Ernährung

Alte Obst- und Gemüsesorten feiern eine Renaissance

Alte Obst- und Gemüsesorten werden in Deutschland wieder beliebter. Sie bieten eine Vielfalt, die der Massenmarkt nicht im Angebot hat.

Foto: imago/Margit Brettmann / IMAGO

Berlin.  Es sind merkwürdige Namen, die sich einen Platz im Supermarktregal und an Marktständen erobert haben: Emmer, Kleiner Spelz, Bamberger Hörnchen. Alte, fast vergessene Getreide-, Gemüse- und Obstsorten. Aufstrich aus Pastinake und Müsli mit Urkorn – man könnte die Rückbesinnung auf das Alte für eine kurzzeitige Mode der Großstadt halten.

„Nein, das glaube ich nicht“, sagt jedoch Susanne Gura vom Ven, dem Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt. „Vor zwanzig Jahren waren wir noch die verrückten Spinner. Heute wollen viele selbst alte Sorten anbauen, selbst Samen ernten und mehr über die Erhaltung alter Sorten wissen“, sagt Gura. Auch Christian Rehmer vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) beobachtet ein Umdenken bei Produzenten wie auch Konsumenten: „Die Menschen legen mehr Wert auf Genuss und haben ein stärkeres Umweltbewusstsein“, sagt der Leiter der Agrarpolitik.

„Das ist jahrhundertealtes Kulturgut“

Wann genau man von einer alten Sorte spricht, ist nicht genau definiert. Beim Baumobst gelte: Wenn es seit mindestens 100 Jahren bekannt oder beschrieben ist, ist es alt, sagt Monika Höfer, die am vom Bund finanzierten Julius Kühn-Institut (JKI) für die Erhaltung der alten Sorten verantwortlich ist. Dem Ven geht es eher um seltene Sorten, wobei das eine mit dem anderen oft einhergeht.

Der Verein gründete sich aus der Idee heraus, diese seltenen Sorten mit all ihren individuellen Überlebensstrategien, die diese über die lange Zeit entwickeln konnten, zu erhalten. „Das ist jahrhundertealtes Kulturgut“, sagt Gura. Bereits in den 70er-Jahren wies die UN darauf hin, dass weltweit drei Viertel aller Sorten verschwunden seien. Verloren ging die Vielfalt zugunsten einiger weniger Hochleistungssorten. Durch gezielte Züchtung vereinte man in ihnen Eigenschaften für die perfekte Vermarktung gleichmäßiges Aussehen und gleichzeitige Erntereife, eine gute Lager- und Transportfähigkeit, schnelles Wachstum und hohe Erträge. „Das sind die Stärken der modernen Sorten. Das macht sie aber gleichzeitig auch einheitlicher“, sagt Monika Höfer. „In den letzten Jahren erinnert sich der Verbraucher aber wieder an die Geschmäcker seiner Kindheit.“ Diese Geschmäcker seien durch die auf Ertrag ausgerichtete Züchtung verloren gegangen, sagt Susanne Gura. Sowohl in ihrer Vielfalt als auch der Intensität. Beispiel Tomaten: Die Sorten, die im Supermarkt liegen, sollen gleichmäßig rot sein. Doch Forscher veröffentlichten 2012 im Fachblatt „Science“ eine Studie, wonach sich das makellose Aussehen der Tomate negativ auf den Geschmack auswirkt. Sie sei weniger süß.

Alte Sorten können reicher an Nährstoffen sein

Die Forscher fanden außerdem heraus, dass weniger Carotinoide in diesen Tomaten steckten, sekundäre Pflanzenstoffe, die antioxidativ wirken und denen die Vorbeugung bestimmter Krebsarten nachgesagt wird. Auch andere Untersuchungen zeigen, alte Sorten können reicher an Nährstoffen sein als ihre modernen Abkömmlinge. So fanden Forscher Hinweise, dass historische Salatsorten einen vergleichsweise hohen Phenolgehalt aufwiesen. Polyphenole wirken zum Beispiel gegen zellschädigende freie Radikale. Und die Universität Hohnheim, die sich das Urgetreide Einkorn näher betrachtete, kam zu dem Schluss, dass der Anteil an Lutein bis zu zehnmal höher sei als im verbreiteten Weichweizen. Lutein kann zum Beispiel ältere Menschen vor einer bestimmten Form der Erblindung schützen.

Doch Sorten wie Einkorn sind für Großbetriebe uninteressant: nicht ertragreich genug. Obwohl das Urgetreide robuster ist als sein moderner Abkömmling und nicht mit Pestiziden behandelt werden muss. „Die alten Sorten sind in der Lage, auf ihre Umwelt zu reagieren weil sie es über eine sehr lange Zeit gelernt haben“, erklärt Susanne Gura. Auch im Hinblick auf ein sich änderndes Klima sei das von sehr großer Bedeutung, bestätigt auch Christian Rehmer. Er glaubt, private Gärtner können von den widerstandsfähigen Sorten profitieren. „Baut man verschiedene alte Sorten an, hat man eine Risikostreuung für Ausfälle.“ Jede Sorte reagiere anders, etwa auf zu viel oder zu wenig Regen und Sonne oder Pilze. Denn früher musste man dafür Sorge tragen, dass so lange wie möglich im Jahr geerntet werden konnte. Vielfalt sicherte die Ernährung.