EURO 2016

Hooligans verwandeln Touristenmeilen in Trümmerfelder

In mehreren französischen Städten waren am Wochenende Hooligans aktiv. Marseille hat es dabei am härtesten getroffen – ein Ortsbesuch.

Der alte Hafen von Marseille glich am Samstag einem Schlachtfeld.

Der alte Hafen von Marseille glich am Samstag einem Schlachtfeld.

Foto: Guillaume Horcajuelo / dpa

Paris.  Von vornherein hatten die Veranstalter die EM-Erstrundenbegegnung zwischen England und Russland in der südfranzösischen Hafenstadt Marseille als Risikospiel eingestuft. Trotzdem haben die Sicherheitskräfte nicht verhindern können, dass es vor und nach dem Spiel auf der Straße und im Stadion zu schweren Ausschreitungen mit zahlreichen Verletzten kam. Nun wird Kritik an den Organisatoren und an der Polizei laut. Doch die Behörden wiegeln ab.

„Bei solchen Typen war das eine Gewaltexplosion mit Ansage“, schimpft Guillaume R. am Sonntagmorgen. So niedergeschlagen wie wütend ist der Blick, den der Geschäftsführer einer Bar am alten Hafen von Marseille über die eingeschlagene Fensterfront und die völlig verwüstete Terrasse seines Etablissements schweifen lässt. Wobei mit den Typen, auf die der Mann anspielt, jene britischen und russischen Hooligans gemeint sind, die hier seit dem Donnerstag gleich dreimal aneinandergeraten sind. Am schlimmsten aber war die Straßenschlacht, die sich die stark alkoholisierten und gewaltbereiten Fan-Gruppen am Samstag wenige Stunden vor dem Anpfiff des Spiels ihrer beiden Mannschaften lieferten.

Der alte Hafen von Marseille ist eine der großen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Dessen Kneipenmeile hatten vor allem die englischen Fans zu ihrem Treffpunkt erkoren. „Die haben sich hier ab dem Mittag zugeschüttet“, berichtet Guillaume R. und fügt hinzu: „Ihr Bier hatten die bereits am Mann, bei mir hat der eine oder andere höchstens mal einen Espresso getrunken“. Jedenfalls wussten die ebenfalls angereisten Russen rasch, wo die Englänger zu finden waren.

Nach ersten Scharmützeln am Donnerstag und Freitag kam es am Samstag schließlich zu den schwersten Krawallen. Die Polizei musste Tränengas einsetzten, um die mit Stühlen, Flaschen und Knüppeln aufeinander eindreschenden Hooligans, unter die sich auch französische Fußballfans gemischt hatten, auseinanderzutreiben. Am Ende hatten die Notärzte 35 Verletzte zu versorgen. Unter ihnen befindet sich ein Brite, dem durch Schläge mit einer Metallstange so gravierende Kopfverletzungen zugefügt worden waren, dass er gestern immer noch in Lebensgefahr schwebte. Der Hafen glich danach einem Trümmerfeld.

Polizei hat laut Experten richtig gehandelt

Derweil kritisieren französische Medien, dass sich die EM-Organisatoren und die Polizei auf keinen Fall von der Gewaltbereitschaft der Hooligans hätten überraschen lassen dürfen. Insbesondere die Anhänger der englischen Nationalmannschaft seien schließlich für ihr aggressives Auftreten nachhaltig bekannt.

Eine Kritik, der am Sonntag nicht nur der Chef der französischen Abteilung zur Hooliganismus-Bekämpfung, Antoine Boutonnet, entgegen trat. Seinen Worten zufolge habe die Polizei auf die Krawalle richtig reagiert und sie durch eine „schnelle und wirksame Intervention“ eingedämmt. Auch der Polizeipräfekt von Marseille, Laurent Nunez, hob „die schnelle Reaktion, die Beherrschung und die Entschlossenheit der Polizisten“ hervor, die zweifellos „noch viel schlimmere Zwischenfälle“ verhindert hätten. Kurz darauf ließ Nunez mitteilen, dass insgesamt 15 Hooligans festgenommen wurden, die noch heute im Schnellverfahren vor einen Richter gestellt werden sollen.

Zu Ausschreitungen ist es am Samstag auch im Zentrum von Nizza gekommen, wo französische Jugendliche nordirische Fußballfans provoziert haben sollen, sowie am Sonntagnachmittag vor dem Pariser Prinzregentenstadium, wo vermummte Unbekannte Flaschen auf die Polizeikräfte warfen. Auf dem Markplatz von Lille randalierten deutsche Fans, wo sonst Touristen die Architektur und kühle Getränke genießen. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve sah sich zu der Versicherung veranlasst, die Sicherheitskräfte hätten die Gefahr durch gewaltbereite Fans „voll berücksichtigt“. Doch in Frankreich steht nun die Frage im Raum, ob nicht die Angst vor terroristischen Anschlägen die Vorbereitung der EM dermaßen dominierte, dass die „klassischen“, von Hooligans ausgehenden Sicherheitsprobleme vernachlässigt wurden.