Euro 2016

Krawalle - UEFA droht Russland und England mit Ausschluss

Verstörende Bilder bei der EM: Jagdszenen im Stadion von Marseille und Ausschreitungen in Nizza überschatten das sportliche Geschehen.

Stühle fliegen durch die Luft, Flaschen hinterher – und die Polizei antwortet mit Tränengas. In Marseille lieferten sich am Samstag englische und russische Hooligans mehrere Straßenschlachten. Sechs Randalierer wurden festgenommen.

Stühle fliegen durch die Luft, Flaschen hinterher – und die Polizei antwortet mit Tränengas. In Marseille lieferten sich am Samstag englische und russische Hooligans mehrere Straßenschlachten. Sechs Randalierer wurden festgenommen.

Foto: Carl Court

Marseille.  Nach den massiven Ausschreitungen mit brutaler Gewalt beim Spiel zwischen England und Russland in Marseille hat der europäische Fußballverband UEFA gehandelt. Das Exekutivkomitee der UEFA hat die Fußballverbände Russlands und Englands nach den Ausschreitungen von Marseille offiziell verwarnt. Im Wiederholungsfall sei auch ein Turnierausschluss möglich, teilte die Europäische Fußball-Union am Sonntag mit.

Kurz vor Ende der Partie (1:1) am Samstagabend stürmten augenscheinlich russische Anhänger auf englische Fans los, die in benachbarten Blöcken saßen, und prügelten wild auf diese ein. Dabei flüchteten die Attackierten sogar über Zäune bis in den Innenraum des Stade Vélodrome.

Experten kritisieren nach dem Einsatz die Sicherheitsvorkehrungen im Stadion. „Ich wundere mich darüber, dass im Stadion eine gewaltbereite Fangruppe relativ leicht in den anderen Fanblock eindringen kann“,sagte Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft unserer Redaktion. „Es gibt Hinweise darauf, dass vor dem Stadion nur oberflächlich kontrolliert worden ist.“

Die Deutsche Polizeigewerkschaft rechnet derweil mit weiterer Hooligan-Gewalt bei der Fußball Europameisterschaft in Frankreich. „Das Spiel England gegen Russland war ein Höhepunkt der Hooligan-Gewalt, bleibt aber mit Sicherheit kein Einzelfall bei dieser Europameisterschaft“, sagte Rainer Wendt. „Auch deutsche Hooligan-Gruppen werden sicherlich versuchen, Gewalt in den Städten auszuüben.“ Deutschland habe etwa 2.500 Namen bekannter Hooligans an die Franzosen übermittelt.

Zuvor waren bei heftigen Zusammenstößen zwischen Fangruppen vor dem Spiel mindestens 31 Menschen verletzt worden. Die französische Nachrichtenagentur AFP zählte am frühen Sonntagmorgen schon 35 Verletzte. Ein britischer Fußball-Fan schwebt nach Angaben von Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve in Lebensgefahr.

Auf Fernsehbildern und Internetvideos war zu sehen, wie verschiedene Gruppen an unterschiedlichen Stellen um den alten Hafen der Mittelmeerstadt mit Stühlen oder Eisenstangen aufeinander losgingen. Zudem wurde mit Flaschen oder anderen Gegenständen geworfen. Sicherheitskräfte gingen gegen die Randalierer vor und setzen dabei auch immer wieder Tränengas ein. Auf Twitter kursieren zudem Szenen, die zeigen, wie Hooligans Menschen zusammenschlagen und treten, die bereits am Boden liegen.

UEFA eröffnet Verfahren gegen Russlands Verband

Die Europäische Fußball-Union (UEFA) hat ein Verfahren gegen den russischen Verband eröffnet. Die Disziplinarkommission der UEFA will am Dienstag ein Urteil verkünden, wie der Verband am Sonntag mitteilte. Ermittelt wird gegen Russland auch wegen angeblich rassistischen Verhaltens und des Zündens von Feuerwerkskörpern.

Der russische Sportminister und FIFA-Funktionär Witali Mutko hatte indes die schlechte Organisation im Stadion bemängelt. Gegen den englischen Verband ergriff die UEFA vorerst keine Maßnahmen. In Marseille hatte es schon vor dem Spiel über Tage hinweg wilde Prügelszenen gegeben. Die UEFA-Regularien sehen Maßnahmen von einer Ermahnung bis zum Turnierausschluss der Teams vor, deren Fans an den Ausschreitungen beteiligt waren. In früheren Fällen hatte die UEFA Geldstrafen für Erstfälle verhängt.

Die UEFA kündigte zudem an, die Sicherheitsmaßnahmen in den Stadien zu verstärken. Die Europäische Fußball-Union räumte am Sonntag ein, es habe bei der Partie in Marseille Probleme bei der Trennung der Fans beider Mannschaften gegeben. Daher solle nun in Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden der Einsatz von Sicherheitskräften in den Arenen erhöht werden, teilte die UEFA mit. Schon am Sonntag sollten zusätzliche Ordner bei allen Spielen in den Arenen sein, hieß es.

Englische, russische und französische Randalierer beteiligt

Mit den Krawallen rückt auch die Sicherheitslage bei der Weltmeisterschaft in zwei Jahren in den Fokus. „Was hat die WM 2018 damit zu tun?“, fragte jedoch Russlands Sportminister Witali Mutko im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP.

An den gewalttätigen Auseinandersetzungen vor dem Spiel rund um den alten Hafen von Marseille waren neben englischen und russischen auch französische Randalierer beteiligt gewesen. Sechs Krawallmacher wurden festgenommen. Drei Polizisten wurden bei den Einsätzen leicht verletzt, wie der Polizeipräfekt von Marseille, Laurent Nuñez, dem Sender BFMTV sagte. Auch nach der Partie kam es in Marseille zu weiteren Ausschreitungen.

Mark Whittle, Sprecher des englischen Fußball-Verbandes (FA), appellierte in einer nach dem Spiel verlesenen Erklärung an die englischen Fans, ihre Mannschaft respektvoll zu begleiten. „Die FA ist sehr enttäuscht über die Szenen heute. Nun liegt es in den Händen der Behörden“, sagte Whittle.

Krawalle auch in Nizza

Die französische Regionalzeitung „Nice Matin“ berichtete nach Spielschluss in Marseille von Auseinandersetzungen zwischen nordirischen Fans und Einheimischen in Nizza, die von der Polizei beendet wurden. Dabei gab es nach Angaben der französischen Nachrichtenagentur AFP sieben Verletzte.

Bereits am Donnerstag und Freitag war es mehrfach zu Zusammenstößen mit englischen Fans in Marseille gekommen. Die Polizei setzte auch dabei jeweils Tränengas ein.

Randale englischer Fans hatte es in Marseille schon während der Weltmeisterschaft 1998 gegeben. Damals lieferten sich zumeist betrunkene Anhänger der „Three Lions“ über zwei Tage hinweg heftige Auseinandersetzungen mit einheimischen Jugendlichen und tunesischen Fans. Dutzende Menschen wurden verletzt. (dpa/bnb)