Erziehung

Au-pair sind in Familien die Babysitter vom Zimmer nebenan

Früher konnten sich nur Besserverdiener Au-pairs leisten. Heute bemühen sich aber immer mehr um die Hilfe von ausländischen Menschen.

Au-pairs (Bildmitte) gehören oft schon zu Familie und gehen auch mit auf Reisen

Au-pairs (Bildmitte) gehören oft schon zu Familie und gehen auch mit auf Reisen

Foto: PRIVAT

Berlin.  In der Familie von Konrad und Christine geht alles schief. Der Hamster Specki stirbt genau in der Woche, als Vater Konrad als Regisseur zurück ans Theater will. Und Isabel, das neue Au-pair, ist, wie sich herausstellt, ungewollt schwanger. Schöner Scherbenhaufen. Glücklicherweise sieht die Realität in deutschen Familien jenseits von Robert Thalheimers Kultfilm „Eltern“ etwas rosiger aus. Laut einer bundesweiten Studie des Versicherungsunternehmens Dr. Walter leisten sich immer mehr Familien mit mittlerem Einkommen und auch Alleinerziehende Unterstützung durch junge Menschen aus dem Ausland.

„Au-pair war früher das Privileg einiger weniger, mittlerweile ist es aber in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagt die Studienbeauftragte Cordula Walter-Bolhöfer. „Viele Menschen haben heute flexiblere Arbeitszeiten als früher.“ Da brauche es auch flexible Lösungen in der Kinderbetreuung.

Gesetz schreibt Unterkunft in eigenem Zimmer vor

Katja Gleisberg (29), die ihren Sohn Leo (heute 4 Jahre) mit 25 Jahren zur Welt brachte, kann das bestätigen. „Wir hatten bis vor Kurzem eine Au-pair aus Taiwan, die rund ein Jahr bei uns geblieben ist. Ich kann das jeder Alleinziehenden und Berufstätigen nur weiterempfehlen“, sagt die Projektmanagerin aus Berlin-Mitte dieser Zeitung. Ihre Au-pair namens Echo habe in ihrer Dreizimmerwohnung – wie die gesetzliche Vorschrift es will – ein eigenes Zimmer gehabt, jeden Tag Leo aus dem Kindergarten in der Nachbarschaft abgeholt. Wenn Katja Gleisberg abends vom Job nach Hause kam, begrüßte sie einen glücklichen Leo im Schlafanzug – und oft stand auch ein vegetarisches Chop-Suey zum Aufwärmen im Kühlschrank. „Das Tolle war, dass ich mir als Alleinerziehende auch ein bisschen Familiengefühl ins Haus geholt habe.

Für Lina Grün (40), die deutschlandweit als selbstständige Fotografin arbeitet, war ihr Au-pair-Mädchen Maude aus Marseille eine willkommene Übergangslösung, bis ihre einjährige Tochter Golda mit zwei Jahren in den Kindergarten gehen sollte. Wenn sie auf Fotojobs war, briet die Studentin für ihre Tochter Omeletts, spielte Kaufmannsladen und sang sie auf Französisch in den Schlaf.

Ein Jahr darf der Vertrag eines Au-pairs gehen. Die Bedingungen sind klar geregelt, ihre Einhaltung wird von der vermittelnden Agentur kontrolliert. „Ein Au-pair darf bis zu 30 Stunden die Woche die Kinder betreuen und leichte Hausarbeiten erledigen. Die Kosten für Taschengeld, Logis und Sprachschule sowie Versicherung liegen bei rund 500 Euro“, erklärt Oliver Rolle von der Agentur Au-pair-Berlin. Rein rechnerisch sind das 300 bis 400 Euro weniger als ein Minijobber auf Stundenbasis kosten würde. Noch dazu sind Au-pairs flexibel. „Wenn mein Kind Schnupfen hat oder ich spontan weggehen möchte, ist das kein Problem“, sagt Lina Grün. Der Nachteil einer Au-pair, fand Grün: „Dass ich einen Teil meiner Privatsphäre aufgeben musste.“ Schließlich teile man mit der Au-pair das Bad, den Fernseher und die Küche. Das kann auch schiefgehen.

Viele Au-pairs kommen aus Nicht-EU-Ländern

Insgesamt ist die Zahl der Au-pairs in Deutschland im vergangenen Jahr allerdings von 10.000 auf 12.000 gestiegen. Als Gründe für den Anstieg nennt Walter-Bolhöfer Visaerleichterungen für Jugendliche aus Nicht-EU-Ländern. Wie im Fall der Familie Schläger aus Stuttgart. Ihr Au-pair Goga (26), ein junger Mann aus Georgien, teilt seit sechs Monaten die Vierzimmerwohnung mit der fünfköpfigen Familie. Die Kinder Paul (8), Leonore (5) und Monika (2) sind begeistert von ihrem Babysitter. Er hat das Zimmer von Paul übernommen, der jetzt mit seinen Schwestern in einem Zimmer schläft. Das Vorurteil, dass immer mal wieder kursiert, laut dem Au-pairs oft zu viele Stunden arbeiten, kann Sonja Hergeth-Schläger, die auf einer 70-Prozent-Stelle als Medical Writer arbeitet, nicht bestätigen. „Wir haben einen Wochenplan, aber Goga kommt selten auf seine 30 Stunden. Gehen lassen wollen die Kinder ihren Au-pair aus Tiflis übrigens nicht mehr. „Paul“, erzählt seine Mutter, „hat schon gesagt, dass er bereit wäre, sein Zimmer noch ein weiteres Jahr zur Verfügung zu stellen.“