Attentat

Warum trauert nach dem Massaker in Orlando nur die Nische?

Beim Attentat im Schwulenclub in Orlando starben 49 Menschen. Trauert die Gesellschaft diesmal anders? Unser Autor empfindet das so.

Berlin brauchte sechs Tage, um sich durchzuringen, aus Solidarität mit den Toten in Orlando das Brandenburger Tor in Regenbogenfarben erstrahlen zu lassen.

Berlin brauchte sechs Tage, um sich durchzuringen, aus Solidarität mit den Toten in Orlando das Brandenburger Tor in Regenbogenfarben erstrahlen zu lassen.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin.  Vor ein paar Wochen stand ich mit Freunden in der Schlange zu einem Berliner Schwulenclub und weil es eine lange Schlange war, entstand irgendwann so eine peinliche Stille. In dieses Schweigen sagte ein Freund einen Gedanken, der mir auch schon früher gekommen war: „Eigentlich wäre dieser Club das perfekte Anschlagsziel, ein Keller, dunkel, laut und voller Menschen, die von der Gesellschaft bestenfalls toleriert werden.“ Wir einigten uns dann, dass es irgendwann passieren werde, so ein Massaker, und dass die Reaktionen irgendwie peinlich berührt wären und zumindest ein paar Menschen denken würden: Was geht ihr auch in so einen Club?

Jetzt ist es passiert und der Täter war – so wie es bisher aussieht – ausgerechnet auch noch selbst homosexuell. Omar Mateen schoss in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag vier Stunden lang auf jeden, der sich bewegte und später zur Sicherheit noch auf die, die sich nicht bewegten. Im Club „Pulse“ in Orlando starben 49 Menschen, 53 wurden verletzt, 6 davon schweben auch eine Woche nach dem Massaker in Lebensgefahr.

Ich habe in dieser Woche viele Texte und Videos über dieses Thema gelesen, Details über die Opfer („Sie wollten heiraten, jetzt werden sie gemeinsam begraben“), wütende („Fuck Your Prayers for Orlando!“) oder solche, die erklärten, warum Schwulenclubs noch immer „Schutzräume“ sind: „Es ist nicht eure Welt, die in Orlando zerschossen wurde!“, schrieb einer. Ich bin auf sie gestoßen, weil Freunde sie geteilt hatten – aber es waren eben fast ausnahmslos schwule Freunde. Die Trauer nach Orlando war vor allem: eine Trauer der Nische.

Selbst in Bielefeld und Edinburgh leuchteten Monumente Regenbogen-bunt

Liegt es wirklich nur an der Fußball-EM oder an einer Gewöhnung an Terrorattentate, dass dieses Mal das Mitgefühl zurückhaltender ausgedrückt wurde? Zunächst passt ins Bild, dass Berlin sechs Tage gebraucht, um sich durchzuringen, aus Solidarität das Brandenburger Tor in Regenbogenfarben erstrahlen zu lassen. Selbst die Sparrenburg in Bielefeld war am Montag schon bunt angestrahlt. Auch in der Öffentlichkeit waren im Vergleich zu anderen Attentaten die Reaktionen verhalten. Kanzlerin Merkel sagte, sie wolle das „offene und tolerante Leben“ fortsetzen. Der Lesben- und Schwulenverband versucht seit Jahren, ihr verständlich zu machen, welcher Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz besteht. Das eine bedeutet dulden, das andere: Jemanden annehmen. Auch weigerte sie sich, die Wörter „Schwule und Lesben“ in den Mund zu nehmen. Seit ihrem berühmten Kommentar zur Homo-Ehe und der Adoptionsfrage („Ich habe da meine Probleme mit“) hat sie sich nicht bewegt in dieser Frage. Ähnlich verschleppt wird die Entschädigung für die nach Paragraf 175 verurteilten schwulen Männer, die Jahr für Jahr weniger werden.

Fast schon erwartet hatte ich die homophoben Stimmen, wie die der türkischen konservative Zeitung „Yeni Akit“, sie schrieb auf der Titelseite von „50 toten Perversen“. Ein christlicher Prediger in den USA äußerte auf Youtube seine Trauer, dass nicht mehr Schwule und Lesben gestorben sind und der Vater des Attentäters Omar Mateen erzählt in einer unerträglichen Relativierung, dass „Gott die Homosexuellen bestrafen solle, nicht der Mensch“. Und in Russland wurden zwei Männer festgenommen, weil sie vor der US-Botschaft ein Schild mit „Love Wins“ aufstellen wollten.

Der Unterschied wird immer bleiben: Der Moment des Outings

Im Vergleich dazu hat sich natürlich viel verändert in diesem Land – gerade in Berlin. Ich treffe auf Menschen, die mich fragen, ob ich „eine Freundin oder einen Freund“ habe, so als wäre beides selbstverständlich. Die Deutsche Bahn schaltet ausgerechnet zur EM einen Spot mit schwulen Fußballern als Protagonisten. Und als ich neulich beim Baby-Musik-Kurs mit meiner Tochter davon erzählte, wie es ist, mit zwei verheirateten Müttern ein Kind zu haben, waren die Reaktionen interessiert, nicht abfällig. Noch vor wenigen Jahren wäre das peinlich oder sogar unmöglich gewesen.

Dieser Moment des Outings bei Fremden wird immer der wohl wichtigste Unterschied bleiben zwischen Schwulen und Heteros. Das ist die Gemeinsamkeit, die ich mit allen Schwulen und Lesben habe, auch denen vom „Pulse“. Sie alle haben sich selbst und vielleicht noch ihre Freunde und Familie konfrontieren müssen mit der Feststellung: Ich bin anders. Was danach passiert, ist auch in Deutschland noch immer offen. Von einem Schulterzucken bis hin zum Kontaktabbruch kann vieles passieren, auch Hass.

Ich war gerade zwei Jahre mit einem Mann zusammen, der immer wieder auf der Straße seine Hand aus meiner zog, wenn uns jemand entgegenkam. Es war bei ihm nicht unbedingt die ständige Angst vor Gewalt, eher eine Angst zu einer Minderheit zu gehören, die „es doch bitte nicht ständig allen auf die Nase binden muss“. Wirklich verprügelt wurde ich nur einmal, in Leipzig im Jahr 1999. „Bist du schwul oder was?“, schrie jemand und schlug zu. Ich war gerade 20 und konnte auch mit blutiger Nase schnell rennen.

Schwulenclubs heißen überall gleich: „Heaven“, „Why not“ und „Pulse“

Nach dem Attentat auf Charlie Hebdo war ich betroffen, weil ich jeden Tag in eine Redaktion zur Arbeit gehe. Nach den Pariser Anschlägen war ich betroffen, weil ich auch gern abends in Restaurants oder zu Konzerten gehe. Und jetzt? Bin ich betroffen, weil ich auch schon in langen Schlangen gestanden habe, um ohne großes Aufhebens mit einem Mann zu knutschen. Für uns sind die Einschläge des Terrors am Sonntagmorgen näher gekommen, für Heterosexuelle waren „die anderen“ betroffen.

Vielleicht war ich auch deshalb betroffener, weil ich schon in einem Schwulenclub namens „Pulse“ getanzt habe. Nicht den in Orlando, aber eigentlich gibt es sowieso nur fünf Namen für Homoclubs weltweit: „Why Not“, „Don’t tell Mama“, „Heaven“, „Queens“ und „Pulse“. Der Name klingt nach der Aufgeregtheit am Eingang, wenn das Herz pocht, weil man sich etwas traut.

Am Ende dieser Woche las ich im Internet einen Eintrag, der nur aus Zahlen besteht und vielleicht deswegen auch wirklich jeden berühren kann. Es sind die Altersangaben der Opfer von Orlando. Ich bin 37 Jahre, darf auch dieses Wochenende in Schlangen stehen und in Clubs gehen, wenn ich will. Sie waren Söhne und Töchter und werden kein Jahr älter, weil sie jemand für ihre Art der Liebe zum Tode verurteilte. Der Eintrag lautete: „18, 19, 20, 21, 21, 22, 22, 22, 23, 24, 24, 24, 25, 25, 25, 25, 25, 25, 25, 25, 26, 26, 27, 27, 28, 29, 29, 30, 30, 31, 31, 31, 32, 32, 33, 33, 33, 34, 35, 35, 36, 37, 37, 37, 39, 40, 41, 49, 50.“