Belastung

Müttern macht der Anspruch an sich selbst zu schaffen

Der Anspruch an Kindererziehung ist groß, hinterlässt aber erschöpfte Eltern. Helfen könnte ein besseres Bildungssystem. Ein Kommentar.

Parallel zum Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit ist der Anspruch an Mutterschaft und Kindererziehung gewachsen.

Parallel zum Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit ist der Anspruch an Mutterschaft und Kindererziehung gewachsen.

Foto: Bodo Marks / dpa

Berlin.  Kindergärten haben länger auf, meist lässt sich inzwischen eine Nachmittagsbetreuung in den Schulen regeln, Väter und Mütter haben die Möglichkeit, finanziell gut ausgestattet eine Weile in der Elternzeit dem Job den Rücken zu kehren: Eigentlich müsste es doch inzwischen gut möglich sein, Kindererziehung und Beruf zu meistern. Doch wie das Müttergenesungswerk ermittelte, ist eher das Gegenteil der Fall. Noch nie jedenfalls waren Mütter und manche Väter so erschöpft und krank wie heute.

Tatsächlich ist – parallel zum Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit – der Anspruch an Mutterschaft und Kindererziehung gewachsen. Schulen setzen ebenso auf die Unterstützung der Eltern wie Sport- und Musikvereine. Ohne Hilfe bei den Hausaufgaben schaffen die wenigsten Kinder den Weg durch die verkürzte Schullaufbahn. Was früher selbstverständlich war – etwa den Kindern eine Tüte Bonbons am Geburtstag mitzugeben oder beim Schreibwarenhändler um die Ecke eine Schultüte für den ersten Schultag zu kaufen –, artet heute in komplizierte Back- und Bastelaktionen aus.

Zum Stress kommt der Frust dazu

Hinter diesem Aktionismus steckt womöglich immer noch die Angst, das Kind könnte leiden, weil die Mutter arbeitet – und so soll es so wenig wie möglich davon mitbekommen. Viele Mütter wollen ihrem Kind weder schlechtes Schulessen zumuten noch den Nachteil, keine Hilfe bei den Hausaufgaben zu haben. Also versuchen sie wie früher ihre Kinder zu betreuen, sie kochen, verbessern Englisch-Aufsätze, sind Chauffeur und Therapeutin.

Die Erschöpfung beschränkt sich aber nicht auf erwerbstätige Mütter. Hausfrauen sind besonders dem Druck ausgesetzt, perfekt die Familie zu führen. Was für sie viel schwerer ist als früher, ist die Einsamkeit. Weil die meisten Frauen arbeiten, ist niemand da, der morgens mal ein Stündchen Zeit für einen Kaffee hat. Der turbulente Alltag mit Haushalt und Kindern füllt den Rest des Tages aus – ohne Anerkennung. Zum Stress kommt dann noch der Frust dazu.

Was Müttern heute am meisten zu schaffen macht, ist der immer höher werdende Anspruch an sich selbst. Wenn gleichzeitig im Berufs- und Privatleben die Aufgaben wachsen, droht der Zusammenbruch. Entlasten könnte sie etwa ein Bildungssystem, das weitgehend ohne die Unterstützung der Eltern auskommt. Dazu gehört als Erstes ein Mittagstisch in den Schulen, der den Namen verdient.