Umweltkatastrophe

Waldbrände in Kanadas Provinz Alberta sind außer Kontrolle

| Lesedauer: 5 Minuten
Jörg Michel und Gisela Ostwald
Am Samstag bedeckten die Waldbrände in Kanada noch eine Fläche doppelt so groß wie Hamburg, inzwischen soll sich die Fläche verdoppelt haben.

Am Samstag bedeckten die Waldbrände in Kanada noch eine Fläche doppelt so groß wie Hamburg, inzwischen soll sich die Fläche verdoppelt haben.

Foto: MARK BLINCH / REUTERS

Die Feuerwehr bekommt die riesigen Waldbrände im kanadischen Alberta nicht in den Griff. Das Feuer wird wohl noch wochenlang lodern.

Edmonton.  Die gewaltige Feuerwalze in der kanadischen Provinz Alberta ist nicht zu stoppen. Nach Fort McMurray rollt sie jetzt auf die Nachbarprovinz Saskatchewan zu. Die Flammen haben sich innerhalb von 24 Stunden um das Doppelte ausgebreitet – 2000 Quadratkilometer sind bereits verbrannt. Die Fläche könnte sich schnell auf 3000 Quadratkilometer ausdehnen, sagte Albertas Regierungschefin Rachel Notley. Laut Feuerwehrchef Darby Allen ist eine Ausweitung gar auf 4000 Quadratkilometer möglich. Zum Vergleich: Kanadas Millionenmetropole Toronto hat eine Fläche von 630 Quadratkilometern. Nur Regen könnte das Feuer stoppen, doch der ist nicht Sicht. Das Feuer, angefacht von Windböen und ungewöhnlich hohen Temperaturen, wird noch Wochen brennen, wie Allen sagte.

Regierungschefin Noteley wandte sich an die etwa 90.000 Bewohner aus Fort McMurray, die die Stadt unter dramatischen Bedingungen verlassen mussten: „Selbst wenn das Feuer gelöscht ist, fällt noch enorm viel Arbeit an, um die Stadt wieder sicher und bewohnbar zu machen“, sagte sie. Die meisten Straßen hätten keinen Strom. Das örtliche Wasser sei „nicht trinkbar“, und überall drohten Gefahren.

Feuerwehrchef Allen stimmte ihr zu. „Es wird ein schwieriger Prozess“, sagte er. Allen ist der Mann der Stunde. Wegen seines besonnenen Einsatzes im Kampf gegen die Flammen ist er binnen kürzester Zeit zum Nationalhelden aufgestiegen: „Im Namen einer dankbaren Nation: Danke für Ihre außergewöhnliche Führungsstärke“, schrieb ein Kanadier auf Twitter. Unter seiner Anleitung kämpfen derzeit über 1000 Feuerwehrleute verzweifelt und rund um die Uhr gegen die seit Tagen lodernden Feuer. Ein aussichtsloser Kampf, sagt er.

Vor Ort warnt die Feuerwehr davor, dass „das Feuer überspringt“, berichtet ZDF-Korrespondent Johannes Hano nur wenige Kilometer entfernt von Fort McMurray. Es sei so heiß in den Flammen, dass der Sog brennende Bäume aus der Erde rausreiße und teilweise kilometerweit entfernt wieder ablade. Bäume fielen wie Feuerwerkskörper auf Häuser, Tankstellen gingen in die Luft. Selbst mit Scheinwerfern lag die Sicht bei wenigen Metern.

Es grenze an ein Wunder, dass bislang niemand in den Flammen umgekommen ist, sagte der Feuerwehrchef. Allerdings starben zwei Teenager bei einem Autounfall auf dem Weg aus der Stadt. In ihrer Panik, der Feuerwalze zu entkommen, waren Autofahrer auch auf Bürgersteige ausgewichen, um die endlosen Fahrzeugkolonnen zu überholen, so die Zeitung „Globe and Mail“.

Ein Bewohner von Fort McMurray berichtete in der „New York Times“, dass er mit Kind und Hund im Wagen das Sechsfache der üblichen Fahrtzeit von 45 Minuten aus der Stadt gebraucht habe. Einige seiner Nachbarn seien neun Stunden in Kolonnen eingekeilt gewesen.

„Es war traumatisch. Der Himmel war pechschwarz, und ich konnte kaum noch atmen“, berichtet Greg, einer der Bewohner von Fort Murray, der in Edmonton untergebracht wurde. 25.000 Verbliebene wurden noch über eine Luftbrücke ausgeflogen. In der Stadt sollen mindestens 2000 Gebäude in Schutt und Asche liegen. Bilder von abgebrannten Häusern und Autos erinnern an Krieg, berichten die Medien.

Wie Greg haben Tausende tagelang in einem Camp ausgeharrt und gehofft, die Feuersbrunst würde sich legen. Doch das Gegenteil ist passiert.

Es gab auch gute Nachrichten von der chaotischen Räumung der Stadt. Alle Patienten in Fort McMurrays Krankenhaus wurden heil aus der Stadt geflogen. Ein Baby erblickte mitten im Chaos das Licht der Welt. Ein verlobtes Paar wollte nach der Flucht aus dem Inferno nicht länger warten und stellte in nur fünf Stunden seine Hochzeit auf die Beine.

Teuerste Katastrophe in der Geschichte des Landes

Starker Wind treibt die Feuerwalze jetzt ungebremst Richtung Norden voran, wo vor allem große uralte Fichtenwälder die Landschaft prägen. Hier leben Schwarzbären, Elche und Heerscharen von Vögeln.

Kanadische Medien sprechen von der schlimmsten und teuersten Katastrophe in der Geschichte des Landes. Zu den geschätzten Verlusten von bereits neun Milliarden kanadischen Dollar (etwa sechs Milliarden Euro) zählt der Ausfall der Öleinnahmen.

Eine Million Barrel kam täglich aus der für ihren Ölsand bekannten Region, schrieb die Zeitung „Globe and Mail“. Das sei ein Viertel von Kanadas gesamter Ölproduktion. Ölkonzerne wie Shell haben wegen des Feuers vorsorglich ihre Produktion in der Region heruntergefahren. Der Ölpreis ist dadurch bereits gestiegen. Wie lange das Feuer die Ölsandgewinnung bei Fort McMurray lahmlegen wird, ist unklar.

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos