Wirbelstürme

Tornado-Gefahr in Deutschland: 13 Fragen und Antworten

Kein Tag vergeht derzeit ohne neue Berichte über Tornados. Wie es dazu kommt und wie verheerend sie auch bei uns sein können.

Ein Tornado am Montag bei Jübek in Schleswig-Holstein. Dort waren zeitweise zwei Schlauchwolken gleichzeitig zu sehen.

Ein Tornado am Montag bei Jübek in Schleswig-Holstein. Dort waren zeitweise zwei Schlauchwolken gleichzeitig zu sehen.

Foto: Freiwillige Feuerwehr Jübek / dpa

Hamburg/Offenbach.  Auch am Mittwoch und Donnerstag kann es in Deutschland wieder zu Tornados kommen. Gefühlt sind die Wirbelstürme bei uns viel häufiger und schlimmer geworden. Was man über Tornados wissen sollte.

1. Sind Tornados bei uns ein neues Phänomen?

Aktuell kommt Experte Thomas Sävert mit dem Registrieren der Wirbelstürme gar nicht mehr nach auf seiner Seite tornadoliste.de: „Aus der Zeit vom 30. Mai bis zum 6. Juni liegen unzählige Meldungen über Tornados und Verdachtsfälle aus diversen Bundesländern vor.“ Doch Tornados gab es schon immer. „Dass jetzt viele denken, es gab sie früher nicht, liegt daran, dass heute jeder ein Handy hat“, erklärte Meteorologe Jörg Kachelmann am Dienstag in einem Livestream. „Es kann kaum noch einen Tornado irgendwo in Deutschland auftreten, ohne dass er nicht ein paar Minuten später irgendwo auf Youtube ist.“ Seit einigen Tagen herrscht eine Wetterlage, die die Entstehung von Tornados ermöglicht. Als der erste gut dokumentierte Tornado in Deutschland gilt ein Wirbelsturm am 9. Mai 2003 in Reutlingen, die Videobilder sorgten damals auch in der Fachwelt für Aufsehen. Es war ein Tornado der Stärke F2 (Erklärung zur Messung der Stärke unter Punkt 8), der über unbewohntes Gebiet zog.

Bekannt ist aber auch, dass am 20. Juni 1920 an einem einzigen Tag zwischen Hamburg und Wolfsburg sieben Tornados nacheinander durchzogen. Mehrere Gewitterwolken hintereinander produzierten jeweils Tornados.

2. Bekommen wir einen Tornado-Sommer?

Eine derartige Prognose ist nicht möglich. „Einen Tornado- oder Unwetter-Sommer vorherzusagen – das ist Humbug“, erläutert Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Genaue Vorhersagen seien nur einige Tage im Voraus möglich. Am Mittwoch kann es in Gewitterzellen erneut zu Tornados kommen. Besonders Baden-Württemberg, Saarland und der westliche Landesteil Bayerns könnten betroffen sein. Ab Freitag heißt es Durchatmen: Wir bekommen eine längere Pause, erwartet Kachelmann.

3. Wie kommt es zu Tornados?

Es ist eine bestimmte Wetterlage nötig: Mächtige Gewitterwolken, sogenannte Superzellen, mit unterschiedlichen Windrichtungen in unterschiedlichen Höhen. Zu erkennen ist die Tornadolage oft anhand eines Doppler-Radars. Regentropfen, die sich zum Radar hin bewegen, sind grün dargestellt, rote Bereiche zeigen Regentropfen, die sich vom Radar wegbewegen. Es gibt also stark gegenläufige Winde. Nach oben steigende warme Luft gerät in eine Spiralbewegung, die Drehbewegungen werden immer schneller. Beim Zug des Tornados kann dann auch ständig feucht-warme Luft nachströmen. Das folgende Dopplerbild stammt vom Tornado in Hamburg. Als der gerade wütete, habe man dort aber keine eindeutigen Signatur gesehen, so Kachelmann.

4. Lassen sich Tornados vorhersagen?

„Es weiß niemand morgens, wo es am Tag einen Tornado geben wird“, erklärt Kachelmann. Es lässt sich aber sagen, wo grob durch die Wetterlage Unwetter entstehen könnten, die auch Wirbelstürme mitbringen könnten. Tornados können auch hundert Kilometer und weiter ziehen. Der heftige Tornado 1968 in Pforzheim hatte sich in Frankreich gebildet, setzte dann fast 40 Kilometer aus, ehe er noch einmal eine 35 Kilometer lange Bahn zog. Insgesamt war der Tornado anderthalb Stunden unterwegs. Ein solcher Tornado macht auch Warnungen möglich. Kachelmann lobt die Stormchaser, die gezielt Ausschau halten und sofort Meldung machen.

5. Was sollte man bei einem Tornado tun?

Schutz suchen. Bei mehrgeschossigen Gebäuden möglichst nach unten gehen, erläuterte Kachelmann. Der Keller sei am sichersten – wer keinen hat, sollte in einen Raum gehen, der möglichst in der Mitte des Hauses liegt. Wer in Tiefgarage oder Keller Schutz sucht, sollte aber sicher sein, dass es keine Überschwemmung gibt. Bei dem Tornado am Dienstag in Hamburg filmte jemand, dessen Wohnung im Tornado lag:

6. Was war der schlimmste Tornado in Deutschland?

1968 wurden bei Pforzheim zwei Menschen getötet und mehr als 400 verletzt. Es wurden mehr als 2000 Häuser beschädigt, und es entstanden Schäden in Höhe von damals enormen 130 Millionen Mark (65 Millionen Euro). Bilder zeigen eine Stadt wie nach einem Krieg, auch die alten Filmaufnahmen sind erschreckend:

Im vergangenen Jahr starb in Bützow ein Mädchen, als dort bei einem Tornado ein Baum auf ein Auto geschleudert wurde. An dem Tag waren mehrere Tornados durch Mecklenburg-Vorpommern gezogen.

7. Was macht Tornados so gefährlich?

In einem Tornado können Windgeschwindigkeiten von 400 Stundenkilometer herrschen. Mit dieser Geschwindigkeit wirbelt der Sturm dann auch durch die Luft, was ihm begegnet. „Je stärker der Tornado, umso mehr Geschosse. Das ist das, was die Menschen umbringt.“ „Ein Zahnstocher mit 300 km/h kann dann tödlich sein“, sagte Kachelmann. „Der geht durch einen Menschen durch.“ Ein Tornado trage Müll mit sich, „und der Müll tötet.“ Kachelmann zeichnet ein drastisches Szenario: Wenn ein Tornado wie 1968 in Pforzheim heute an einem Samstagnachmittag durch Berlin pflüge, an einem Tag, wo alle draußen sitzen an Wannsee und Müggelsee, könne es „Dutzende, wenn nicht Hunderte Tote“ geben, wenn der Tornado nicht länger unterwegs sei und es nicht Warnungen gebe.

8. Wie wird die Stärke eines Tornados gemessen?

Es gibt eine Skala, die Fujita-Skala. Sie unterteilt die Tornados nach Windgeschwindigkeiten – oder nach den Schäden, wenn der Wind nicht gemessen werden kann. Auf der Erde sind bislang Tornados bis F5 registriert worden. Dabei können Geschwindigkeiten von 500 km/h herrschen. Der Tornado im vergangenen Jahr in Bützow war ein F3-Tornado, der Tornado in Pforzheim ein F4.

9. Sind die Tornados Folge des Klimawandels?

Für einzelne Tornados lässt sich das nicht sagen. Der Deutsche Wetterdienst sagt aber inzwischen, dass die Fülle und Heftigkeit der Unwetter in Süddeutschland Folgen des Klimawandels seien. Starkregen werde es in Zukunft häufiger geben, und die Heftigkeit werde noch zunehmen - „die Tendenz zu noch stärkeren Unwettern ist in den Klimamodellen erkennbar“, so DWD-Experte Andreas Friedrich. Klimaforscher sagen seit langem eine Häufung von Extremwetter-Ereignissen als Folge der Erderwärmung voraus. Gibt es häufiger entsprechende Superzellen, kann es auch zu mehr Tornados kommen.

10. Sind bestimmte Jahreszeiten besonders unwetterträchtig?

Vor allem der Mai und Juni bieten nach Angaben der Meteorologen hohes Potenzial. Wegen der starken Sonneneinstrahlung habe sich der Kontinent bereits erwärmt, die feuchte Luft über dem Meer sei aber noch recht kühl. Die Temperaturgegensätze und die Luftfeuchtigkeit lassen Tiefdruckgebiete über Mitteleuropa entstehen und begünstigen die Entstehung von Wirbelstürmen. Tornados können aber auch schon früher auftreten – der erste in diesem Jahr wurde am 28. März in Ostwestfalen registriert.

11. Sind Tornados und Windhosen das gleiche?

Windhosen sind nur ein anderes Wort für Tornados. In der Meteorologie werde aber das Wort „Windhose“ nicht so gerne genutzt, sagt Jörg Kachelmann. „Das suggeriert, dass unsere Tornados schnuckeliger sind“.

12. Bedeutet jeder Wolkenschlauch einen Tornado?

Die Wolkenschläuche oder Funnel Clouds treten sehr viel häufiger auf als Tornados, nicht jede dieser Funnel Clouds ist also ein Vorzeichen eines Tornados. Schaden richten sie nicht an. Von Tornados wird erst gesprochen, wenn sich der Wolkenschlauch bis zur Erdoberfläche zieht – und dann dort auch erheblich Schäden anrichten kann. Viele Verdachtsfälle bestätigen sich nicht, weil es am Boden keine Spuren gibt. Ein Tornado tritt nur auf, wenn sich die Funnel Cloud wirklich bis zum Boden zieht.

13. Ist jeder Wirbelsturm am Boden ein Tornado?

Über die Erdoberfläche können Windschläuche ziehen, die wie an einen Tornado erinnern, sich aber nur am Boden abspielen. Im Gegensatz zu Tornados, die als Großtromben bezeichnet werden, sind sie Kleintromben. Deutlich anschaulicher sind Namen wie Staub-, Heu- oder oder Schneeteufel. Ein solches Phänomen bei einem Musikfestival erregte 2015 international Aufsehen.

Allerdings können auch Staubteufel mit Windgeschwindigkeiten von 100 Stundenkilometern einige Schäden anrichten und lebensgefährlich werden. (mit dpa)