Muttertag

„Mama, ich habe Angst, deine Stimme zu vergessen“

| Lesedauer: 3 Minuten
Benjamin Köhler
Eines der letzten Fotos von Benjamin Köhler und seiner Mutter. Sie starb vor vier Jahren.

Eines der letzten Fotos von Benjamin Köhler und seiner Mutter. Sie starb vor vier Jahren.

Foto: privat

Der Muttertag erinnert mich immer an all die Dinge, die ich meiner Mutter nicht mehr erzählen kann. Sie ist tot – und ich bin erst 25.

Berlin.  Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Wie jedes Jahr nerven mich auch jetzt wieder Dutzende E-Mails mit Gutscheinen für Muttertagsblumen. Auch wenn wir in Zeiten personalisierter Werbung leben und ich manchmal das Gefühl habe, dass Google meine Wünsche besser kennt als ich selbst – hier scheinen die Grenzen dann doch deutlich gesetzt zu sein. Denn es betrifft mich nicht mehr.

Nein, ich werde den Tag, der alle Mütter ehren soll, nicht vergessen.

Aber vor vier Jahren ist meine eigene Mutter gestorben. An Krebs. Sechs Jahre kämpfte sie unermüdlich gegen ihn, um am Ende doch zu kapitulieren. Damals, bevor alles anfing, war ich einer dieser von Pickeln geplagten Teenager, der sein Leben als 15-Jähriger unbeschwert genießen konnte. Der Tod war weit weg. Und Krebs, diese Teufelskrankheit, hatten doch immer nur die anderen. Dachte ich.

Ich muss jetzt so viel ohne dich erleben

Heute weiß ich, dass der Tod schneller kommt als man denkt. Heute weiß ich, dass ich Angst davor habe, ihre Stimme zu vergessen, weil ich sie nie wieder hören werde. Heute weiß ich, dass ich alles, was ich erlebe, ohne dich erleben werde. Mama, ich vermisse dich.

Zu erfahren, dass du mir nicht mehr sagen kannst, dass alles noch so Schlimme gar nicht so schlimm ist, wie es anfänglich scheint, war hart. Die erste Zeit nach deinem Tod musste ich verstehen, dass ich nicht mehr einfach so zum Telefonhörer greifen konnte, um mit dir über meine Probleme zu reden. Ich musste realisieren, dass du jetzt einfach weg warst und wir nicht mehr wie früher an den Wochenenden mit rotweinverschmierten Gesichtern bis tief in die Nacht in der Küche sitzen können.

Du hast mich immer „Froschkönig“ genannt

Ich erinnere mich, wie du mich einmal am Morgen danach fürs Frühstück nicht aus dem Bett kriegen konntest. Ich erinnere mich auch daran, wie du dich den ganzen Tag um mich gekümmert hast, als ich krank und noch klein war. Wie du mich jeden Morgen mit einem Kuss geweckt hast. Und wie du mich, auch als ich schon erwachsen war, immer „Froschkönig“ genannt hast.

Jetzt bin ich 25. Vier Jahre sind seit deinem Tod schon vergangen. Eine Zeit, in der so viel passiert ist – ohne dich. Als ich in meiner Abiturverleihung saß, blieb dieser eine Platz neben mir leer. Auch meine große Liebe konntest du nicht mehr kennenlernen, wie auch mein neues WG-Zimmer. Und du wirst noch so viel mehr verpassen: meinen Führerschein, meinen Uniabschluss, meine Kinder, meine Familie, meinen Job.

Ich werde dich am Sonntag besuchen

Nie wieder wirst du mich überraschen können. So wie damals an meinem 21. Geburtstag. Als du mit meinem Lieblingskuchen plötzlich in der Tür standest und dein Gesicht dieses Lächeln trug, das mir sagen wollte, dass du stolz auf mich bist. Hätte ich gewusst, dass dies mein letzter Geburtstag ist, den ich mit dir feiern durfte – ich hätte nicht gewollt, dass er jemals zu Ende geht.

Am Muttertag werde ich dich auf dem Friedhof besuchen kommen. Und vielleicht haben die nervigen Muttertagserinnerungen dann doch noch etwas Gutes: Von dem Gutschein habe ich dir Orchideen besorgt. Deine Lieblingsblumen.

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