Unglück

Drei ertrunkene Kinder – Wie ein Dorf in Hessen trauert

Drei Kinder sind in einem Löschteich im hessischen Neukirchen ertrunken. Die Anwohner in der Umgebung stehen unter Schock. Ein Besuch.

In diesem Löschteich im Neukirchener Stadtteil Seigertshausen sind drei Geschwister ertrunken.

In diesem Löschteich im Neukirchener Stadtteil Seigertshausen sind drei Geschwister ertrunken.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Neukirchen.  Drei Kerzen entzündet der Pfarrer in der evangelischen Kirche in Seigertshausen, für drei tote Kinder. „Dieser Morgen ist so ganz anders als der Morgen, den wir uns wünschen“, sagt Reinhard Keller in seiner Sonntagspredigt in dem 700-Einwohner-Ort im Norden Hessens. Am Vorabend waren im Löschteich, nur wenige Fachwerkhäuser entfernt, drei Geschwister ertrunken – fünf, acht und neun Jahre alt. „Unmögliches Leid“ habe sich auf das Dorf gelegt, sagt der Pfarrer.

Die Gottesdienstbesucher sind an diesem Morgen tief getroffen. „Unsere Oma sitzt drinnen, die ist fix und fertig“, sagt eine Frau vor der Kirche. „Es tut einem ja so leid, so leid“, sagt eine andere Frau. Sie wohnt direkt an dem Teich und hatte am Abend das Blaulicht der zahlreichen Feuerwehr-, Polizei- und Rettungsfahrzeuge gesehen.

Zeugen werden gesucht und Spuren gesichert

Wie die Kinder in den etwa 40 Meter breiten Teich gerieten, ist laut Polizei noch unklar. Das Ufer ist mit Steinen befestigt, steil und nach dem vielen Regen der vergangenen Wochen rutschig. Auf einem Schild steht: „Teichanlage. Betreten auf eigene Gefahr. Eltern haften für ihre Kinder.“ „Im Moment sind wir mit Spurensicherung beschäftigt“, sagte Polizeisprecher Markus Brettschneider dieser Zeitung. „Wir haben mit Nachbarschaftsbefragungen begonnen. Weiteren Aufschluss über den Unfallhergang erwarten wir uns von einer Obduktion, die für Montag angeordnet ist.“ Ein Fremdverschulden schließe man aus. An seiner tiefsten Stelle sei der Teich zwei Meter tief. Wo die Eltern während des Unfalls waren und ob die Kinder Schwimmunterricht erhalten hatten, dazu wollte sich der Sprecher noch nicht äußern.

Der elf Jahre alte Bruder hatte seine Geschwister gesucht und den Fünfjährigen im Wasser entdeckt. Daraufhin alarmierte er Menschen aus der Nachbarschaft. Der Junge wurde aus dem Wasser gezogen, Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Dann wurde klar, dass zwei weitere Kinder der Familie vermisst wurden. Taucher konnten das achtjährige Mädchen und ihren neun Jahre alten Bruder nur noch tot aus dem Wasser bergen.

„Wir haben die anderen zwei Kinder gesucht, weil die noch fehlten, die Polizei und auch Mitbewohner im Ort. Wir haben überall gesucht im Ort, in den Gärten, in den Gassen, in der Annahme, die wären weggelaufen“, sagt die Besitzerin des Landgasthofs „Jägerhof“. Zeitgleich wurden rund um den See Scheinwerfer aufgestellt. Taucher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) stiegen ins Wasser. Sie fanden schließlich die Leichen der beiden Kinder. „Das ganze Dorf steht unter Schock, die Stimmung ist eine Katastrophe“, sagt die „Jägerhof“-Gastronomin.

Das halbe Dorf half bei der Suche

Am Tag liegt der Teich wieder still. Frösche quaken, auf den Bäumen am Rand singen Vögel. Eine benachbarte Beachvolleyball-Anlage und ein Vereinsheim liegen verwaist. Zwei Männer kommen im Auto, laufen durch das feuchte Gras. Sie gehören zu der großen Familie der Toten, die aus ganz Deutschland anreist.

Seigertshausen, das heute zu Neukirchen gehört, ist ein historisch gewachsenes Dorf. Schon 1196 wurde es urkundlich erwähnt, viele Familien bauen noch Gerste, Weizen oder Raps an. Umringt ist es von Wäldern. Es gibt eine Trachtengruppe, eine Burschenschaft, einen Wanderverein und einen evangelischen Frauensingkreis. Hier kennt jeder jeden.

Die muslimische Familie besitzt die deutsche und die irakische Staatsbürgerschaft, sagte Polizeisprecher Brettschneider. Sie sei erst vor einem Jahr aus Saarbrücken hergezogen, sagt Bürgermeister Klemens Olbrich und wohnt etwa 350 Meter vom Teich entfernt. Die Kinder waren in Deutschland geboren. Pfarrer Keller betonte in seiner Predigt, das Dorf helfe der Familie, „die in dieser Stunde Unsägliches durchmacht“. Die Last, die auf dem Dorf liege, werde zusammen getragen. „Egal, woher sie kommen, egal welcher Konfession oder Religion sie angehören.“

Olbrich sagte, im Ort herrsche „große Betroffenheit“. Noch nie sei so etwas an dem Teich passiert. Bei Anwohnern kam jedoch die Frage auf, wieso der Teich nicht eingezäunt sei.

Nach Angaben einer Augenzeugin half „das halbe Dorf“ bei der Suche nach den Kindern mit. „Alle waren in heller Aufregung“, sagte eine Anwohnerin, die die Kinder persönlich kannte. „Das ganze Dorf steht unter Schock.“

Um die betroffene Familie kümmerte sich ein Mitglied einer muslimischen Gemeinde aus der Gegend. Das Mädchen war Mitglied der örtlichen Trachtengruppe. Der Verein färbte seine Facebook-Seite schwarz.