Stadion-Tour

Udo Lindenbergs total verrockte Lebensreise auf Schalke

Die Udonauten-Gemeinde feiert in Gelsenkirchen den Jung-Siebziger Udo Lindenberg. Jubelorkan nach Duett mit Marius Müller-Westernhagen.

Gelsenkirchen.  Es wurde dann doch noch ein richtiges Geburtstagskonzert mit Udo auf Schalke: An einer fast ausverkauften Arena zogen Lindenbergs sieben pralle Lebensjahrzehnte mit Schwarzweißbildern, Polaroid-Schnappschüssen und Hymnen aus der Bunten Republik vorüber. Glasklarer Sound (vielleicht nicht lauter als AC/DC, aber kein Watt leiser) und eine gigantische Bühne mit Hochseedampfer-Anmutung.

Udo in der Kapitänsjacke überm strassglitzerndem Nietengürtel schwebt mit der Rettungskapsel einmal quer durch die Arena und stimmt die gute alte „Odyssee“ von 1983 an, gefolgt von saftig rockenden „Einer muss den Job ja machen“, ein eher untypischer Song vom neuen „Stärker als die Zeit“-Album, das innerhalb von 100 Stunden Platin-Status hatte – Udos drittes Nr. 1-Album.

Mal sentimental, mal rockig

Udo beherrscht meisterhaft den Wechsel zwischen sentimentalen Stimmungen („Ich lieb Dich überhaupt nicht mehr“) und coolem Abrocken, zwischen Protestsongs gegen Rüstungswahn („Wozu sind Kriege da?“), Neonazis oder herrlichem Blödelkram wie „Coole Socke“, bei dem plötzlich gigantische grüne Füße auf der Bühne stehen.

Zu „Gerhard Gösebrecht“ schwebt ein blinkendes Ufo durch die Halle, um zur „Honky Tonky Show“ wieder abzuzischen. Die Riesenleinwand sorgt dafür, dass vom amtierenden deutschen Nuschelkönig Udo auch ganz hinten in der Halle mehr zu sehen ist als ein Lindenzwerg. Zwischendurch singt Udo ein Medley als Werbung fürs Udo-Musical, das ja bald in Hamburg ankert, dann packt er das ganz große Bigband-Besteck mit Turbo-Bläsern und rattenscharfem Schubiduhh-Chor aus („Das kann man ja auch mal so sehn“). So sind rock’n’diekatz zwei Stunden ‘rum – und es kommt dir vor wie eine Halbzeit, die Show ist nämlich längst nicht zu Ende.

Auch Doldinger Müller-Westernhagen sind dabei

Gäste geben sich die Garderobenklinke in die Hand, Klaus Doldinger („Mein Meister und Freund“) steuert ein extragrooviges Saxofonsolo bei und stimmt kurz die „Tatort“-Melodie an, deren erste Fassung Udo noch als Drummer mitgespielt hat. Daniel Witz darf als Clueso-Vertreter „Cello“ mitsingen („und heute wohnst du auf Schalke und dein Cello steht im Keller“) und Adel Tawil rappt die Halle mal so richtig schwindelig. Allerdings nicht ganz so knackig wie Udos alter WG-Genosse in Hamburg, Marius Müller-Westernhagen: Das „Sexy“-Duett brachte die Arena restlos auf die Beine. Jubelorkan. Auch Otto durfte nicht fehlen – „Erst aufm Heimweg wirds hell“ (Highway To Hell).

Udo erinnert an die vielen, die viel zu früh gehen mussten, „David Bowie, Lemmy, Lou Reed, Prince“ – höchste Zeit, seinem Körper ein Dankeschön zu sagen. Und 70 „ist ja eh eine Zahl von der Firma Scheißegal“. Udo erinnert sich an ganzganz früher („Gronau – heute ne geile Stadt, ey da ist ja Sonja, die Bürgermeisterin, hey Sonja!“) und ganz früher („Ich hab in Düsseldorf im Breidenbacher Hof die große Welt kennengelernt – und bei Tante Olga in Rotlicht-Ruhrort die Unterwelt“). Die Udonauten-Gemeinde feiert. Ein Abend für die Geschichtsbücher, nicht nur von Schalke. Wenigstens für einen Abend war hier mal der Meister zu Hause.

Dieser Artikel erschien zuerst auf derwesten.de