Eurovision Song Contest

So rätseln Beteiligte über Jamie-Lees Misserfolg beim ESC

| Lesedauer: 5 Minuten
Caroline Rosales
Jamie-Lee beim Finale des ESC: Mit ihrem Song „Ghost“ landete sie auf dem letzten Platz.

Jamie-Lee beim Finale des ESC: Mit ihrem Song „Ghost“ landete sie auf dem letzten Platz.

Foto: dpa Picture-Alliance / Britta Pedersen / picture alliance / dpa

Mal wieder Letzter – das ist die traurige deutsche Bilanz beim ESC. Senderchefs und Kritiker rätseln über die Gründe des Misserfolgs.

Berlin.  Wer viel schwarzen Humor hat, konnte in der Nacht zu Sonntag mit Komiker Oliver Kalkofe (50) lachen. „Mit Mut und Power den letzten Platz verteidigt und gewonnen“, twitterte dieser ganz böse. Bei den ARD-Verantwortlichen dürften die Mundwinkel jedenfalls unten bleiben. Zum zweiten Mal in Folge landete Deutschland als einer der Hauptsponsoren des Eurovision Song Contests mit Jamie-Lee Kriewitz’ (18) Lied „Ghost“ auf dem letzten Platz. Ihr Mentor, Smudo (48) von den Fantastischen Vier, sprach sogar von einem „Skandal“. Jetzt rätseln Senderchefs und Kritiker über die Gründe.

„Es ist für Jamie-Lee natürlich auch ungerecht – sie hat eine sehr gute Performance abgeliefert“, sagte Kulturwissenschaftler und ESC-Experte Irving Wolther zu dem erneuten ESC-Debakel. „Aber es reicht eben nicht, wenn der Song nicht stark genug ist.“ ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber (54) findet zwar warme Worte für die Siegerin der Castingshow „The Voice“, sie habe „super gesungen“. Zugleich übt er Manöverkritik am hauseigenen Auswahlverfahren. Denn Kriewitz habe mehr das junge Publikum angesprochen. Das zeigen auch die deutschen Fernsehquoten: Vor allem Jüngere schalteten beim Finale ein, bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren liegt der Marktanteil bei 46 Prozent. Eine deutsche Castingshow-Siegerin kommt aber wohl nicht automatisch in ganz Europa an.

Mentor Smudo fassungslos

Kriewitz’ Mentor Smudo hingegen ist nach der Niederlage seiner Gesangsschülerin fassungslos. „Ich halte es für einen Skandal, dass man mit so einer Nummer und Künstlerin kaum Punkte bekommt und andererseits einige unbedeutende Beiträge so weit vorn lagen“, sagte der Musiker und „The Voice“-Coach im Gespräch mit „Focus Online“. Eine Theorie für das schlechte Abschneiden seines Schützlings will er bewusst nicht aufstellen.

Eine mögliche Erklärung: Zum zweiten Mal schickte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) nur seine zweite Wahl ins Rennen. 2015 hatten die Zuschauer beim Vorentscheid den Rocksänger Andreas Kümmert gewählt. Der verzichtete aber überraschend. Ann Sophie rückte auf und holte in Wien null Punkte – das schlechteste Ergebnis seit Jahrzehnten. Um noch eine Nullnummer zu vermeiden, wollte der NDR Xavier Naidoo ohne Vorentscheid ins Rennen schicken, zog den Plan aber nach Protesten zurück und ließ doch wieder das Publikum entscheiden. Die Bilanz: gerade einmal elf Punkte mehr.

Russland erwägt ESC-Boykott nach dem Sieg der Ukraine

Aber warum nur hat Europa für Deutschland musikalisch so wenig Sympathie zu verschenken? In den sozialen Netzwerken kursiert mittlerweile die These, man habe Deutschland für die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel abstrafen wollen. ESC-Urgestein Ralph Siegel glaubt nicht daran: Bei der Publikumswertung hätte „die wohlgemeinte, wenn auch schwierige Flüchtlingspolitik“ eher helfen können. Für „Quatsch“ hält die These auch ESC-Kommentator Peter Urban (68). „Eventuell hatte es aber politische Gründe, dass die russische Jury der Ukraine keine Punkte gegeben hat“, sagte er.

Tatsächlich hagelte es nach dem Sieg der Ukrainerin Jamala (32) wütende Bemerkungen von russischer Seite. Dass die Krimtatarin mit ihrem melancholischen Lied Russland den Sieg beim Eurovision Song Contest entreißen konnte, sorgte in Moskau für Missstimmung. Senator Franz Klinzewitsch sprach von einem „Sieg der Politik über die Kunst“.

Russland sieht das Lied „1944“ über die Vertreibung der Krimtataren unter Sowjetdiktator Josef Stalin als politischen Song und damit als Verstoß gegen die Regeln des Wettbewerbs. Klinzewitsch brachte sogar einen Boykott Russlands beim von der Ukraine ausgetragenen nächsten ESC-Finale ins Gespräch. Sängerin Jamala äußerte sich nicht direkt zum Politikum, erklärte nur bei der Pressekonferenz nach ihrem Sieg: „Ich wusste, dass es die Menschen berühren kann, wenn man über etwas Wahres singt.“

Publikum interessiert politischer Streit nicht

Die prowestliche Führung in Kiew feiert den Erfolg dagegen eindeutig als Triumph über Moskau. Als einer der ersten gratulierte Präsident Petro Poroschenko. „Die ganze Ukraine dankt dir von Herzen, Jamala!“, twitterte der Staatschef. Außenminister Pawel Klimkin lieferte neben Glückwünschen auch noch eine politische Ansage: „Die Wahrheit gewinnt immer, wie Jamala und die Ukraine heute Nacht. Und nicht vergessen, die Krim gehört zur Ukraine.“ In den Ländern selbst sah man den politischen Streit übrigens gelassen. Zehn Punkte gab das russische Publikum an die Ukraine, die Ukraine an Russland sogar zwölf.

Derweil ist die deutsche Kandidatin Jamie-Lee Kriewitz wieder zu Hause in ihrem Heimatort Bennigsen bei Hannover angekommen. Ihre Niederlage nimmt sie anscheinend gelassen. Über Facebook lässt sie ihre Fans wissen: „Nächstes Jahr wird Deutschland einen besseren Platz belegen, da bin ich mir sicher.“ Die nächsten Tage müsse sie jetzt stark sein. Der Kartenvorverkauf für ihre Deutschlandtour ist übrigens gestartet, lässt das Label der Künstlerin ausrichten.

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