Brexit

Nigel Farage und die ganze Farce der „drei Brexiteers“

Nach seinem Rückzug will Nigel Farage anderen Ländern helfen, aus der EU auszutreten. Er sagt, er habe seine Ziel erst mal erreicht.

„Ich will mein Leben zurück“ – Nigel Farage nach seiner überraschenden Rücktrittsankündigung.

„Ich will mein Leben zurück“ – Nigel Farage nach seiner überraschenden Rücktrittsankündigung.

Foto: PETER NICHOLLS / REUTERS

London.  Und jetzt auch noch Nigel Farage. Nachdem David Cameron als britischer Premierminister zurücktrat und Boris Johnson im Rennen um den Parteivorsitz das Handtuch geworfen hatte, nimmt jetzt auch der Chef der rechtspopulistischen Partei Ukip seinen Hut. Nigel Farage erklärte am Montag überraschend seinen Rücktritt als Parteiführer von Ukip. Er habe erreicht, was er wolle, meinte er: „Und heute sage ich: Ich will mein Leben zurück.“ Mancher Brite wäre versucht zu antworten: Ich will mein Land zurück.

Der 52-Jährige sieht sich als der große Sieger im Referendum über den britischen Verbleib in der Europäischen Union. „Mein Ziel in der Politik“, sagte er, „war es, Großbritannien aus der EU zu holen, und das ist, wofür wir in diesem Referendum gestimmt haben. Und das ist auch der Grund, warum ich jetzt denke, dass ich meinen Teil getan habe und nicht mehr vollbringen kann als das, was wir im Referendum erreicht haben.“ Er fügte hinzu, dass er sich nicht völlig ins Privatleben zurückziehen werde. Sein Mandat als Abgeordneter des Europaparlaments werde er weiterhin ausüben und „den Verhandlungsprozess in Brüssel wie ein Falke beobachten“. Außerdem würde er gerne den verschiedenen „Unabhängigkeitsbewegungen helfen, die jetzt in anderen Teilen der EU entstehen, weil ich sicher bin, dass dies nicht das letzte Land ist, das die EU verlassen will.“

Karikaturisten zeichnen Nigel Farage gern mit einem Pint Bier in der linken und einer Zigarette in der rechten Hand, dazwischen ein glupschäugiges Gesicht mit einem breiten Grinsen. Der überzeugte Raucher und Biertrinker – das Aufheben des Rauchverbots in Kneipen ist erklärtes Parteiziel – nimmt kein Blatt vor den Mund, gibt sich stets jovial und volksnah und witzig kann er auch sein. „Ich weiß, wie es ist“, pflegt der in zweiter Ehe mit einer Hamburgerin verheiratete Politiker zu betonen, „in einem deutsch-dominierten Haushalt zu leben.“

Druck von Ukip brachte das EU-Referendum

Der 52-Jährige war schon als Schulkind in die Konservative Partei eingetreten und ist ein großer Verehrer von Margaret Thatcher. Er verließ die Konservativen 1992 aus Protest, als Premierminister John Major den Maastricht-Vertrag unterzeichnete. Farage gründete die Ukip ein Jahr später, die sich immer mehr zur größten Bedrohung der Torys ausgewachsen hat: Zum ersten Mal gibt es eine Partei neben den Konservativen, die ihnen am rechten Rand in signifikantem Maße die Wählerstimmen abfängt. Der Aufmischer von rechts entwickelte sich zum wichtigen politischen Faktor. Immerhin hat der Druck, der von Ukip ausging, David Cameron schließlich gezwungen, ein Referendum über den EU-Verbleib zu versprechen.

Beim Aufstieg von Ukip spielte die persönliche Popularität von Nigel Farage keine geringe Rolle. Seine Wähler mögen Farages Anti-Establishment-Attitüde. Sie schätzen den leidenschaftlichen Patriotismus des Mannes, und wenn ein bisschen Fremdenfeindlichkeit dabei durchklingt, dann schadete ihm das auch nicht. Farage tritt auf als der fleischgewordene Protest gegen die politische Klasse und das kommt bei einer großen Gruppe von Briten, die sich mit der Globalisierung nie hat anfreunden können, gut an. Auf rund 15 Prozent wird dieses Wählerreservoir der „Zurückgebliebenen“ geschätzt. Bei den Unterhauswahlen vor einem Jahr hat Ukip rund vier Millionen Stimmen gewinnen können. Es bleibt abzuwarten, ob unter Farages Nachfolger die Partei ihren Höhenflug fortsetzen kann.

Einzige Option für Farage: die Opposition

In den wenigen Tagen seit dem Referendum hat sich das politische Terrain im Königreich rasant verändert. Mit Nigel Farage ist ein weiterer Fixpunkt der politischen Landschaft verschwunden, nachdem schon letzte Woche Boris Johnson – ebenfalls völlig überraschend – erklärt hatte, sich nicht für den Parteivorsitz und damit für den Posten des Premierministers bewerben zu wollen. Millionen von Briten, die gegen den Brexit gestimmt haben, empfinden es jetzt als einen Schlag ins Gesicht, dass Farage und Johnson zuerst ein völliges Schlamassel angerichtet haben und sich dann aus der Verantwortung stehlen.

Im Fall Farage trifft der Vorwurf nicht ganz zu, denn der Mann war nie in einer Position, wirklich bestimmen zu können, wie der Brexit jetzt gestaltet werden soll. Als Chef einer Partei, die im Unterhaus über einen einzigen Abgeordneten verfügt (mit dem er auch noch zerstritten ist), gab es für Farage immer nur die Rolle der Opposition.

Boris Johnson hingegen muss sich dem Vorwurf der Fahnenflucht stellen. Er hätte durchaus Chancen gehabt, als künftiger Premierminister die Austrittsverhandlungen führen zu können. Doch er hatte keinen Plan und war offensichtlich erschrocken über die Aussicht, Verantwortung zu übernehmen. Der Parteigrande Lord Heseltine ging mit Boris Johnson scharf ins Gericht: „Er hat die Partei auseinandergerissen. Er hat die größte Verfassungskrise der Neuzeit ausgelöst. Er hat die Nation Milliarden Pfund verlieren lassen. Er ist wie ein General, der seine Truppen ins Feuer führt und beim Anblick des Schlachtfelds ausreißt. Mit dieser Schande muss er leben.“

Nun ist nur noch Michael Gove dabei

Von den ursprünglich „drei Brexiteers“, jenen Politikern, die an vorderster Front für den Austritt aus der EU gekämpft haben, ist nur noch Michael Gove dabei. Der Justizminister hat sich neben vier anderen Kandidaten um den Parteivorsitz der Konservativen beworben und will als Premierminister erklärtermaßen eine völlige Loslösung von der Europäischen Union. Er will nicht, wie etwa die Kandidatin Theresa May, über einen Zugang zum Binnenmarkt verhandeln, sondern verlangt den scharfen Schnitt. Gove setzt darauf, dass Großbritannien erfolgreicher und dynamischer außerhalb des Binnenmarktes sein wird, und will Freihandelsabkommen mit den USA und aufstrebenden Volkswirtschaften wie Indien und China abschließen.

Michael Gove, sagte einmal David Cameron, ist „ein Maoist, der an Fortschritt durch den Prozess der kreativen Zerstörung glaubt“. In seinem Büro hängen die Bilder von Lenin, Malcolm X und Martin Luther King an der Wand. Gove, so der allgemeine Konsens, ist ein Überzeugungstäter und von den drei Brexiteers sicherlich derjenige, der noch am ehesten einen Plan hat, wie es weitergehen soll. Er ist ein höflicher Radikaler, der für seine Ideale alles opfert. Sogar seinen Mitstreiter Boris Johnson, dessen Bewerbungskampagne Gove geleitet hatte, bevor sich der 48-Jährige selbst zum Kandidaten aufschwang, weil er Johnson die Führung beim Brexit nicht mehr zutraute – und ihn dementsprechend öffentlich denunzierte.

Genau mit diesem Akt dürfte Gove jedoch seine Chancen entscheidend verschlechtert haben. Briten mögen Illoyalität nicht. „Derjenige, der das Messer schwingt“, lautet eine britische Lebensweisheit, „wird niemals die Krone tragen.“ Goves Aussichten auf den Chefposten werden jetzt von Buchmachern wie politischen Beobachtern gleichermaßen als verschwindend bewertet. Damit wäre dann auch der dritte Brexiteer von der Bühne verschwunden, auf der die Tragödie „Brexit“ in den nächsten Jahren gespielt wird.