EURO 2016

Hooligans folgen der Logik: Erst trinken, dann prügeln

Die Krawalle bei der EM in Frankreich wirken so heftig wie lange nicht mehr. Experten erwarten, dass dies nicht die letzten waren.

Fans von England und Russland prügelten sich am Samstag im Stadion in Marseille.

Fans von England und Russland prügelten sich am Samstag im Stadion in Marseille.

Foto: Daniel Dal Zennaro / dpa

Marseille/Berlin.  Ein Mann hat sich mit einem Stuhl bewaffnet. Läuft hinter einem anderen her. Und schlägt mit voller Wucht zu. Solche Szenen ereigneten sich am Samstag in Marseille, vor dem Spiel England gegen Russland. Am Sonntag gingen deutsche Hooligans mit Stühlen und Fäusten auf Ukrainer los. Die wichtigsten Fragen zu den Hooligankrawallen bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich.

Was ist passiert?

Schon zwei Tage vor dem Spiel gerieten Engländer und Russen aneinander. Die Lage eskaliert vor dem Spiel: Am Samstagnachmittag kommt es zu Straßenschlachten zwischen Hooligans. Die Polizisten setzen Tränengas ein, greifen zu ihren Schlagstöcken. Die Hooligans sind stark alkoholisiert. „Die haben sich hier ab dem Mittag zugeschüttet“, erzählt später Guillaume R., Geschäftsführer einer Bar im alten Hafen von Marseille. Ein englischer Mann wird mit einer Metallstange am Kopf getroffen. Er schwebt in Lebensgefahr, sagt Polizeipräfekt Laurent Nunez. Am Ende des Spiels, kurz vor dem 1:1-Ausgleich der Russen, gibt es Krawalle in einer Fankurve. Russen stürmen auf Engländer zu. Nach dem Spiel gehen die Krawalle in der Innenstadt weiter. Mit dabei laut Polizei: Ultras des heimischen Klubs Olympique Marseille. Am Ende des Tages sind 44 Menschen verletzt. Die Uefa droht Russen und Engländern mit Sanktionen – es drohen Punktabzug oder gar EM-Ausschluss.

Was ist schiefgelaufen?

Vor der EM konzentrierte sich die Polizei vor allem auf das, was Frankreich am 13. November 2015 in Paris erlebt hatte: die Gefahr durch islamistischen Terror. Gegenüber den Hooligans wirkte die Polizei in Marseille zum Teil hilflos und überfordert. Die Polizisten sind seit dem Terror im Dauereinsatz, viele sind am Ende ihrer Kräfte, sagen Experten. Bei den Auseinandersetzungen im Stade Vélodrom funktionierte, das gestand die Uefa am Sonntag offiziell ein, die Trennung der Fans nicht. Ordner schauten tatenlos zu. Später griffen Polizisten mit einer speziellen Nahkampfausbildung ein. Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft glaubt, dass die Gewalt hätte verhindert werden können. „Ich wundere mich darüber, dass im Stadion eine gewaltbereite Fangruppe relativ leicht in den anderen Fanblock eindringen kann“, sagte Wendt unserer Redaktion. Es gebe Hinweise, dass vor dem Stadion nur oberflächlich kontrolliert worden sei. Die Uefa plant, die Sicherheitsmaßnahmen in den Stadien zu verstärken.

Droht jetzt noch mehr Gewalt?

Sicherheitsexperten gehen davon aus. Deutschland hat etwa 2500 Namen bekannter Hooligans an die Franzosen übermittelt. 15 der 36 Vorrundenspiele sind als Risikospiele eingestuft. Dazu gehört auch die Partie Deutschland gegen Polen am Donnerstag in Paris. Die deutschen Behörden haben potenziellen Störern schon vor Wochen klargemacht, dass sie beobachtet werden, in sogenannten Gefährderansprachen. Der Deutsche Fußball-Bund verkauft seine Tickets nur über den eigenen Fanklub. Aus Deutschland sind Sozialarbeiter und „szenenkundige“ Polizisten in Frankreich unterwegs. „Das Spiel England gegen Russland war ein Höhepunkt der Hooligangewalt, bleibt aber mit Sicherheit kein Einzelfall bei dieser Europameisterschaft“, sagte Rainer Wendt. „Auch deutsche Hooligangruppen werden sicherlich versuchen, Gewalt in den Städten auszuüben.“

Was wollen die Hooligans?

Es geht um Männlichkeitsfantasien, Ehre – und um Gewalt. Und: Neben weniger politischen Schlägergruppen und linken Hooligans mischen vor allem Rechtsextreme mit. Ihr neues Feindbild: Islam und Islamisten. In Marseille riefen britische Hooligans auch Slogans wie „Isis, where are you? We’ve got pork on the barbecue.“ (Was übersetzt so viel heißt wie: „Islamischer Staat“, wo bist du? Wir haben Schweinefleisch auf dem Grill.) In Deutschland attackierten Hooligans in jüngster Vergangenheit antirassistische Fangruppen in Aachen oder Duisburg. Zeitweilig vernetzten sie sich unter dem Namen „Hogesa“ (Hooligans gegen Salafisten) und prügelten sich in Köln mit der Polizei. Anhänger von Dynamo Dresden sind bei der fremdenfeindlichen Bewegung Pegida dabei. Auch in anderen europäischen Ländern machen Hooligans Stimmung gegen Flüchtlinge. So schlagkräftig wirkte die Szene nicht mehr seit den 90er-Jahren.

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