Bahnkatastrophe

Keine Hinweise auf deutsche Opfer bei Zugunglück in Italien

Noch ist die Ursache des schweren Zugunglücks mit 23 Toten in Italien unklar. War es menschliches Versagen oder ein technischer Defekt?

Rettungskräfte suchen nach dem Frontalzusammenstoß zweier Züge nahe Bari in den Wracks der vom Aufprall zerstörten Züge nach Überlebenden.

Rettungskräfte suchen nach dem Frontalzusammenstoß zweier Züge nahe Bari in den Wracks der vom Aufprall zerstörten Züge nach Überlebenden.

Foto: ALESSANDRO GAROFALO / REUTERS

Rom.  Nach dem Zugunglück mit mindestens 23 Toten in Süditalien ist die Suche nach Schuldigen im vollen Gang. Die Staatsanwaltschaft in der Stadt Trani ermittelt wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung gegen unbekannt. Zwei Züge waren am Dienstag mit hoher Geschwindigkeit auf eingleisiger Strecke nördlich von Bari zusammengeprallt. Etwa 50 Menschen wurden laut Medien verletzt, darunter auch Kinder, vier weitere Passagiere werden noch vermisst.

Premierminister Matteo Renzi versprach am Abend bei einem Besuch am Unglücksort eine vollständige Aufklärung. Ermittelt wird, ob es sich um menschliches Versagen handelt. Aber auch ein technisches Problem wird nicht ausgeschlossen. Aufschluss soll die Blackbox der Züge geben. Ein geplanter Ausbau der Strecke auf zwei Gleise hatte sich immer wieder verzögert.

Unter den Opfern sind nach ersten Erkenntnissen keine Deutschen. „Vollständig ausschließen können wir dies jedoch zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht“, hieß es am Mittwoch aus dem Auswärtigen Amt in Berlin. Die deutsche Botschaft in Rom stehe in engem Kontakt mit den örtlich Stellen, um schnell völlige Gewissheit zu haben.

Unglücksort ist nur schwer zu erreichen

Was war passiert? Es ist ein heißer Sommertag in Apulien, als gegen 11.30 Uhr auf einer eingleisigen Strecke zwischen den Orten Corato und Andria eines der schwersten Zugunglücke des Landes passiert. Die Strecke liegt an einem Acker, in einem Olivenhain. Benutzt wird sie vor allem von Pendlern und Studenten. Der Unfall ruft Erinnerungen an das Zugunglück im bayerischen Bad Aibling wach: Im Februar starben zwölf Menschen, als auf der ebenfalls eingleisigen Strecke zwischen Rosenheim und Holzkirchen zwei Nahverkehrszüge frontal ineinander rasten.

Den Rettungskräften in Italien bot sich am Dienstag ein Bild des Grauens: Die ersten Waggons der beiden Züge waren buchstäblich zersplittert, wie explodiert. Überall sei Blut gewesen, berichten Helfer. „Es ist ein Bild wie bei einem Flugzeugabsturz“, sagte der geschockte Bürgermeister des nahen Städtchens Corato, Massimo Mazzilli. „Grauenhafte Szenen, schreckliche, habe ich gesehen“, erzählt ein Polizist der Nachrichtenagentur Ansa. „Ich habe Tote gesehen, andere, die nach Hilfe riefen, Menschen, die weinten. Die schlimmsten Szenen in meinem Leben.“ Die Helfer können den Ort anscheinend nur schwer erreichen. Ein Zelt ist aufgebaut, in dem die Opfer behandelt werden. Familienangehörige versammeln sich.

Behörden sind sicher, dass die Opferzahl steigt

Dutzende von Rettungsteams versuchten, in die Waggons zu gelangen, berichtete ein Sprecher der Feuerwehr. Ein kleiner Junge habe aus den Trümmern befreit werden können; ob er die Verletzungen übersteht, sei unklar.

Betrieben wird der Zug von dem privaten Unternehmen Ferrotramviaria. Zu den genauen Umständen des Unglücks und den Ursachen gibt es noch keine Angaben. „Die Lage ist dramatisch“, sagt der Vizechef der Region Apulien, Antonio Nunziante. Die Behörden sind sich sicher, dass die Zahl der Opfer weiter steigt. Es wird zu Blutspenden aufgerufen.

Politiker aller Parteien drückten gegenüber den Angehörigen der Opfer ihr Beileid und ihre Trauer aus. So etwa die italienische Parlamentspräsidentin Laura Boldrini. Sie hoffe, dass schnell die Ursache des Unglücks geklärt werde, schrieb sie auf Twitter.

Der italienische Präsident Sergio Mattarella und Matteo Renzi forderten eine schnelle Aufklärung des Unglücks. Renzi kündigte einen Besuch am Unglücksort an. „Wir werden nicht ruhen, bis wir wissen, was passiert ist.“ In sozialen Netzwerken entlud sich die Wut einiger Nutzer sogleich an der Tatsache, dass es sich um eine eingleisige Strecke handelte. Niemand wolle in den Ausbau der Bahnstrecken investieren, kritisierten sie.

Das letzte schwere Zugunglück in Italien ereignete sich 2009, als ein Güterzug in Viareggio in der Toskana entgleiste und 30 Anwohner durch ein von dem Unglück verursachtes Feuer zu Tode kamen. 2005 waren auf einer ebenfalls eingleisigen Linie zwischen Bologna und Verona bei einem Zusammenstoß 17 Menschen ums Leben gekommen. Damals gerieten die Regierung und die staatliche Eisenbahn in die Kritik, weil sie die Pläne zum Bau eines zweiten Gleises seit Jahren verschleppt hätten. (dpa)