedanken daran zu verdrängen. „Ab der dritten oder vierten Geburt geriet ihr Leben aus den Fugen“, sagte der Anwalt. Andrea G. erhebt selbst Vorwürfe gegenüber ihrem Mann: Als sie ihm von einer der Schwangerschaften erzählte, habe er nur hämisch gelacht und gesagt, sie werde schon wissen, was zu tun sei.

Staatsanwalt Martin Dippold will von Johann G. wissen, warum das Paar keine Verhütung benutzt habe. Der Mann sagt, dazu möchte er sich nicht äußern. Andrea G. schaut aus dem Fenster. Als wäre sie gar nicht hier.