Liebesdrama

Eine Liebe mit Hindernissen: Romeo und Julia aus Afghanistan

Zakia und Ali dürfen sich nicht lieben – wenn es nach dem Willen ihrer Familien geht. Die beiden kämpfen und bangen täglich ums Leben.

Kabul.  Wofür lohnt sich eine Flucht mehr als für die Liebe? Nur um zusammen zu sein, wanderten Zakia (20) und Ali Muhammad (22) aus Afghanistan in zerschlissenen Schuhen über das Felsgeröll des Hindukusch und fürchten jeden Tag erneut um ihr Leben. Die beiden heirateten vor zwei Jahren heimlich gegen den Willen vor allem ihrer Familie und schweben seitdem in Lebensgefahr. Was bei William Shakespeare das italienische Liebespaar Romeo und Julia war, sind in Afghanistan seit zwei Jahren Zakia und Ali. Bis in die USA und Europa ist das junge Ehepaar, das aus zwei einfachen Familien stammt, inzwischen bekannt – und das ist vielleicht auch der Grund dafür, warum sie noch am Leben sind.

„Machen Sie mit der Geschichte, was Sie wollen. Nur vervielfältigen Sie diese. Je mehr Menschen davon wissen, desto besser für die Sicherheit von Zakia und Ali“, sagt der „New York Times“-Korrespondent Rod Nordland (56) dieser Redaktion. Der Pulitzer-Preisträger schrieb die Geschichte der beiden in seinem Bestseller „The Lovers“ (Ullstein, 368 Seiten) auf.

„The Lovers“ – der Titel mutet in Afghanistan wie eine Provokation an. In der dortigen Gesellschaft gilt die Hochzeit als Familiengeschäft, und Liebesheiraten sind eine Seltenheit. Zwar hatte die ehemalige Regierung von Präsident Hamid Karzai im Jahre 2009 das internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau (CEDAW) unterzeichnet, in der Realität bleibt das Land nach einem Bericht der UN neben Ostkongo und Indien für Frauen jedoch eines der gefährlichsten der Welt. Laut einer Studie der Hilfsorganisation Oxfam sind 87 Prozent der Afghaninnen schon Opfer von Gewalt in der Familie geworden.

Zwei Liebende beschließen gegen alle Regeln die Flucht

Ali und Zakia verlieben sich im April 2014, damals sind sie 20 und 18 Jahre alt. Sie sind Kinder armer Bauernfamilien und arbeiten beide auf einem Kartoffelfeld nahe ihrem Heimatdorf Damian, tauschen Blicke, dürfen offiziell nicht miteinander sprechen. Ohne dass es die anderen Arbeiter mitbekommen, tauschen sie Zettel. Später treffen sie sich heimlich und beschließen ihre Flucht und Hochzeit. Zuvor hat Ali bei Zakias Vater um ihre Hand angehalten. Vergeblich, denn seine Familie gehört der verfolgten Minderheit der Hazara an und sie ist schiitische Muslima.

Und so wagen sie das Unmögliche. Entscheiden sich für ihre Liebe und gegen die Regeln ihrer Stämme. Zaika und Ali sind nicht revolutionär, sie sind romantisch. Zwei, die nicht verstehen können, dass ihre Liebe ein Verbrechen sein soll. Eine Nacht später flieht das Paar. In der Dunkelheit der Berge werden sie von einem Mullah getraut. Danach flüchten sie weiter nach Kabul, dann in das Nachbarland Tadschikistan. Als einfache Leute aus Afghanistan fallen sie in der Hauptstadt Duschanbe sofort auf, werden geschlagen und ausgeraubt.

Zakia ist da bereits schwanger. Und die Schwangerschaft ist kompliziert. Ali beschließt, seine Frau zu seinen Eltern in sein Heimatdorf zurückzubringen. Dort bringt sie Ruqia, ihre Tochter, zur Welt. Heute ist Ruqia ein Jahr alt, und die kleine Familie lebt noch immer in Damian. Nur einen halben Kilometer von Zakias Familie entfernt, die weiter nach ihrem Leben trachtet. Ali verlässt das Haus für die Feldarbeit nur mit einer Pistole im Gürtel, Zakia geht aus Sicherheitsgründen gar nicht raus.

Tochter in Gesellschaft Eigentum des Vaters

„Momentan sind sie sicher“, sagt Autor Nordland. Doch es sei eine Frage der Zeit, bis Zakias Familie versuchen werde, ihre Tochter und Schwester zu ermorden. „Die Tochter ist in der afghanischen Gesellschaft Eigentum des Vaters,“ erklärt er. Durch ihre Heirat und Flucht habe Zakia ihren eigenen Vater um viel Geld gebracht und eine schwere Straftat begangen. Eine Straftat, die nach Sittenrecht nicht selten mit dem Mord an der Frau durch ihre Angehörige endet – oder schlimmer durch ihren Selbstmord.

Nach der jüngsten Statistik wurden für das Jahr 2014 bei Frauen 4466 Selbstmordversuche durch Gifteinnahme und 2301 durch Selbstanzünden erfasst. „Am besten wäre es für die beiden, das Land zu verlassen“, erklärt die Frauenrechtlerin ihrer Provinz, Aziza Ahmadi.