Urteil

Kind drei Wochen lang allein gelassen – Bewährungsstrafe

Weil sie auf Partys war, ließ eine Mutter ihren vierjährigen Sohn wochenlang allein. Die Staatsanwaltschaft sieht versuchten Totschlag.

Das Landgericht Flensburg hat eine Mutter zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil sie ihren kleinen Sohn mehrere Wochen allein gelassen hatte.

Das Landgericht Flensburg hat eine Mutter zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil sie ihren kleinen Sohn mehrere Wochen allein gelassen hatte.

Foto: David Ebener / dpa

Flensburg.  Drei Wochen lang ließ eine Mutter ihren vierjährigen Sohn verwahrlosen und ist dafür nun zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Das Landgericht Flensburg sah es am Mittwoch als erwiesen an, dass die heute 38-Jährige im August 2012 zu einer Party aufgebrochen war und von dort aus nicht zu dem eingesperrten Jungen zurückkehrte. Die Frau habe sich des versuchten Totschlags sowie der Misshandlung von Schutzbefohlenen schuldig gemacht, sagte der Vorsitzende Richter.

Während der Junge eingesperrt war, trank und aß er das, was er in der Flensburger Wohnung fand. Da er den Gürtel seiner Hose nicht öffnen konnte, kotete er sich ein. Die Beine entzündeten sich. „Auch für uns ist es schwer nachvollziehbar, wie eine Mutter ihr Kind alleine lassen konnte“, sagte der Richter über die Wochen im Spätsommer, in denen die Arbeitslose die Kontrolle verlor.

In den drei Wochen Alkohol und Rauschgift konsumiert

In Flensburg war damals Hafenfest. Die im ländlichen Dithmarschen aufgewachsene Frau brach zu einer Geburtstagsfeier auf. In einer Kneipe lernte sie einen Mann kennen. Nach der Party vergnügten sie sich in seiner Wohnung. Kokain, Speed, Alkohol und Sex. „Dann nahm das Schicksal seinen Lauf“, sagte der Richter. Dem Mann habe sie gesagt, ihr Sohn sei bei ihrer Mutter. Dabei hatte sie „selbst schlimme Bilder im Kopf, dass der Sohn tot sein könnte“, warf ihr der Richter in der Begründung des noch nicht rechtskräftigen Urteils vor. Doch sie tat nichts.

Vom Kindergarten hatte die Frau ihr Kind wegen einer angeblichen Hautkrankheit abgemeldet. Ihre Garantenstellung, wie es im Juristen-Deutsch heißt, bekam der Junge zu dieser Zeit nur durch Vorräte im Küchenschrank zu spüren. Erst eine Heilpädagogin schlug Alarm, nachdem der Junge Termine versäumt hatte. Die Feuerwehr brach die Wohnungstür auf und fand den Vierjährigen lebend und in einem überraschend guten Zustand. Inzwischen wohnt er laut Richter bei einer Pflegefamilie und fragt nur noch selten nach seiner Mutter. „Der Junge ist aufgeschlossen und intelligent“, sagte er.

Der Sohn hätte sterben können

Vor dem durch Nichtstun gequälten Jungen hatte die Angeklagte bereits mehrere Kinder zur Welt gebracht. Eines lebt bei Pflegeltern, das andere in der Familie des Vaters. Das, was ihr Anwalt Akzentuierungen der Persönlichkeit nennt, glich lange einem tristen Muster. „In depressiven Phasen neigt sie dazu, Drogen zu nehmen und sich in ihre eigene Welt zurückzuziehen“, sagte der Richter unter Berufung auf Gutachter. Diese eigene Welt befand sich im Spätsommer 2012 in der kleinen Wohnung ihrer Kneipen-Bekanntschaft.

Schuldunfähig sei sie deswegen aber nicht, argumentierte die Kammer. Schließlich sei der geständigen Frau durchaus bewusst gewesen, dass der Sohn hätte sterben können. Doch Pläne, zu ihm zurückzukehren, habe sie nicht gehabt.

„Ich bereue wirklich, was passiert ist“

Eine als Bewährungsauflage verhängte Suchttherapie soll der früheren Prostituierten, die schon als Jugendliche Drogen nahm, nun zu einem geregelten Leben verhelfen. „Sie muss nun an den Dingen arbeiten, die ihr zu diesem Urteil verholfen haben“, kommentierte ihr Anwalt die Entscheidung. Die Staatsanwältin hatte zuvor dreieinhalb Jahre Gefängnis gefordert.

„Es ist gut, dass das Gericht meiner Auffassung gefolgt ist, dass es versuchter Totschlag ist“, gewann auch die Staatsanwältin dem Urteil etwas ab. Doch beim Strafmaß folgte das Gericht dem Antrag des Rechtsanwalts, der eine Bewährungsstrafe gefordert hatte. Die, so der Richter, könne „gerade noch“ ausgesetzt werden, da es um einen minder schweren Fall des versuchten Totschlags gehe. Die nicht vorbestrafte Frau, die inzwischen in der Nähe von Aachen lebt, hatte zuvor in ihrem letzten Wort gesagt: „Ich bereue wirklich, was passiert ist. Ich hoffe, dass ich hier noch mal eine letzte Chance bekomme.“ Die hat die Kammer ihr nun gegeben. (dpa/lno)