Vermisstenfall

Ermittler: Knochenreste stammen wohl von vermisster Peggy

Die in Thüringen gefundenen Knochen sind „höchstwahrscheinlich“ Überreste der verschwundenen Peggy. Gewissheit soll es Dienstag geben.

Die Polizei durchkämmt bei Rodacherbrunn (Saale-Orla-Kreis) das Gebiet rund um den Fundort der Leichenteile.

Die Polizei durchkämmt bei Rodacherbrunn (Saale-Orla-Kreis) das Gebiet rund um den Fundort der Leichenteile.

Foto: Tino Zippel / OTZ

Lichtenberg.  Ein Pilzsammler hat in einem Waldgebiet bei Rodacherbrunn im Saale-Orla-Kreis höchstwahrscheinlich die sterblichen Überreste der seit 15 Jahren vermissten Peggy Knobloch entdeckt. Die Staatsanwaltschaft Bayreuth und die Kriminalpolizei Bayreuth gehen davon aus, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Skelettteile von dem im fränkischen Lichtenberg vermissten Mädchen handelt.

Das führen sie auf die Gegenstände zurück, die Polizeikräfte am Montag in der Nähe der Knochen gefunden haben. Diese deuten auf das Mädchen hin. Um welche Gegenstände es sich handelt, wollte der Chef der Staatsanwaltschaft Gera, Thomas Villwock, aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen. „Wir möchten kein Täterwissen preisgeben“, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt.

Ergebnis wohl am Dienstagnachmittag

Gewissheit, ob es sich wirklich um das vermisste Mädchen handelt, soll ein Abgleich der Genspuren bringen. Die Rechtsmedizin Jena untersucht die Knochen und erhielt aus Bayern DNA-Vergleichsproben. Mit den Ergebnissen rechnet Villwock am Dienstagnachmittag.

Der Pilzsammler hatte die Knochen etwa 20 Fahrkilometer vom früheren Wohnort des Kindes entfernt. Hinzugerufene Polizisten bestätigten den Verdacht, dass es sich um ein menschliches Skelett handelt – und sperrten das Gelände weiträumig ab. Seitdem sichern die Ermittler Spuren. Am Montag suchte eine Hundertschaft der Thüringer Bereitschaftspolizei das Waldgebiet ab.

Zahlreiche Spuren führten bisher zu nichts

Die Staatsanwaltschaft Bayreuth und die Kriminalpolizei Bayreuth bildeten eilig die Sonderkommission Peggy. Noch liegen keine belastbaren Hinweise zur Todesursache vor, hieß es aus Bayreuth. Die bayrischen Behörden übernehmen den Fall, sobald das Todesermittlungsverfahren in Thüringen abgeschlossen ist. „Wir gehen davon aus, dass sich die Straftat in deren Zuständigkeitsbereich ereignet hat“, sagt Villwock.

Am 7. Mai 2001 war die damals neunjährige Peggy spurlos in ihrem Heimatort Lichtenberg im Landkreis Hof verschwunden. Wochenlange Suchaktionen blieben ohne Erfolg, auch Bundeswehr-Tornados waren im Einsatz. Drei Jahre später wurde ein geistig behinderter Mann, ein Nachbar der Familie, vom Landgericht Hof in einem Indizienprozess wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt und in einer Psychiatrie untergebracht. Er habe Peggy ermordet, um zu vertuschen, dass er sie sexuell missbraucht habe, hieß es damals. In einem Wiederaufnahme-Verfahren sprach das Landgericht Bayreuth den Mann wieder frei, er wurde 2015 entlassen.

Chronologie: Der Fall Peggy

Der spektakuläre Fall Peggy beschäftigt seit Jahren Ermittler und Öffentlichkeit. Eine Chronik der Ereignisse:

  • 7. Mai 2001: Die neunjährige Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg verschwindet auf dem Heimweg von der Schule. Wochenlange Suchaktionen bleiben ohne Erfolg.
  • August 2001: Die Polizei nimmt einen geistig behinderten Mann fest. Er gibt an, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben.
  • 22. Oktober 2002: Die Ermittler präsentieren den 24-Jährigen als mutmaßlichen Mörder der Schülerin.
  • 7. Oktober 2003: Vor dem Landgericht Hof beginnt der Prozess.
  • 30. April 2004: Der geistig behinderte Mann wird wegen Mordes an Peggy zu lebenslanger Haft verurteilt.
  • 17. September 2010: Ein wichtiger Belastungszeuge widerruft seine Aussage und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden.
  • 4. April 2013: Der Anwalt des geistig behinderten Mannes beantragt die Wiederaufnahme des Falls.
  • 8. Januar 2014: Auf dem Friedhof Lichtenberg öffnen die Ermittler ein Grab. Sie vermuten, dass bei einer Beerdigung 2001 Peggys Leiche dort abgelegt wurde. Doch sie finden keine Hinweise.
  • 10. April 2014: Auf Anordnung des Landgerichts Bayreuth beginnt das Wiederaufnahmeverfahren.
  • 7. Mai 2014: Das Gericht beendet das Verfahren aus Mangel an Beweisen. Eine Woche später gibt es einen Freispruch für den Mann.
  • 18. Februar 2015: Die Staatsanwaltschaft Bayreuth stellt ihre Ermittlungen ein. Ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wird aber aufrechterhalten, um mögliche Spuren weiterzuverfolgen.
  • 19. März 2015: Das Oberlandesgericht Bamberg entscheidet, dass der ursprünglich verurteilte Mann aus der Psychiatrie entlassen werden soll.
  • 3. Juni 2015: Die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ greift den Fall Peggy auf.
  • 16. Juni 2015: Ein ehemaliger Verdächtiger wird in einem anderen Fall wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu einer Jugendstrafe von sieben Monaten ohne Bewährung verurteilt. Im Fall Peggy gilt er nicht mehr als tatverdächtig.
  • Mai 2016: Ein im Fall Peggy ehemals verdächtigter Mann fordert Schadenersatz von mehr als 20.000 Euro. Ermittler hatten 2013 auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen sein Grundstück in Lichtenberg metertief durchsuchen lassen. Die Ermittler hatten dabei zwar Knochenreste gefunden. Sie stammten aber nicht von Peggy.
  • 2. Juli 2016: Ein Pilzsammler findet in einem Wald in Thüringen Skelettreste. Die Polizei prüft Verbindungen zum Fall Peggy.
  • 4. Juli 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft teilen mit, dass die Knochen „höchstwahrscheinlich“ von Peggy stammen. Dies hätten erste rechtsmedizinische Untersuchungen und Erkenntnisse am Fundort ergeben.

(mit dpa/otz)