Rückruf von Kommode

Lebensgefahr - Kinder von Ikea-Möbeln erschlagen

Der Konzern Ikea ruft nach Todesfällen in den USA 29 Millionen Kommoden zurück. Die Schränke werden auch in Deutschland verkauft.

In einem Video warnt Ikea vor dem Umstürzen der Kommode

In einem Video warnt Ikea vor dem Umstürzen der Kommode

Foto: Ikea

Washington. Die Gefahr lauerte im Kinderzimmer. Janet McGee hatte ihren fast zweijährigen Sohn Ted gerade zum Mittagsschlaf ins Bett gelegt. Als sie kurze Zeit später wieder nach ihm sah, lag der Junge unter einer umgestürzten Kommode. Der Todesfall des kleinen Ted McGee ist der bislang letzte von sechs – davon drei seit 2014 –, die im Zusammenhang mit Möbeln von Ikea stehen. Die Kinder starben, als sie zu Hause auf Schränke des schwedischen Einrichtungsriesen kletterten und beim Umkippen von den Möbeln begraben wurden.

Ikea hat jetzt in beispielloser Weise die Reißleine gezogen. 29 Millionen Kommoden der beliebten Serie Malm werden in den Vereinigten Staaten offiziell zurückgerufen. Amerikas Ikea-Präsident Lars Peterson ging am Montagabend sogar ins Fernsehen. Er forderte die Kunden eindringlich auf, die besagten Möbel entweder umgehend an der Wand zu befestigen oder sie aus dem Zimmer zu schaffen, weil sie für Kinder eine „Gefahr“ darstellen können.

Das Problem ist nicht neu, das Ausmaß war aber bisher weitgehend unbekannt. Wie Ikea laut Medienberichten einräumt, sind seit 1989 in den USA 36 Kinder von umkippenden Schränken verletzt wurden. Sechs Todesfälle sind der US-Behörde für Produktsicherheit CPSC bekannt, der jüngste tragische Fall ereignete sich demnach im Februar. Die Behörde hat inzwischen sogar ein Video im Internet veröffentlicht, in denen vor freistehenden Möbeln gewarnt wird. Mithilfe einer Puppe wird dort auch gezeigt, wie leicht Kommoden bei Belastung umkippen.

Im vergangenen Sommer startete Ikea eine breite Aufklärungskampagne und bot für die knapp 70 Zentimeter hohen Malm-Kommoden kostenlose Montagesets zur Befestigung an der Wand an. Produktsicherheit, so Unternehmenssprecherin Mona Astra Liss, habe für Ikea oberste Priorität.

Alle halbe Stunde verletzt sich ein Kind durch Möbel

300.000 Nachrüstungsbausätze seien seither abgerufen worden – zu wenig, befand die zuständige Behörde. Ihren Untersuchungen nach stirbt in den USA statistisch gesehen alle zwei Wochen ein Kind, weil ein Möbelstück oder der Fernseher umkippt. Alle halbe Stunde wird ein Kind bei solchen Unfällen im Haushalt verletzt.

Jackie Collas aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania erlebte dabei eine Tragödie. Ihr zweijähriger Sohn wurde 2014 unter einer Malm-Kommode, die frei im Raum stand, gefunden. Das Kleinkind starb noch an der Unfallstelle. Callas klagte nach Informationen des TV-Senders ABC gegen Ikea. Ihr sei nicht bewusst gewesen, dass der Schrank an die Wand gedübelt werden muss. „Das ist ein wirklich gefährliches Produkt. Es muss weg.“ Ikea, an Rückrufe für einzelne Produkte gewöhnt, bietet Kunden in Amerika jetzt an, das Möbelstück zum vollen Kaufpreis zu erstatten. Alternativ können Besitzer auch Techniker des Konzerns bestellen, die die Kommode fachgerecht installieren. Was die Rückrufaktion im globalen Maßstab bedeutet, ist noch unklar. Laut Ikea wurden in den vergangenen 13 Jahren weltweit 65 Millionen Kommoden der Serie Malm verkauft.

Das beliebte Möbelstück ist auch in den deutschen Ikea-Filialen erhältlich. Einen Rückruf des Produkts wird es hierzulande aber nicht geben, wie Ikea dieser Redaktion auf Anfrage bestätigte. In einer schriftlichen Erklärung heißt es: „Ikea-Kommoden erfüllen alle vorgeschriebenen Stabilitätskriterien auf allen Märkten, auf denen sie verkauft werden.“ Die Aktion in den USA sei nur ein „lokaler Rückruf“ ohne Konsequenzen in Deutschland. Dennoch empfehle man Kunden auch hier, Möbel wie Schränke und Kommoden mit einer stabilen Wand zu verbinden, um ein Umfallen zu vermeiden.

Auch bei Ikea in Deutschland hat es aber in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder Rückrufaktionen gegeben. Erst am Montag erklärte das Unternehmen, dass der Milch- und Haselnussgehalt von Schokolade nicht korrekt ausgezeichnet sei. Für Allergiker könnte das gefährlich werden. In der vergangenen Woche wurde das Treppenschutzgitter Patrull zurückgerufen. Die Untersuchung eines unabhängigen Prüfers hatte gezeigt, dass die Verschlussvorrichtung unzuverlässig sei. Kinder könnten durch das Gitter stürzen.

Und im April wurde öffentlich, dass bei einem von Ikea verkauften Fledermauskostüm Strangulationsgefahr bestehe. Drei Kinder hatten sich zuvor mit dem Cape verletzt. Cindy Andersen, bei Ikea für Kinderprodukte verantwortlich, sagte damals: „Bei Ikea haben wir eine Nulltoleranz in Bezug auf Kindersicherheit.“