Nachruf

Herr der Ringe - Wie Muhammad Ali zu "The Greatest" wurde

Mit Charisma und Überzeugungskraft, mit religiöser und politischer Geradlinigkeit durchbrach Muhammad Ali unzählige Widerstände.

Ewiger Champion: Muhammad Ali

Ewiger Champion: Muhammad Ali

Foto: Jan Woitas / dpa

Berlin.  „Ali, bomaye!“ hallte es aus etwa hunderttausend Kehlen. „Ali, töte ihn!“ Kein besonders mitfühlender Schlachtruf, an sich wirklich nichts, was man im Sport hören möchte. Aber es war ja nicht wörtlich gemeint, was die Zuschauer in Kinshasa 1974 da brüllten. Doch dieser Ruf hatte etwas Magisches, wegen der bedingungslosen Unterstützung für einen Mann, im Zweikampf gegen einen anderen. Einen Mann, der aus Amerika gekommen war, um in Afrika in einen Boxring zu steigen.

Kein Duell in dieser Sportart faszinierte die Welt je mehr als dieses am 30. Oktober 1974 im Zaire. Als „Rumble in the Jungle“ ging es in die Annalen ein. Der Kampf wurde zu einem der größten Triumphe für Muhammad Ali. Neben dem Sportlichen zeigte sich dort einmal mehr, welche Wirkung dieser Athlet entfalten konnte. Während sich Gegner George Foreman abschottete vor dem Fight, suchte Ali den Kontakt zur Bevölkerung. Wann immer es ging. Ali zog die Menschen auf seine Seite, in seinen Bann. Zeit seines Lebens begeisterte dieser Boxer sein Publikum wie kein anderer. Er war der Größte, und so empfand er es ganz ungeniert auch selbst. „I am the greatest“, lautet einer seiner berühmtesten Sätze. Muhammad Ali war der Herr der Ringe.

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Ein Mann mit vielen Facetten und jeder Menge Charisma

Ali erzählte viel in seiner Karriere, seine Worte sind Teil des Mythos. Sie bilden eine von vielen Facetten, die diesen Mann ausmachten. Da war der geniale Sportler auf der einen Seite, der beste Boxer aller Zeiten. Da war ebenso der Entertainer, der Mann für die Show, das Großmaul, das provozierte. Da war der engagierte Bürgerrechtler, der sich mit gesellschaftspolitischen Themen befasste, sich gegen Ungerechtigkeit wehrte. Und da war der Mann, der trotz Krankheit nie aufhörte, für seine Ideale einzutreten. Alles zusammen ließ Ali zu einer der angesehensten Persönlichkeiten der Welt werden.

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Der Sport bot Muhammad Ali die beste Bühne, um sein Charisma auszuleben. Dabei war es der Zufall, der ihn auf diesen Weg führte. Mit zwölf Jahren wurde ihm sein Fahrrad entwendet, auf der Suche nach dem Dieb, den er vermöbeln wollte, stolperte er in eine Box-Trainingshalle, in der ihm ein Polizist den Rat gab, erst einmal kämpfen zu lernen, bevor er sich mit jemandem anlegt. Cassius Marcellus Clay, wie er damals noch hieß, hielt sich daran.

Der Junge, Sohn eines gleichnamigen Plakatmalers aus Louisville/Kentucky, trainierte fleißig, sein Talent brachte ihm in 108 Amateurkämpfen 100 Siege ein. Den letzten davon bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom. Im Finale schlug er den Polen Zbigniew Pietrzykowski und wurde Olympiasieger im Halbschwergewicht. Es war das erste Achtungszeichen, danach wechselte er zu den Profis.

Pfeilschnelle Aktionen, grandiose Technik

Langsam entwickelte sich der junge Clay nun zu mehr als einem einfachen Boxer. Er verspürte den Drang nach Selbstbestimmung, nach Freiheit – vor allem danach, diese Freiheit auf seine Weise auszudrücken. Kompromisse gab es für ihn nicht. Deutlich machte er das nach dem ersten Gewinn des Weltmeistertitels im Schwergewicht.

Es war einer dieser Kämpfe, die aus der Erinnerung nicht mehr zu verdrängen sind. Clay gegen Sonny Liston im Februar 1964 in Miami Beach. Eigentlich will Clay sich schon die Handschuhe aufschneiden lassen, weil er nichts mehr sieht. Liston hatte wohl etwas auf seine Handschuhe geschmiert, um Clay zu behindern. Doch der Trainer weigert sich, Clay boxt weiter und entnervt Liston mit seinen pfeilschnellen Aktionen, mit seiner grandiosen Technik. Nach der sechsten Runde bleibt Liston einfach in seiner Ecke sitzen. „Ich bin der König der Welt! Ich habe die Welt erschüttert“, sagte Clay danach.

Nur noch zwei Tage hieß er so. „Cassius Clay ist ein Sklavenname. Ich habe ihn nicht gewählt, und ich will ihn nicht. Ich bin Muhammad Ali, der Name eines Freien“, erklärte er. Clay konvertierte zum Islam. Seine langjährige Nähe zu den Black Muslims, einer recht merkwürdigen, sektenartigen Vereinigung, wurde oft kritisch beäugt. Über viele Jahre hing die radikale Organisation finanziell an dem großen Champion, er war deren Haupteinnahmequelle. Mutmaßlich wirkte sich das auf sein Leben aus. Die Black Muslims, so heißt es, könnten ein bedeutender Faktor gewesen sein dafür, dass Ali am Ende seiner Karriere noch Kämpfe bestritt, zu denen er besser nicht mehr angetreten wäre. Die vermutlich einen nicht geringen Anteil daran haben, dass er später an Parkinson erkrankte.

Doch Ali war eben ein Kassenmagnet. Weil er einmalig boxte. Er war kein Puncher, keiner, der einen sofort mit einem Schlag umhaute wie George Foreman oder Joe Frazier. Ali zermürbte seine Gegner, legte sie sich solange zurecht, bis er dann zuschlug. Mit seinem „Phantom Punch“. Unnachahmlich tänzelte er durch den Ring, leicht wie eine Feder. Immer wieder schlich er sich dabei an seinen Gegner heran, schlug mit grandiosen Reflexen blitzschnell zu und verschwand danach. „Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene“, umschrieb er seinen Stil. Meist war er damit für seine Gegner schlicht nicht greifbar. Ali kämpfte im Schwergewicht, sein Boxen aber wirkte schwerelos. Ein Ästhet im Ring.

„Ist das alles, was du hast, George?"

Für Foreman, diesen Bullen von einem Mann, blieb Ali stehen. Beim „Rumble in the Jungle“ ließ sich Ali in die Seile drängen. Foreman deckte ihn mit Schlägen ein. Genau wie Ali es geplant hatte, der Gegner sollte sich austoben. Foreman war lange Kämpfe nicht gewohnt, und als ihn vom wilden Schlagen langsam die Kraft verließ, setzte Ali seine Kombinationen. „Ist das alles, was du hast, George?, fragte Ali nach Foremans härtesten Treffern. In der achten Runde ging Foreman, der Favorit, zu Boden. Als erst zweitem Boxer überhaupt gelang es Ali, zum zweiten Mal den Weltmeistertitel zu gewinnen.

Dass er ihn überhaupt verlor, lag an seiner Überzeugung. Eigentlich war Ali für den Wehrdienst als untauglich eingestuft worden. Wegen des Vietnamkrieges passte die US-Armee die Vorschriften an, Ali sollte 1967 nun doch eingezogen werden. Ihm hätte der Vietnam-Einsatz gedroht. Doch er verweigerte den Kriegsdienst. „Kein Vietcong hat mich jemals Nigger genannt“, sagte Ali. Zunächst wurde ihm die Boxlizenz entzogen, es folgte die Verurteilung zu fünf Jahren Haft. Nur gegen Kaution blieb er auf freiem Fuß. Boxen durfte er drei Jahre nicht.

Großmaul und Provokateur im Ring, das war Teil der Show

Für Menschenrechte zu kämpfen, gegen die Rassendiskriminierung in den USA einzutreten, waren wichtige Dinge in Alis Leben. „Er verzichtete auf Ruhm, Millionen von Dollars, um für das einzustehen, was sein Bewusstsein ihm rät“, sagte damals der US-Bürgerrechter Martin Luther King. Mit seinen Worten und Taten wuchs Ali zum Idol des schwarzen Amerikas. Als Sportler hatte es für ihn ebenso großen Stellenwert, seine Statements abzugeben. Das war Teil der Show, eine Art, seine Kämpfe zu führen. Mit psychologischen Tricks. Er sagte voraus, in welcher Runde er Gegner auf die Bretter schicken würde. Seine Kommentare rutschten auch mal unter die Gürtellinie. Reines Marketing. Er war vorlaut, ein Marktschreier. „Es ist schwer, bescheiden zu sein, wenn man so großartig ist wie ich“, sagte er. Schon mit seinen Worten machte er den Gegnern Angst.

Nicht immer gingen die Vorhersagen auf. Der „Thrilla in Manila“ am 1. Oktober 1975 auf den Philippinen wurde zu einem der brutalsten Kämpfe für Ali. Gegen Frazier endete ein wüstes Prügeln erst nach 14 Runden, weil Fraziers Trainer das Handtuch warf. Es sah so aus, als könnten beide im Ring sterben. 440 Treffer kassierte Ali, die meisten an den Kopf. Noch zehn Mal stieg er danach in den Ring, ohne je wieder dieses Leistungsvermögen zu erreichen.

Trotzdem holte er nach einer Niederlage gegen Leon Spinks im Rückkampf 1978 zum dritten Mal den WM-Titel. In den letzten Kämpfen allerdings gab er eine traurige Figur ab. Er stand länger im Ring, als sein Körper es verkraften konnte. Gegen den Rat der Ärzte absolvierte er nach seinem Rücktritt 1979 noch zwei Kämpfe. Drei Jahre nach dem letzten Duell 1981 wird Parkinson bei Muhammad Ali diagnostiziert.

Vom IOC 1999 zum Sportler des Jahrhunderts gewählt

Auch mit der Krankheit setzte sich Ali weiter für Gleichberechtigung ein und blieb seinen Idealen treu. Charisma und Überzeugungskraft bestimmten seine Auftritte. Im Jahr 1999 kürte ihn das Internationale Olympische Komitee zum Sportler des Jahrhunderts. In den vergangenen Jahren wurde es sehr ruhig um Ali, der 1996 bei den Spielen in Atlanta das olympische Feuer entzündete. Die Krankheit hatte ihn über Jahre gezeichnet, zuletzt saß er zumeist im Rollstuhl und konnte kaum reden. Muhammad Ali wurde 74 Jahre alt, er starb Freitgnacht in einem Krankenhaus Phoenix. „Die Menschen begreifen nicht, was sie hatten, bis es weg ist. Wie Präsident Kennedy, es gab niemanden wie ihn. Wie die Beatles, es wird nie wieder etwas wie sie geben. Wie mein Elvis Presley. Ich war der Elvis des Boxens“, sagte er einst. Er war der Größte.