Cameron-Nachfolge

Mr. Brexit kneift: Johnson will nicht Premierminister werden

Die Konservative Partei macht unter sich aus, wer neuer britischer Premierminister wird. Boris Johnson nahm sich selbst aus dem Rennen.

Von 2008 bis 2016 war Boris Johnson Bürgermeister von London. Danach wurde er zum Gesicht der Brexit-Kampagne.

Von 2008 bis 2016 war Boris Johnson Bürgermeister von London. Danach wurde er zum Gesicht der Brexit-Kampagne.

Foto: Christopher Furlong / Getty Images

London.  Eine Woche, so geht eine englische Redensart, ist eine lange Zeit in der Politik. Selten war das zutreffender als jetzt: Vor einer Woche wachte Großbritannien auf und stellte fest, dass es nicht mehr Mitglied der Europäischen Union sein will. Der Premierminister David Cameron trat zurück. Das siegreiche Brexit-Lager hatte keinen Plan, wie es weitergehen soll. Das Königreich droht zu zerfallen, nachdem Schottland laut über seine Unabhängigkeit nachdenkt. Die Labour-Partei stürzte in die tiefste Krise seit Jahrzehnten. Und dann das: Boris Johnson, der Anführer des Brexit-Lagers und bis dato Favorit im Rennen um den Chefposten, tritt sechs Minuten vor Ende der Bewerbungsfrist im dunklen Anzug und mit glatt gekämmten Haaren an die Öffentlichkeit. Lange spricht er, geschickt erhöht er die Spannung, lobt seine Erfolge als Londoner Bürgermeister, genießt den Applaus des Publikums, beschreibt die goldene Zukunft, die nun vor Großbritannien liegt.

Dann, am Ende seiner Rede, beiläufig beinahe, lässt er die Bombe platzen. Er sei nicht derjenige, der das Land nach dem EU-Referendum führen sollte. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, diese Person kann ich nicht sein“, sagt er.

Anhänger brechen in Tränen aus

Ausgerechnet Johnson. Ausgerechnet der Mann, der sich dem Brexit-Lager vor allem deswegen angeschlossen hatte, um David Cameron zu beerben. Der Mann, der das Unvorstellbare schaffte und die Mehrheit der Briten vom Brexit überzeugte. Und der sich jetzt dem Wettbewerb um den Vorsitz nicht stellen will.

Einige seiner Getreuen bei der Pressekonferenz brechen in Tränen aus. Millionen Briten, die vor einer Woche „Austritt“ gewählt haben, können sich nur die Augen reiben - ihr Idol kneift. Die Frage taucht auf: Íst Johnson die „Drecksarbeit“ nach dem Brexit zuviel? Scheut er die Wahl, weil er seine Felle davon schwimmen sieht? Viele sehen in ihm jetzt den ultimativen Opportunisten und größten Feigling Europas. Nicht nur der Chef der EVP-Fraktion im EU-Parlament, Manfred Weber (CSU), schimpft: „Ein feiges Verhalten von Boris Johnson, zuerst Chaos zu stiften und sich dann der Verantwortung zu entziehen“, twittert er am Mittag.

Gove fiel Johnson in den Rücken

Der 52-Jährige hat die Notbremse gezogen, auch weil ihm Michael Gove von der Fahne gegangen war. Gove war neben Johnson der andere prominente Brexit-Befürworter in der „Vote Leave“-Kampagne. Er hatte bisher stets eigene Ambitionen auf den Chefposten abgestritten und arbeitete in den letzten Tagen als der Kampagnenmanager von Johnson. Doch am Donnerstagmorgen kündigte Gove – auch völlig überraschend – seine eigene Kandidatur an. Dies traf auch das Johnson-Lager völlig unerwartet. Boris Johnson habe nicht das Zeug zum Premier, argumentierte Gove nun. Johnson könne „nicht für die Führung sorgen oder das Team aufbauen, das für die bevorstehende Aufgabe nötig ist“. Johnson quittierte dies später mit Auszügen aus Shakespeares Drama „Julius Cäsar“ - und wies Gove die Rolle des Verräters Brutus zu.

Mit dem wohlterminierten Sprengsatz, den Gove gelegt hatte, war Johnson diskreditiert, das „Team Boris“ auseinandergebrochen und die Kampagne des Brexit-Siegers entscheidend unterminiert.

In Umfragen lag Johnson hinter May

Andere Mitstreiter im Brexit-Lager wie Andrea Leadsom oder Liam Fox scherten aus und kündigten ihre eigenen Kandidaturen an. Dass die Chancen für einen Sieg von Johnson ohnehin weniger gut standen als zuvor allgemein angenommen wurde, hatte eine Umfrage des Instituts YouGov am Donnerstagmorgen offenbart. Unter den Mitgliedern der Konservativen Partei, die letztendlich über den Vorsitz entscheiden, lag Johnson um 17 Prozentpunkte hinter der Alternativkandidatin Theresa May. Johnsons offensichtliche Ratlosigkeit nach dem Brexit und sein Versagen, einen Plan über den Ausstieg aus der Europäischen Union vorlegen zu können, haben ihm viele Sympathien gekostet.

Über sein Programm für einen Ausstieg aus der EU hatte der Blondschopf wenig mehr als optimistische Gemeinplätze zu sagen. Der Brexit, sagte er, sei „die Chance, an uns selbst zu glauben, die Chance, an die Werte zu glauben, die unser Land groß gemacht haben.“ Ein Plan sieht anders aus.

Johnson galt bisher als der große Favorit für die Nachfolge von David Cameron. Der 52-Jährige war bis zum Brexit einer der beliebteste Vertreter seiner Zunft im Land. Jeder kennt ihn beim Vornamen. Mit keinem anderen Politiker, zeigten Umfragen vor dem Referendum, würden die Briten am liebsten ein Bier trinken gehen. Nach dem Referendum sieht das anders auch. Johnson wird auf offener Straße beschimpft und bedroht.

Gründe für Kehrtwende sind unklar

Die genauen Beweggründe für Johnsons und Goves Kehrtwende sind noch unklar. Es gibt Tories, die meinen, Boris Johnson habe vor der Abstimmung persönlich nicht wirklich mit dem Brexit gerechnet, nicht geglaubt, dass das Referendum mit einem Sieg der EU-Gegner endet. Es gibt Spekulationen, Mr. Brexit habe auf ein ganz anderes Szenario gesetzt: Die EU-Befürworter gewinnen knapp, um die Partei zu versöhnen, Cameron bildet sein Kabinett um - und Johnson bekommt einen hohen Posten. Ganz nebenbei würde er damit aussichtsreicher Kandidat für die nächsten Wahlen.

Bemerkenswert ist auch: Bereits in der Wahlnacht hatten Johnson und rund 80 Tory-Abgeordnete Cameron in einem Brief aufgerufen, auch bei einem Brexit-Sieg im Amt zu bleiben. Mehr noch: Johnson schlug vor, Cameron solle die unangenehmen Austrittsverhandlungen mit Brüssel führen – als wolle sich Johnson nicht die Hände schmutzig machen.

Johnson hat zweifellos erstaunliches politisches Talent: Zwei Mal hintereinander gewann er die Wahl zum Bürgermeister von London, einer Stadt, die traditionell links steht. Ohne ihn hätte das Brexit-Lager niemals 17,4 Millionen Wähler mobilisieren können. Aber die Geschichte von Boris Johnson heißt auch: Gewinnen kann er, aber danach weiß er nicht viel anzufangen. Er war als Bürgermeister nicht sehr erfolgreich. Und deutlich wurde dies auch, als ihm vor einer Woche nach seinem Brexit-Sieg der Schock im Gesicht geschrieben stand. Vielleicht hat er gedacht: Was habe ich daa nur angerichtet? (mit dpa)