Rudelgucken

Warum feiern so wenige Fans die EM beim Public Viewing?

Wenige Besucher, viel Platz: Die Fanmeilen haben ihre Anziehungskraft verloren. Wir erklären, warum sich das jetzt ändern könnte.

Auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg verfolgten rund 25.000 Menschen den 1:0-Sieg der deutschen Elf gegen Nordirland. Fast 50.000 hätten Platz gehabt.

Auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg verfolgten rund 25.000 Menschen den 1:0-Sieg der deutschen Elf gegen Nordirland. Fast 50.000 hätten Platz gehabt.

Foto: Bodo Marks / dpa

Berlin.  Als Mario Götze in der 113. Minute seinen Fuß hinhält, gibt es auf der Fanmeile in Berlin kein Halten mehr. Fast 400.000 bejubeln das Siegtor im Finale der WM 2014 in Brasilien gegen Argentinien. Und Deutschland ist endlich wieder Weltmeister.

Doch trotz des vierten Sterns auf der Brust scheint das Interesse zwei Jahre später deutlich abgeflacht zu sein – zumindest auf den Public-Viewing-Areas. Nur 10.000 verfolgten auf der Fanmeile in Berlin das erste EM-Spiel der deutschen Elf gegen die Ukraine, in Hamburg waren es 15.000 und in München sogar nur 3000. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren feierten 100.000 in Berlin, 40.000 in Hamburg und 10.500 in München den Auftaktsieg der deutschen Mannschaft gegen Ghana.

Woran liegt es, dass viele Public-Viewing-Areas dieses Jahr leer bleiben? Sind Sicherheitsbedenken verantwortlich für das vergleichsweise geringe Interesse? Oder ist die EM einfach nicht so attraktiv wie die WM vor zwei Jahren?

Fernbleiben der Fans hat viele Gründe

„Da kommen mehrere Faktoren zusammen“, sagt der Veranstalter des Public-Viewings im Münchener Olympiastadion, Arweed Raab. Vor allem das schlechte Wetter und die zahlreichen Alternativen haben seiner Meinung zufolge viele Fans daran gehindert, bislang zum Massen-Fußballschauen zu gehen: „Fast jeder Biergarten betreibt ja heute Pseudo-Public-Viewing.“ Zudem sei das Olympiastadion durch Konzerte an den ersten beiden Spieltagen belegt gewesen. Dadurch konnten die Veranstalter nur eine deutlich abgespecktere Version des Rudelschauens ermöglichen. Und diese sei mit fast 3000 Besuchern gut besucht gewesen, erklärt Raab.

Der Veranstalter warnt allerdings davor, voreilig Schlüsse zu ziehen. „Die ersten Spieltage waren schlecht“, sagt er und verweist auf den kommenden Sonntag, wenn die deutsche Elf ihr erstes K.O.-Spiel bestreitet. „Das wird eine komplett andere Geschichte“, sagt Raab, der damit rechnet, dass zu den nächsten Spielen die „richtigen Partymenschen“ auf den Fanmeilen Einzug halten werden. Bislang seien das eher normale Fußballfans gewesen, die vordergründig wegen des Sports und nicht wegen der Party gekommen sind – die ja jetzt erst so richtig losgehe.

Berliner Fanmeile bei Nordirland-Spiel gut besucht

Anja Marx sieht das ähnlich. Die Sprecherin der größten deutschen Fanmeile in Berlin macht vor allem den veränderten Modus der EM mit 24 anstatt 18 Mannschaften für die bislang mäßigen Besucherzahlen verantwortlich. Dadurch haben die Vorrundenspiele an Attraktivität verloren. Eine Trendwende scheint jedoch eingeleitet: Den 1:0-Sieg der deutschen Elf gegen Nordirland im letzten EM-Vorrundenspiel am Dienstagabend verfolgten vor dem Brandenburger Tor fast 100.000 Menschen. „Wir waren zu 80 Prozent ausgelastet“, sagt Marx, die fest damit rechnet, dass die Euphorie nun von Spiel zu Spiel steigen werde – vorausgesetzt Deutschland scheitert nicht schon in der nächsten Runde.

Ob die Fans wegen einer möglichen erhöhten Terrorgefahr darauf verzichten, zum Public Viewing zu gehen, wisse Marx dagegen nicht. Der Münchener Veranstalter Raab erklärt: „Am Ende muss jeder seine eigene Entscheidung treffen.“