EM 2016

BKA hat schon 65 Videos zu Hooligan-Attacken erhalten

Deutsche Behörden kommen möglicherweise mit Fanvideos auf die Spur von Hooligans. Eine Hinweisseite zum Hochladen wird rege genutzt.

Ausschreitungen von englischen Hooligans bei der EM: Wenn die Polizei kommt, ist es oft schon zu spät. Aber Smartphone-Kameras waren dann meist dabei. Darauf setzt auch das BKA bei der Suche nach Gewalttätern unter den deutschen Fans.

Ausschreitungen von englischen Hooligans bei der EM: Wenn die Polizei kommt, ist es oft schon zu spät. Aber Smartphone-Kameras waren dann meist dabei. Darauf setzt auch das BKA bei der Suche nach Gewalttätern unter den deutschen Fans.

Foto: Carl Court / Getty Images

Wiesbaden/Lille/Paris.  In Lille vor dem Ukraine-Spiel der deutschen Mannschaft randalierten deutsche Hooligans– in Paris vor dem Spiel gegen Polen am Abend werden neue Krawalle befürchtet. Oft ist die örtliche Polizei zu spät, um die Ausschreitungen zu beenden. Das Bundeskriminalamt (BKA) will deutsche Hooligans aber auch im Nachhinein noch ermitteln – dank des Smartphone-Zeitalters und mit der Hilfe anderer Fans.

Über ein Hinweisportal im Internet können Videoaufnahmen anonym hochgeladen und so den Ermittlern zur Verfügung gestellt werden. 65 Videos seien seit diesem Dienstag bis zum heutigen Donnerstagmittag bereits hochgeladen, sagte eine Sprecherin auf Anfrage unserer Redaktion.

Das Portal soll für alle noch kommenden Spiele der EM in Frankreich freigeschaltet bleiben. Und vielleicht auch lange nach EM-Ende noch Folgen haben: DFB-Präsident Reinhard Grindel schickte an die Problemfans schon mal die Botschaft: „Seid Euch nicht sicher, im Zweifelsfall könnt Ihr auch in Deutschland verfolgt werden.“

Sichtung der Videos läuft

Das BKA macht noch keine Angaben, ob sich aus den bislang zur Verfügung gestellten Videos Erfolg versprechende Hinweise ergeben haben. Die Sichtung laufe noch. Denkbar ist aber, dass nicht alle Videos ernst gemeinte Hinweise sind oder bereits breit kursierende Videos auf der BKA-Seite hochgeladen wurden. Eines der 65 Videos ist auch ein von unserer Redaktion deutlich als Test kenntlich gemachtes Video, um den Hochladeprozess zu verfolgen. Das BKA hatte erklärt, bei der Übermittlung würden keine weiteren Daten übertragen und gespeichert als die, die ein Nutzer selbst aktiv eingibt.

Nach dem ersten Spiel der deutschen Mannschaft am Sonntag war schnell im Netz ein Video aufgetaucht, das aus einiger Entfernung Attacken deutscher Hooligans in Lille zeigt. Am Ende des Videos hört man jemanden sagen „Die haben ja gerade die Russen weggeklatscht, ne?“ Die „Russen“ waren Ukrainer, rund 50 deutsche Hooligans hatten mehrere gegnerische Fans in der Innenstadt angegriffen. Zwei Menschen wurden leicht verletzt.

Im Umfeld der Begegnung gegen Polen an diese, Donnerstag befürchten Sicherheitsexperten ebenfalls Ausschreitungen. Auch ein Teil der polnischen Fanszene gilt als gewaltbereit, in der Vergangenheit gab es schon öfter Zusammenstöße zwischen polnischen und deutschen Fans. Fanforscher und Soziologe Gunther Pilz hatte dem TV-Sender Sport1 gesagt, bei deutschen Hooligans vor allem aus dem rechtsradikalen Lager werde schon lange für dieses Spiel mobil gemacht. In Polen sei die Situation ähnlich. Die Zentrale Informationsstelle für Sporteinsätze (ZIS) in Duisburg rechnet mit mehreren Hundert gewaltbereiten deutschen Fans.

Technik war schon nach Silvesternacht im Einsatz

Die Technik des Videohochladens setzt das BKA selbst zum ersten Mal ein, hat sie zuvor aber der Polizei in Nordrhein-Westfalen zur Verfügung gestellt. Nach den Übergriffen in der Silvesternacht konnten Zeugen ihre Videos so zur Verfügung stellen. „Es kann ja nicht sein, dass die Leute mit ihren Handys zur Polizei gehen“, sagt die Sprecherin.

Erste Überlegungen für die Hochladeseite gab es im BKA nach den Bombenanschlägen beim Boston Marathon vor gut drei Jahren. Da bot sich den US-Ermittlern eine Fülle von Videomaterial. Zunächst war das Material von Nutzern in dem Social-News-Aggregator Reddit zusammengetragen worden, einer Website, auf der registrierte Benutzer thematisch sortiert Inhalte einstellen können. Dann richtete die Polizei ein Portal ein, damit ihr die Filme direkt geschickt werden konnten. (mit dpa)