Patriotismus

Streit um Schwarz-Rot-Gold: Fahnenjagd und Fake-Vorwürfe

| Lesedauer: 5 Minuten
Lars Wienand
Angeblich 1657 Fähnchen erbeutet: Mit Fotos der Aktion rühmte sich 2010 ein nach einem Fußballer benanntes Kommando und wurde damit auch zum Sieger im Fahnenschnappen gekürt.

Angeblich 1657 Fähnchen erbeutet: Mit Fotos der Aktion rühmte sich 2010 ein nach einem Fußballer benanntes Kommando und wurde damit auch zum Sieger im Fahnenschnappen gekürt.

Foto: FMG

Mit der Fußball-EM weht der Fahrtwind rau für viele Fähnchen. Die Antifa ruft zur Jagd auf, Rechte kochen auf Fahnenhass ihr Süppchen.

Berlin.  Die EM ist da, die Autofähnchen flattern wieder im Fahrtwind – und Streit darum dürfte noch heftiger werden, obwohl und weil ihn viele Menschen gar nicht verstehen. Autonome rufen bereits zum Fahnendiebstahl auf. Antifa-Mitglieder erklären jedes Fähnchen zum Feind, Nationalisten reiben sich die Hände über diese Ausgrenzung. Rechte Gruppen machten mit einem erfundenen Zitat der Grünen-Vorsitzenden Katrin Göring-Eckardt zur deutschen Fahne Stimmung.

Seit Donnerstag löst ein Foto Empörung aus. Zuerst verbreitet hatte es dem Anschein nach eine AfD-nahe Seite auf Facebook. Das Bild bietet aber Empörungspotenzial auch für Menschen, die unpolitisch sind oder mit rechter Gesinnung nichts am Hut haben.

Das Foto ist allerdings nicht neu. Es ist bereits 2010 bei der damaligen WM entstanden und schlug schon damals Wellen. Ein „anti-nationaler Weltfußballverband“ hatte damals den „generellen Wettbewerb des Diebstahls oder Raubes von WM-Fanartikeln jeglicher Art“ ausgerufen – als Zeichen gegen die „nationalen und rassistischen Auswüchse der Fußball-WM“.

„Schnapp die Fahne“ als „Spiel“

Die Diskussion und die Aufrufe gibt es aber auch zur EM. In autonomen Blogs finden sich Varianten des gezeigten „Fahnen-Ersatzflyers“ von 2010 als Kopiervorlage zum Herunterladen. Ende Mai gab es auch einen Aufruf zum „Deutschland Knicken“. Im Portal Indymedia standen die Spielregeln zum „CTF16“, als „Catch the flag“, dem Fahnenschnappen. Für jedes Auto-Fähnchen gibt es einen Punkt, für Flaggen je nach Größe drei bis fünf Punkte. Auch Schals und Mützen werden prämiert. Für Trikots soll es sogar 15 Punkte geben. Im Aufruf heißt es, man solle sich in Teams organisieren und auf Deutschland konzentrieren, für „anderen Nationalscheiß“ gibt es „nur“ einen Punkt. 2010 winkte auch noch im Tausch für 30 Fähnchen ein T-Shirt „Deutschland – Du Opfer“ von einem autonomen Online-Versandhandel.

Die Aufregung um das kriminelle „Spiel“ mit einem Kasten Bier als Hauptpreis dürfte um Welten größer sein als die Beteiligung daran. Die einzige Gefahr für die allermeisten Fahnen ist der Fahrtwind. In Berlin rühmte sich zwar in der Vergangenheit eine Gruppe mit 1657 gestohlenen Fähnchen und für die Riesenfahne eines arabischstämmigen Deutschen wurden Extrapunkte ausgesetzt. Ein Heer von Wimpeldieben hatte es aber nicht gegeben, und auch jetzt blieb Kritik aus den eigenen Reihen nicht aus: „Der antifaschistischen Idee erweist man einen Bärendienst“, heißt es in den Kommentaren. Ein anderer merkt an: „Der politisch unmotivierte Mensch wird Richtung „rechts“gedrängt, wenn ihm „linke“ Aktivisten die Sachen klauen.“

Sorge: Fahnenklau stärk „patriotische Verbohrtheit“

Dieses Risiko sieht selbst der Blog mit der Kopiervorlage für den Belehrungs-Flyer: Der Fahnenklau könne dazu führen, Menschen in ihrer „patriotischen Verbohrtheit“ zu bestärken und anti-linke Ressentiments zu fördern.

Ihre Rechtfertigung suchen solche Aktionen auch in der Wissenschaft. Wilhelm Heitmeyer, früherer Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, kam durch Untersuchungen bei Welt- und Europameisterschaften zum Schluss, dass der Nationalismus während solcher Events in Teilen der Gesellschaft zunimmt. Nationalismus geht mit Abwertung anderer Nationen einher, Patriotismus in der Abgrenzung davon gilt als Liebe des eigenen Landes.

Doch vielfach findet solche Differenzierung nicht statt. Die Band „Alles Scheiße“ erklärt einen neuen Song „Fußball bleibt scheiße“ zur „EM-2016-Hymne“ und unterlegt Bilder fröhlich und friedlich feiernder Fans bei Public Viewings mit Schuldzuweisungen an Brandstifter und Rassisten. Refrain: „Endlich wieder Deutsch sein, Ihr habt’s nicht kapiert“.

Rechte Seite bedienen sich der Empörung

Auch rechte Seiten sind sich der Wirkung solcher Aktionen auf einen Großteil der Bevölkerung bewusst, für den die Fähnchen und Flaggen zu Anlässen wie der EM einfach unbeschwerte Symbole und Partyzubehör sind. Ein Zitat, das der Grünen-Vorsitzendem Katrin Göring-Eckardt offenbar von einem netzbekannter Provokateur angedichtet wurde, hatte Mitte Mai die Stimmung auf Facebook angeheizt. und erlebt jetzt eine Renaissance.

Die Grüne wurde da in einem vermeintlichen Beitrag des ZDF abgebildet mit dem Satz “Wir sollten freiwillig auf das Schwenken der deutschen Flagge verzichten, um die Gefühle nationaler Minderheiten in Deutschland nicht zu verletzen.” Diese Bitte von ihr an deutsche Fußballfans gibt es aber nicht, das Zitat ist frei erfunden. Zuerst hatte das Internetportal mimikama.at darüber berichtet.

Die Diskussionen und die Auftritte von Pegida und Co unter Deutschlandfahnen schlagen sich aber auch in Zerrissenheit vieler Fans nieder. Kein Fähnchen, weil damit die falschen Leute hausieren gehen und die Fahne zur Patriotismus frage erklären? Gerade ein Fähnchen, um das Symbol eines demokratischen Deutschlands nicht Nationalisten zu überlassen? Jetzt erst die Multikulti-Truppe mit Fähnchen anfeuern, die für manche AfD-Politiker keine richtige Nationalmannschaft mehr ist?

„Schland-Watch“ sammelt Bilder

Die Fahnen werden in jedem Fall wieder unter Beobachtung stehen. Und sei es bei „Schland-Watch“, das sich wieder zur Aufgabe macht, echte oder vermeintliche Auswüchse zu dokumentieren.

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