Teufelsaustreibung

Exorzismus-Fall: Mordanklage gegen fünf Familienmitglieder

In Frankfurt wollte die Familie einer Südkoreanerin ihr den Teufel austreiben. Die Frau starb. Nun wurde Anklage wegen Mordes erhoben.

Im Frankfurter Hotel Intercontinental wurde eine Frau von ihrer eigenen Familie zu Tode gequält.

Im Frankfurter Hotel Intercontinental wurde eine Frau von ihrer eigenen Familie zu Tode gequält.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Frankfurt/Main.  Der Tod einer Südkoreanerin in einem Hotel in Frankfurt muss lang und qualvoll gewesen sein. Fünf Verwandte sollen die Frau gemeinsam mindestens zwei Stunden grausam malträtiert haben – bis die 41-Jährige erstickte. Unter den Angeschuldigten ist ihr eigener, 16 Jahre alter Sohn. Die Familie war wohl überzeugt, dass ihr Opfer von Dämonen besessen war und versuchte, ihm die bösen Geister auszutreiben. Zu diesem Ergebnis kommt die Staatsanwaltschaft nach rund einem halben Jahr Ermittlungen. Sie hat jetzt Anklage wegen gemeinschaftlichen Mordes erhoben.

Dämonen- und Teufelsvorstellungen sind nach Einschätzung von Fachleuten in Teilen Asiens weit verbreitet. „Sie sind nicht an bestimmte Glaubensrichtungen geknüpft, sondern eine Art Volksreligion“, sagt der Theologe und Soziologe Rainer Neu von der Universität Duisburg-Essen. Diese spiele auch ins Christentum hinein.

Teufelsaustreibungen seien in Ost- und Südostasien auch keine Einzelfälle, „sondern viel verbreiteter als wir uns das vorstellen können“, sagt Neu. Die Gedankenwelt beschreibt der Lehrbeauftragte für Biblische Theologie so: „Teuflische Kräfte gehen in einen Menschen hinein und halten sich da fest, und man muss sie im Exorzismus wieder austreiben.“ Ein Mittel dafür seien Schläge. Das dabei Menschen ums Leben kämen, sei jedoch selten.

Angeschuldigte sind Christen

Nach Einschätzung des Göttinger Religionswissenschaftlers Prof. Andreas Grünschloß gibt es in Südkorea viele Mischvarianten neuer religiöser Bewegungen aus christlichen, schamanistischen und auch buddhistischen Vorstellungen. International am bekanntesten sei die Vereinigungskirche mit ihren Massenhochzeiten. Es gebe aber auch viele kleinere Gruppen.

„Gruppen, die von der allgegenwärtigen Existenz von Dämonen ausgehen, leben keine ,entspannte Religion’“, sagt Grünschloß. Das Weltbild sei vielmehr relativ angstbesetzt. „Man muss ständig nach dem Feind Ausschau halten und ist eingebunden in den kosmischen Kampf zwischen Gut und Böse, der auf dieser Erde tobt.“

Die in Frankfurt Angeschuldigten sind Christen – mit buddhistischen und schamanistischen Einflüssen, wie Oberstaatsanwältin Nadja Niesen sagt. Welcher Kirche oder Gruppe sie angehören, ist unklar. Warum sie glaubten, dass ihre Verwandte von Dämonen besessen war? Die Frau soll den Ermittlungen zufolge plötzlich um sich geschlagen, Selbstgespräche geführt und aggressiv geworden sein.

Zur Tat haben die Fünf, die in Frankfurt eine Import- und Export-Firma gründen wollten, in der Untersuchungshaft allerdings bislang wenig gesagt – und auch nur die Erwachsenen: Die 44 Jahre alte Cousine des Opfers und ihr 22 Jahre alter Sohn. Die Tochter der 44-Jährigen – mit 19 Jahren für die Juristen Heranwachsende –, der Sohn des Opfers und sein Cousin (15) schweigen.

Herbeigerufener Pfarrer hatte Polizei verständigt

Im Frankfurter Fall habe die Familie das Verhalten der später getöteten Frau möglicherweise so gedeutet, dass sie besessen sei und ihr der Teufel mit einer entsprechenden Therapie ausgetrieben werden müsse, sagt Grünschloß. Interessant sei, dass dann am Ende doch ein Pfarrer gerufen wurde. Auch wenn dieser einer anderen Religionsgemeinschaft angehöre, sei er doch offenbar eine Art Vertrauensperson im Ausland gewesen.

Die Cousine der Getöteten und älteste Angeschuldigte hatte den Pfarrer verständigt. Warum sie dies nach mehr als zwei Stunden qualvoller Teufelsaustreibung tat, ist laut Staatsanwaltschaft noch unklar. Die Frau sei offenbar nicht davon ausgegangen, dass sie ihre Cousine getötet hatte oder habe dies nicht wahrhaben wollen.

Eine Verbindung zwischen dem Pfarrer der koreanischen evangelischen Zion-Gemeinde und der beschuldigten Familie gebe es jedenfalls nicht. „Sie waren vielleicht mal bei ihm im Gottesdienst“, sagt Niesen. Der herbeiberufene Pfarrer hatte am 5. Dezember 2015 die Hotel-Rezeption verständigt und die Polizei eingeschaltet. (dpa)