Hochkultur

Wie Rapper MoTrip Jugendlichen Vivaldi nahebringt

Der Hip-Hopper MoTrip (28) hat eine Mission: Im Auftrag des WDR will er Schüler für klassische Musik begeistern. Wie gelingt ihm das?

Engagiertes Duo hinter dem „Vivaldi-Experiment“: MoTrip (l.) und WDR-Chefdirigent Wayne Marshall.

Engagiertes Duo hinter dem „Vivaldi-Experiment“: MoTrip (l.) und WDR-Chefdirigent Wayne Marshall.

Foto: WDR/Annika Fußwinkel

Aachen.  Der Mann ist kein Provokateur vom Schlage eines Bushido, keiner, der das Ghetto und die Drogen glorifiziert. In der Rapperszene finden es manche komisch, dass einer von ihnen auf Klassik-Versteher macht. Das aber ist MoTrip egal. Er will etwas erreichen, für die Musik, für die Jugendlichen. Möchte Schülern die Schönheit der Melodien Antonio Vivaldis vermitteln. „Wenn Kollegen sagen, Vivaldi sei zu weich – darüber mache ich mir keine Gedanken. Für die mache ich mir die Mühe nicht.“

MoTrip scheint bestens geeignet, eine Brücke zu schlagen zwischen Jugend- und Hochkultur. Wer ist dieser junge Mann, der seine Mission ohne Rücksicht auf sein Image erfüllen will?

Hip-Hop-Workshop im Jugendzentrum

Höflich ist er, das fällt im Gespräch gleich auf. Man kann sich unkompliziert mit ihm unterhalten, sofort bietet er das Du an. Seit seinem Song „So wie du bist“ (zwischenzeitlich Platz drei in den deutschen Charts) im letzten Jahr hat er bei vielen Jugendlichen Starstatus.

In den vergangenen Wochen ist seine Bekanntheit weiter gestiegen: Die WDR-Radioprogramme werben offensiv für das „Vivaldi-Experiment“ des Westdeutschen Rundfunks, ein ehrgeiziges Projekt, das Schülern klassische Musik näherbringen soll. MoTrip ist das prominente Zugpferd.

Vor ein paar Tagen ist er im WDR-Auftrag nach Dortmund gefahren. In einem Jugendzentrum in Schüren empfing er Realschüler zu einem Hip-Hop-Workshop. Für die Mädchen und Jungen war es ein Ereignis, den Überraschungsgast zu erleben. „Oh mein Gott, das ist MoTrip“, „unglaublich“ – so klang das. „Es ist unfassbar, was mir die Jugendlichen aus ihrem Leben erzählt haben. Dass sie gemobbt worden sind oder dass sie schon einen Drogenentzug hinter sich haben. Wir haben ihre Gedanken dann zusammen aufs Papier gebracht.“ Solche Termine hat er zurzeit häufig.

MoTrip heißt eigentlich Mohamed El Moussaoui und wurde 1988 im Libanon geboren. Ein Jahr später flüchteten seine Eltern mit ihm wegen eines Bürgerkriegs nach Aachen.

Mit Orchester auf der Bühne

Dass der WDR ihn fragte, ob er das Vivaldi-Experiment unterstützen wolle, ist für MoTrip ein Glücksfall. Denn mit Jugendlichen zu reden, ihnen zuzuhören und zusammen zu rappen, das ist sein Ding. Auch karrieretechnisch schadet der wachsende Bekanntheitsgrad nicht. So kam es, dass MoTrip nicht lange zögerte und zusagte. Er weiß, wie es den meisten Schülern geht – zur Klassik hatte auch er bislang wenige Verbindungen. „Man kennt einige Melodien vom Champions-League-Gucken oder als Nokia-Klingelton.“ Er hat sich dann mit Vivaldi beschäftigt, jenem berühmten Barockkomponisten, und war fasziniert von dieser historischen Figur.

MoTrip gerät ins Schwärmen, wenn er von Vivaldi spricht: „Er muss ein guter Mensch gewesen sein. Er hat sich um Mädchen in Waisenhäusern gekümmert, hat ihnen Violinen geschenkt und mit ihnen Stücke geschrieben.“ Vivaldi ist für ihn ein Vorbild geworden. Schließlich macht MoTrip 250 Jahre nach Vivaldi nichts anderes: mit jungen Leuten Musik machen, sie fördern.

Am 30. September wird es ein großes Konzert in Köln geben. MoTrip führt dann zusammen mit dem WDR-Funkhausorchester ein selbst geschriebenes Lied auf, das auf den Melodien aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“-Zyklus beruht. Schüler ab Klasse fünf können, sollen schon jetzt Handyvideos einschicken, wie sie den Refrain („Zeit, um endlich aufzustehen, jeder Mensch ist auserwählt“) mitrappen. Die Videos werden während des Konzerts auf einer Leinwand ausgestrahlt, so entsteht ein riesiger, jugendlicher Chor.

Das ist eine spannende Aktion, aber ob’s was bringt? MoTrip weiß, dass nicht jeder Jugendliche, den er in Schulen oder Jugendzentren trifft, plötzlich zum Klassikfan mutiert. Er ist dennoch optimistisch: „Wenn ich nur bei einem was erreiche, hat es sich schon gelohnt.“