Fangesang

Zu viel „Daa dadada daa daa“: Die EM verschleißt ein Lied

| Lesedauer: 7 Minuten
Lars Wienand
Fans von Wales beim lautstarken Anfeuern ihres Teams.

Fans von Wales beim lautstarken Anfeuern ihres Teams.

Foto: Dean Mouhtaropoulos / Getty Images

Durchmarsch für „Daa dadada dadaa daa“, Überraschungserfolge für „Please don’t take me home“: Die Geschichte hinter den Songs der EM.

Paris.  Die Isländer haben „Huh“ gesungen – und davon mal abgesehen sind bei der EM dieses Jahr vor allem zwei Lieder zu hören. Die Waliser haben, erfolgreicher als die Engländer, „Please don’t take me home“ verbreitet. Allgegenwärtig ist aber bei dieser EM das „Daa dadada dadaa daa“. Der zugrunde liegende Song „Seven Nation Army“ kommt aus den USA und ist eigentlich schon einige Jahre alt.

Er wurde von Belgiern für den Fußball entdeckt, von Italienern vereinnahmt und ist nun so oft zu hören, dass manche Fans bereits stöhnen. Was steckt hinter den Liedern, die ständig von den Rängen zu hören sind?

„Achy breaky heart“ als Herzenssache

Die Fan-Entdeckung dieser EM ist „Please don’t take me home“, das viele Fernsehzuschauer mit den Fans aus Wales verknüpfen. Es ist spätestens das EM-Lied der Herzen, seit die Waliser begleitet von dem Song vermutlich unfreiwillig auch noch ein Herz formten:

Aufgebracht haben den Song zur Musik von „Achy breaky heart“ aber Fans des englischen Clubs Newcastle United. Videos im Netz belegen, dass er dort offenbar 2012 erstmals von größeren Gruppen angestimmt wurde.

Auch von Engländern auf Özil gedichtet

Als Hymne auf den Spieler Dimitri Payet griffen es die Fans von West Ham United auf und gaben dem Lied zwischenzeitlich neuen Sinn. Arsenal-Fans besangen dann zur gleichen Melodie auch Mesut Özil. Beim Testspiel der Engländer im März im Berliner Olympiastadion kamen viele deutsche Fans zum ersten Mal mit dem Lied in Berührung. Inzwischen haben es auch Fans der deutschen Nationalmannschaft im Repertoire – in Lille wurde es inbrünstig angestimmt.

Song ist bereits von 1991

Der leicht anarchische Text, der das Lied für viele Zuhörer so sympathisch macht, handelt von dem Wunsch, noch nicht heim zu müssen, nicht zur Arbeit zu gehen und mit Bier zu feiern. Für die Waliser hat er sich zumindest bis zum Viertelfinale erfüllt.

Die Vorlage des Songs aus dem Jahr 1991 wurde populär durch Billy Ray Cyrus im Jahr 1992. Fast 25 Jahre später schickt sich die Melodie an, bald in vielen Stadien Europas zu hören zu sein. Rege gesungen wurde das Lied bei der Europameisterschaft nicht nur von Engländern, Walisern und Iren, auch die Schweden und Belgier stimmten es im Stadionrund an.

Bei mehrwöchigen Turnieren setzen sich eingängige Songs, die die Fans eines Landes singen, auch in den Köpfen der Anhänger anderer Länder fest.

Ein US-Sportjournalist startete nach den ersten EM-Spielen sogar schon eine Abstimmung, ob es jetzt harmloser Spaß oder apokalyptisch sei, wenn der Song einen anderen verdränge – „Seven Nation Army“ von den „White Stripes“. Die Mehrheit sah darin die Apokalypse, doch so weit ist es nicht gekommen.

„White Stripes“-Sänger mag „Daa dadada dadaa daa“ der Fans

Das „Daa dadada dadaa daa“ ist trotz des offiziellen Songs von David Guetta das präsenteste Lied der EM und oft, aber nicht nur, bei Toren zu hören. Der Song hat auch einige Zeit gebraucht, die Stadien zu erobern: Es war das Lied der Italiener bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland und folglich bis zum Finale zu hören. Der gerade frisch ins Amt eingeführte Staatspräsident Giorgio Napolitano, damals 81, wurde dabei beobachtet, wie er die Melodie in Weltmeisterlaune summte. Nach der WM trat das Lied seinen Siegeszug an und war bei dieser EM fast in jedem Spiel zu hören, manchmal gesungen von Fans beider Länder gemeinsam.

In den Sozialen Netzwerken stöhnen manche bereits auf. Und es taucht auch oft die Frage auf, was Sänger Jack White von den „White Stripes“ dazu sagt. Die Antwort hat er schon x-fach gegeben: Er liebt es. Es gebe nichts besseres, als wenn die eigene Melodie Allgemeingut, Volksmusik werde. „Ich liebe es auch, dass die meisten, die es singen, nicht mal eine Idee haben, woher es kommt.“ Tantiemen sieht er nicht dafür, wenn die Fans das Lied anstimmen.

Schon vor der WM in Deutschland war das Lied in Stadien zu hören. Allerdings in sehr viel kleineren. Entdeckt haben ihn Fans des belgischen FC Brügge. In der Gruppenphase der Champions League im Oktober 2003 hörten Mitglieder des Fanclubs Blue Army das Lied der „White Stripes“ in einer Bar in Mailand – stimmten in die Melodie ein und wurden sie nicht mehr los. Nach dem 1:0 in Mailand hatten die Belgier beim Feiern noch viel Gelegenheit, das Lied zu üben.

Song nahm den Weg Italien-Belgien und zurück

Der Kulturaustausch lief zweieinhalb Jahre später in umgekehrter Richtung: In Brügge lief das Lied inzwischen bei Heimspielen auch über die Stadionlautsprecher und inspirierte Fans des AS Rom, die einen 2:1-Auswärtserfolg in Belgien feierten – mit dem „Daa dadada dadaa daa“. Allerdings nennen die Italiener es den „Po po po“-Song. Und auf die Melodie lässt sich auch weniger freundlicher Text singen. Die Sänger der Version „Alle Duitsers Zijn Homo!“ erleben diese EM allerdings weitgehend unbeteiligt.

In Deutschland verbinden viele Fans nicht unbedingt die besten Gefühle mit dem Lied: Es ertönt in der Münchner Arena, wenn die Bayern ein Tor erzielt haben, und das aus Sicht der meisten Fans viel zu oft. Auch in den USA haben Clubs in den verschiedensten Sportarten die Melodie für sich entdeckt. Und wenn der Weltranglistenerste der Professional Darts Corporation, der Niederländer Michael van Gerwen, zu einem Wettkampf antritt, dann ist das die Einlaufmusik.

Kreuzfahrtschiff hupte Tonfolge

Es geht aber noch mächtiger als aus mehreren Zehntausend Kehlen beim Sport: Den Rekord für die dröhnendste „Seven Nation Army“-Beschallung hält das Kreuzfahrtschiff MSC Magnifica: Beim Hamburger Hafengeburtstag 2014 dröhnte das Gitarrenriff über die Schiffssirene. Das war eine Attraktion, hatte so noch nie jemand gehört.

Marty McFly soll „Seven Army Nation“ verhindern

Bei der Europameisterschaft ist das allerdings unvermeidlich. Auf Twitter verwünschen deshalb manche Fans „Sven Army Nation“ bereits. Einige Reaktionen:

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