Brexit-Abstimmung

England verstehen – Ein britisch-europäisches Lexikon

Sollten die Briten für den Brexit stimmen, wäre das ein großer Verlust. Ein nicht ganz ernst gemeintes britisch-europäisches Lexikon.

Engländer beim Pferderennen: Europa hat von vilen typisch englischen Gepflogenheiten profitiert.

Engländer beim Pferderennen: Europa hat von vilen typisch englischen Gepflogenheiten profitiert.

Foto: The Picture Library / SilverHub / action press

Brüssel.  Sollten die Briten in zwei Wochen tatsächlich für den Ausstieg aus der EU stimmen, wäre das ein Verlust. Ein nicht ganz ernst gemeintes britisch-europäisches Lexikon.

Agrarpolitik Sie war auf der Insel stets mit dem Zusatz „madness!“ versehen. Ständiger Druck aus London hat dafür gesorgt, dass die EU nur noch knapp 40 Prozent ihres Haushalts auf die „madness“ verwendet.

BSE Rinderwahnsinn. Als im Frühjahr 1996 klar war, dass BSE auf den Menschen überspringt, stoppte die EU den Export britischen Rindfleisches. Vier Millionen Rinder wurden geschlachtet, 180.000 verendeten. Folge: eine schwere Beziehungsstörung zum Kontinent.

Cockfield Lord Francis Arthur Cockfield. Der Ex-Vizepräsident der EU-Kommission war Architekt des Binnenmarkts, dem aus britischer Sicht sinnvollsten Stück EU. Der einzige Mann, der Maggie Thatcher Angst machte.

Dolly Klonschaf. Es wurde 1996 in einem Gentech-Labor in Schottland geboren und nach der Sängerin Dolly Parton benannt. Der Brite zeigte so, dass er ein Herz für Tiere hat, aber offenbar weder ethische noch geschmackliche Skrupel.

Englisch Erfolgreichster Exportartikel des Königreichs. Darf neben Französisch mittlerweile bei Pressekonferenzen der EU-Kommission gesprochen werden.

Financial Times Die einzige wirklich proeuropäische Tageszeitung auf der Insel und die einflussreichste Zeitung in der EU-Hauptstadt Brüssel. Der Rest der britischen Presse fällt in die Kategorie antieuropäische Dreckschleuder.

Handtasche Offensivwaffe von Maggie Thatcher. Mit ihr hämmerte sie auf den Tisch, um die Kollegen einzuschüchtern: „I want my money back!“ Mithilfe der Handtasche handelte Thatcher Rabatte für die Briten aus – im Haushaltsjahr 2014/15 war das immerhin noch 4,6 Milliarden Euro. Großbritannien gehört dennoch zu den zehn „Netto-Zahlern“.

Integration Jahrzehntelang war „die immer engere Union der Völker Europas“ für EU-Staaten das verbindlich Entwicklungsziel. Und den Briten ein Ärgernis. Mit dem EU-Deal vom Februar haben sie es sich vom Hals geschafft – und Integrationsverächtern den Weg gewiesen: Die „ever closer union“ ist nur noch Kann, nicht mehr Muss.

Johnson, Stanley und Boris Vater und Sohn mit gegenläufigem Europa-Komplex. Stanley, Ex-Abteilungsleiter in der EU-Kommission und Verfasser des Thrillers „The Commissioner“, ist für den Verbleib in der EU. Sohn Boris, Londoner Oberbürgermeister ist dagegen. Grund: Die EU sei nach Napoleon und Hitler ein weiterer Versuch, das Römische Reich wiederherzustellen.

Lobbyismus Hauptaktivität in Brüssel. Besonders rege sind die mehr als 140 Interessenvertreter des Finanzplatzes London, die der Kommission und dem Parlament bei Gesetzgebung behilflich sind. Das lässt sich die Branche 34 Millionen im Jahr kosten.

Monty Python Britische Komikertruppe. Deren enormer Erfolg in den 70er-Jahren ermutigte Nachahmungstäter – mit teils verheerenden Folgen. Deutsche Spaßvögel von Didi Hallervorden bis Mario Barth fühlten sich ihrerseits zur öffentlichen Humor-Entblößungen ermutigt. Der Schaden hält bis heute an.

Notbremse Der angebliche Knüller unter den Zugeständnissen, die Premier Cameron der EU abhandelte: Wenn Überforderung droht, können bestimmte Sozialleistungen für EU-Ausländer eingeschränkt werden. Wieviel das spart, traut Cameron sich nicht zu beziffern.

Opt Out Spezialität der britischen Europa-Politik. Mitglied sein, aber gleichzeitig draußen bleiben. Zum ersten Mal praktiziert beim Euro, dann bei der Sozialgesetzgebung und in Bezug auf den grenzfreien Schengen-Raum. Auf dem Kontinent heißt beides „Rosinen-Pickerei“.

Propheten Als 1955 die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) vorbereitet wurde, verließ der britische Beobachter die Konferenz vorzeitig und erklärte den Zurückbleibenden: „Ich verlasse Sie frohen Mutes. Wenn Sie weiter tagen, werden Sie sich nicht einigen. Wenn doch, kommt nichts dabei heraus. Und wenn was rauskommt, wird es ein Desaster.“ Wer weiß, vielleicht bekommt er noch recht.

Security Bereitschaft zum entschlossenen Waffengebrauch in aller Welt. Den etwas schießmüden Partnern auf dem Kontinent gilt diese Haltung als herausragende britische Tugend. „Ein starkes Großbritannien in der EU, das auf Zusammenarbeit mit der Nato drängt, ist ein Riesenvorteil“, lobt Nato-Generalsekretär Stoltenberg.

UKIP Die einzige lustige Euromuffel-Partei. Dass UKIP-Chef Farage dem damaligen Gipfelpräsidenten Van Rompuy „das Charisma eines feuchten Aufnehmers“ bescheinigte, fand selbst Jean-Claude Juncker stiekum spaßig. Einziges Problem: UKIP meint es ernst.

Volksabstimmung Lasst die Bürger über Leave oder Remain entscheiden – der Gedanke gewinnt auch auf der anderen Seite des Ärmelkanals an Boden. Pioniere sind die Briten. Schon 1975 – da war man gerade zwei Jahre drin – wurde das Inselvolk gefragt, ob es in der EG bleiben wolle. Zwei Drittel sagten Ja. Aber damals war auch nur eine Zeitung dagegen, der kommunistische „Morning Star“.

Weltsicherheitsrat Die Briten gehören zur „P 5“, sie haben neben USA, Russland, China und Frankreich einen festen Sitz im exklusivsten Gremium der Vereinten Nationen. Nach dem Brexit hätte die EU nur noch einen. Deutschlands Bemühungen, ständiges Mitglied zu werden, würden dadurch nicht aussichtsreicher.

Zürich Hier hat der frühere Premierminister Winston Churchill im September 1946 der Alten Welt den Weg in die Zukunft gewiesen. Er forderte „eine Art Vereinigte Staaten von Europa“ – ohne Großbritannien. Mit dem Referendum kommen wir der Sache womöglich näher.